Als Toni Sailer im Februar 1956 in Cortina d’Ampezzo im Zielraum steht, sagt er wenig. Ein „eh gut gegangen“ ist überliefert. Kein Pathos, kein Triumphgeheul. Und das nach drei Siegen bei drei Starts – ein sporthistorisches Unikum.
Österreich, wenige Monate nach dem Staatsvertrag, findet im jungen Skifahrer mit den eisblauen Augen und der weißen Zipfelmütze ein Bild von sich selbst: leistungsfähig, modern, international anschlussfähig. Sailer wird zum „schwarzen Blitz aus Kitz“, zur Ikone, obwohl – oder gerade weil – er nur ein einziges Mal Olympiateilnehmer ist.
Jetzt, 70 Jahre später, kehrt die olympische Welt wieder nach Cortina d’Ampezzo zurück – im Rahmen der Olympischen Spiele von Mailand. Das Jubiläum lenkt den Blick auf eine Geschichte, die weit vor Sailer beginnt. Die Winterspiele entstanden nach dem Ersten Weltkrieg, in einem Europa, das nach Normalität, Austausch und Versöhnung suchte.
Im Jänner 1924 trafen sich rund 250 Athleten aus 16 Ländern im französischen Alpenort Chamonix. Was zunächst „Internationale Wintersportwoche“ hieß, wurde erst später zu den ersten Olympischen Winterspielen erklärt. Lange war nämlich nicht klar, ob es im Winter Spiele in der antiken Tradition geben sollte.
Zu groß waren die Nordischen Spiele in Skandinavien, die keine Konkurrenz wollten, zu unwichtig der alpine Skilauf. „Außerdem war das olympische Projekt stark durch Pierre de Coubertin geprägt und der war kein Alpinist“, erzählt der Sporthistoriker Rudolf Müllner über den Erfinder der Olympischen Spiele. Erst mit seinem Rückzug aus dem Internationalen Olympischen Komitee war der Weg für ein Winterformat frei.
Premiere 1924
Die ersten Spiele hatten weder Glamour noch technische Perfektion, aber sie trugen die Hoffnung einer Generation in sich, die den Krieg hinter sich lassen wollte und auf Sport als Gegenentwurf setzte.
Chamonix kam ganz ohne Fernsehübertragungen aus, ohne präzise elektronische Zeitnahme. Es gab simple Eisbahnen, anfällige Naturstrecken und eine überschaubare Zahl an Ländern, Athleten und Sportarten:
Die ersten Stars kamen aus dem Eiskunstlauf, und die Österreicher gehörten zu den dominierenden Nationen. Herma Szabo gewann Gold im Damenbewerb, Helene Engelmann und Alfred Berger triumphierten im Paarlauf, Karl Schäfer wurde zur prägenden Figur der 1920er-Jahre und holte 1928 und 1932 Olympiagold.
„Der Wiener Eislauf-Verein war damals eine Kaderschmiede. Wien ist eines der Zentren des internationalen Eislaufs. Die frühen Winterspiele sind imperial, urban, bürgerlich und europäisch geprägt“, sagt Müllner. Weniger Bergsport als Bühnenkunst auf Eis.
Identitätssuche
Zwischen den 1930er- und 1950er-Jahren wandert Österreichs olympische Identität von der Eisfläche auf den Hang. „Der Eiskunstlauf hatte in den 1930ern nicht die Kraft eine nationale Identität zu befördern, weil er lokal begrenzt und die österreichische Identität damals so brüchig war“, sagt der Sporthistoriker.
Die Geburtsstunde der Sportnation Österreich schlägt daher mit den Alpinbewerben. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird der Skilauf zur Leitdisziplin: billiger, breiter, national aufladbar.