Krot und Spiele: Noch kein Olympia-Feeling in Bormio

Noch sehr überschaubar: In Bormio ist noch nicht viel los.
In Bormio merkt man noch nicht viel, dass am Freitag die Olympischen Spiele eröffnet werden. Das ist schade und hausgemacht. Denn diese Winterspiele könnten gerade auch in Österreich stattfinden.
Christoph Geiler

Christoph Geiler

Mitten im finsteren, einspurigen Munt-la-Schera-Tunnel, der die Außenwelt mit dem Olympiaort Livigno verbindet, geht einem das erste Mal ein Licht auf. Was mache ich hier überhaupt?

Und spätestens wenn nach quälenden Serpentinen der Passo d’Eira (2.210 Meter Seehöhe) und der Passo di Foscagno (2.291) passiert sind und der Rückwärtsgang nicht nur einmal eingelegt werden musste, weil durch diese engen kleinen Bergdörfer dummerweise immer nur ein Auto passt, kommt endgültig die große Erleuchtung: Eigentlich sollte ich jetzt daheim sein.

Tiroler Veto

Daheim in Innsbruck, wo die Olympischen Winterspiele von Mailand-Cortina tatsächlich hätten stattfinden sollen. Das war einst auch der erklärte Wunsch des Internationalen Olympischen Committees (IOC), das richtiggehend Feuer und Flamme war für eine Bewerbung von Innsbruck und Tirol.

Nach drei Winterspielen, die entweder politisch inszeniert waren (Sotschi 2014), emotionslos und technokratisch rüberkamen (Pyeongchang 2018) oder aber durch und durch steril (Peking 2022) sein mussten, war die Sehnsucht groß nach einem Olympia wie in guten alten Zeiten. Nur nahm dem IOC dieser plötzliche Sinneswandel niemand mehr ab. Die Tiroler sprachen sich im Herbst 2017 mit 53,35 Prozent gegen die dritten Spiele nach 1964 und 1976 aus.

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In Bormio ist man noch nicht Feuer und Flamme für Olympia

Damit wurde es nichts mit grünen Winterspielen in Tirol, bei denen sämtliche Wettkampforte von St. Anton über Seefeld und Kitzbühel bis hin nach Hochfilzen mit dem Zug erreichbar gewesen wären. Wer jetzt hier in Norditalien versucht, umweltbewusst per Eisenbahn ans Ziel zu kommen, steht zwangsläufig am Abstellgleis: Antholz, Livigno, Cortina und Bormio haben allesamt keinen Bahnhof.

Ganz abgesehen davon, dass es eine halbe Weltreise ist von Cortina (Wettkämpfe der Ski-Frauen, Curling, Eiskanal) unweit der Grenze zu Osttirol nach Bormio (Ski-Herren, Skibergsteigen) mit seiner unmittelbaren Nähe zur Schweiz.

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Bühne frei in Bormio

Halbe Sache

In Skikreisen schütteln alle nur den Kopf, dass die Bewerbe der Frauen und Männer so aus der Welt sind. Das führt nicht nur dazu, dass der Teambewerb gestrichen werden musste, in dem Österreich der Titelverteidiger wäre. Die Rennen in Bormio verkommen dadurch auch zu einem mittelprächtigen Weltcup, halt unter dem Siegel der Olympischen Ringe.

Viele der Betreuer, Helfer und Reporter, die den Skitross durch den Winter begleiten und nun im tiefsten Veltlin gestrandet sind, kommen direkt von den Weltcupklassikern in Adelboden, Wengen, Kitzbühel und Schladming. Also von den jährlichen Festwochen des alpinen Skisports mit 200.000 Fans an den Pisten, jeder Menge Spektakel und Show und Promis wie Arnold Schwarzenegger.

Ob er hier in Bormio wirklich sein berühmtes I’ll be back zum Besten geben würde? Oder nicht vielleicht doch eher: I’ll stay away.

Stilles Örtchen

So dürften offenbar viele denken. Denn 36 Stunden vor der Eröffnung präsentiert sich Bormio erschreckend verschlafen und gleicht einem stillen Örtchen. Die Fensterläden der Appartmenthäuser sind reihenweise zugeklappt, die Straßen beängstigend verwaist. Zwischen die Volunteers in ihren blau-türkisen Overalls und die Ordnungshüter in all ihrer Buntheit (Carabinieri, Polizia Stradale, Polizia Locale, Guardia di Finanzia, Forestale) mischen sich kaum Olympia-Fans.

Wie denn auch. Die groß angekündigten Fahrverbote und verrückte Hotelpreise – wohlgemerkt an allen Olympia-Standorten – haben viele abgeschreckt. Wer am Donnerstag in Bormio kurzfristig ein Einzelzimmer für die nächsten zwei Wochen buchen wollte, hätte dafür sage und schreibe, bis zu 47.889 (!) Euro loswerden können.

Leere Betten

Dabei würden genügend Zimmer leer stehen. Die Wirtin im Albergo La Montanara wartet seit Tagen auf Gäste, die einfach nicht aufgetaucht sind. „Immerhin haben sie 90 Prozent bereits bezahlt“, sagt sie. Ein Hotel im Zentrum von Bormio hat seit dem Wochenende Zimmer für eine 40-köpfige Reisegruppe reserviert, gekommen ist niemand. „Das ist nicht wirklich gut organisiert“, grummelt die Wirtin. „Es ist einfach nichts los.“

Man kann auch nicht behaupten, dass sich Bormio groß herausgeputzt hat wie es zum Beispiel andere Regionen und Destinationen tun, wenn einmal Olympia bei ihnen vorbeischaut. Am Ortsschild gibt es nicht den geringsten Hinweis darauf, dass hier gerade die Winterspiele stattfinden, zumindest stehen im Zentrum bei einigen Geschäften die Auslagen im Zeichen der Ringe. Nur nimmt kaum jemand davon Notiz, weil keiner da ist.

Aber vielleicht ist das alles ohnehin nur die Ruhe vor dem Sturm. Mögen die Spiele beginnen.

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