Ist die olympische Idee nur noch eine Floskel?
Wie viel Weltpolitik steckt in den Olympischen Spielen?
Während heuer mit Olympischen Spielen und Fußball-WM gleich zwei sportliche Großereignisse die globale Aufmerksamkeit bündeln, scheinen in der Weltpolitik diverse Dämme zu brechen. Sport-Wettbewerbe sollen die Idee des friedlichen Wettstreits feiern und eine Plattform für den Frieden darstellen. Aber in dieser politisch schwer angespannten Zeit wirkt das wie eine naive Wunschvorstellung. Kriege schwelen oder eskalieren, autoritäre Regime gewinnen an Einfluss, mächtige Staatsoberhäupter setzen sich über alle Regeln hinweg.
Die Welt ordnet sich neu, nicht entlang von Werten, sondern entlang von Interessen. Und mitten in dieser Gemengelage: der Sport. Der versteht sich gern und zunehmend als unpolitisch. Als Raum, in dem Leistung zählt, nicht unbedingt Haltung.
Doch die Behauptung, Sport sei unpolitisch, war nie mehr als eine bequeme Ausrede. Denn der Sport ist doch längst ein globales Machtfeld: gesellschaftlich, medial, finanziell. Allein der Fußball bewegt Summen, die die Budgets mancher Staaten übersteigen. TV-Gelder explodieren, Transfersummen erreichen schwindelerregende Höhen. Der Sport ist Big Business – und genau darin liegt sein Dilemma. Warum nutzt er diese Macht nicht? Warum erhebt er seine Stimme nicht lauter gegen Krieg, gegen Unterdrückung, gegen die Erosion von Wahrheit?
Verlässlichkeit statt Reibung
Vielleicht, weil er zu eng verflochten ist mit jenen Kräften, die er kritisieren müsste. Sponsoren, Investoren, Ausrichterstaaten. Sie alle erwarten Verlässlichkeit, wollen keine Reibung. Wer Milliarden zahlt, will keine moralischen Debatten, sondern Bilder, Quoten, Rendite. Der Sport ordnet sich der kapitalistischen Logik unter, weil er von ihr lebt.
Hinzu kommt eine (social-)mediale Realität, in der klare Botschaften riskant sind. Haltung polarisiert in Sekundenschnelle. Verbände fürchten Boykotte, Athletinnen und Athleten Sanktionen oder Ablenkung, Funktionäre vielleicht den Verlust von Privilegien.
Also bleibt man vage, spricht von „Dialog“ und „Brückenbau“, während die ursprünglichen Werte verwässert werden. Die olympische Idee – „Frieden durch Begegnung“ – verkommt zunehmend zur Floskel. Dabei könnte der Sport so viel mehr. Er erreicht Milliarden, prägt Identitäten, schafft Vorbilder, setzt Agenden. Er könnte Standards einfordern, Bedingungen stellen, Missstände benennen. Dass er es so selten tut, ist keine Naturgegebenheit, sondern eine Entscheidung.
Gerade jetzt müsste der Sport zeigen, dass er mehr ist als ein Spiegel der politischen Verhältnisse. Im Gegenteil – er könnte ein Gegenentwurf sein und zeigen: Seht her, hier funktioniert es besser!
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