Der Kaiser unterfertigt in Ischl das Manifest "An Meine Völker"

© /Repro: Reinhard Vogel

Was geschah vor 100 Jahren
07/27/2014

28. Juli 1914: Ein Sommertag als Anfang vom Ende

Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg, das Unheil nimmt seinen Lauf.

von Gabriele Kuhn

28. Juni bis 28. Juli 1914 – ein Monat, in dem die Weichen für die Urkatastrophe des Jahrhunderts gestellt wurden. Der KURIER erinnert in seiner 31-teiligen Serie daran, was auf den Tag genau vor 100 Jahren geschah. Heute der letzte Teil, der 28. Juli 1914, der Tag, an dem Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklärte.

Der Tag ist sonnig, doch Gewitter liegen in der Luft. Im Buch „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ dokumentiert der australische Historiker Christopher Clark das Tagesgeschehen: Am Morgen des 28. Juli 1914 unterschreibt Kaiser Franz Joseph in seinem Arbeitszimmer in der kaiserlichen Villa in Bad Ischl am Schreibtisch mit einem Federkiel die Kriegserklärung an Serbien. Vor ihm steht eine Büste seiner verstorbenen Frau aus weißem Marmor.

„An meine Völker“

Der 84-Jährige wendet sich in einem Manifest, das man im Außenministerium für ihn vorbereitet hat, an seine Untertanen. Es wird mittels Plakaten in elf verschiedenen Sprachen in allen Teilen der Österreichisch-Ungarischen Monarchie publiziert. „An Meine Völker!“ gilt als Versuch, bei der Bevölkerung um Verständnis für den Krieg zu werben. Es beginnt mit einer Lüge: „Es war mein sehnlichster Wunsch, die Jahre, die mir durch Gottes Gnade noch beschieden sind, Werken des Friedens zu weihen und Meine Völker vor den schweren Opfern und Lasten des Krieges zu bewahren. Im Rate der Vorsehung ward es anders beschlossen.“ Doch diese „Vorsehung“ war nichts anderes als das Ergebnis einer bewussten Militarisierung, inszeniert von österreichischen Offizieren, Beamten und Ministern. Die k.u.k. Regimenter sind marschbereit.

Viele Blätter berichten von großer Euphorie – wie etwa die Reichspost: „Die Begeisterung der österreichischen Völker über die Schritte ihrer Regierung gegen Serbien hält an, ja sie wird immer größer.“ Oder: „Die Würfel sind gefallen. Mit hellem Jubel nahm die Bevölkerung die Botschaft, die bald durch Extraausgaben bekannt wurde, auf. Es umarmten sich Leute auf den Straßen.“ Victor Adler, Begründer und Vorsitzender der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs, hofft, dass sich der drohende Krieg vermeiden ließe: „Daran glauben heißt vielleicht an ein Wunder glauben.“ Bereits wenige Stunden nach Übermittlung der Erklärung starten erste Kriegshandlungen. Das Unheil nimmt seinen Lauf.

Hoffnung und Alltag

Und sonst? Alltägliches – noch. Denn erst einmal hofft die Bevölkerung auf ein rasches Ende der Kriegshandlungen. Die Firma Del-Ka veranstaltet einen Spezialabverkauf brauner Damen- und Herrenhalbschuhe. Im Pilsner Tagblatt stellt man Eheleuten eine „patentierte, hygienische Erfindung“ in Aussicht. Ein Unfall ist passiert: Von der Kaimauer unterhalb der Aspernbrücke in Wien fällt ein Achtjähriger in den Donaukanal und ertrinkt.

Wucher und Angst

Der Krieg hinterlässt bald erste Spuren im Alltagsleben. Die Rathauskorrespondenz schreibt: „In den Bezirken Favoriten, Simmering und Ottakring werden möblierte Zimmer für Offiziere und in allen Bezirken Wiens Stallungen für Pferde gebraucht.“ Die Menschen ängstigen sich um ihr Geld, die Presse beruhigt: „So liegt denn nach keiner Richtung hin für die Bevölkerung ein Anlaß vor, um ihr erspartes Geld besorgt zu sein.“ 7000 Wiener heben bei der Ersten Österreichischen Sparkasse vier Millionen Kronen ab: „Schon um 7 Uhr standen die Einleger in dichten Reihen vor den Eingängen des Amtes ... Die sich Drängenden bestanden fast durchwegs aus Frauen in ärmlichen Kleidern.“ Fälle von Preistreiberei werden ruchbar – Kartoffeln sind über Nacht doppelt so teuer. Der Bürgermeister von Wien, Richard Weiskirchner, ermahnt die Bevölkerung.
Nur einige Tage später titelt das Wiener Montags-Journal: „Europa in Flammen“, „Russland und Frankreich eröffnen die Feindseligkeiten, auch Deutschland erklärt den Krieg an Russland.“ Der Sommer wird stiller. In den „Stimmungsberichten der Kriegszeit“, verfasst von der k.k. Polizeidirektion Wien (erstmals veröffentlicht in der Wienbibliothek digital) wird bereits im Oktober 1914 notiert: „... doch macht sich der allgemeine Wunsch bemerkbar, dass der Krieg bald zu Ende sein möge, da die Sorge um den Lebensunterhalt immer größer wird.“ Ein Jahr nach Kriegsbeginn wird beschrieben, dass „die vergangenen Woche hinsichtlich der Volksstimmung, als eine der kritischsten seit Kriegsbeginn bezeichnet werden kann; es kostet die Wachorgane größte Mühe, die Bevölkerung in ihrer nahezu verzweifelten Lage von Ausschreitungen abzuhalten. Im Juni 1917 steht geschrieben, dass sich in der Bevölkerung keiner mehr für die Kriegsereignisse interessiert. Stattdessen herrscht allerorts Verzweiflung, Hunger, Hoffnungslosigkeit.
Mindestens 6 Millionen Zivilisten sterben, von ca. 60 Millionen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg kämpften, lassen 9 Millionen ihr Leben auf den Schlachtfeldern.

Ende der Serie

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Die traumatischen Erlebnisse der Ahnen wirken bis heute

Einen Monat lang dokumentierte die Lebensart-Redaktion die Ereignisse, die in die „Urkatastrophe des 20 Jahrhunderts“ mündeten. Wir tauchten in die Stimmung der Menschen ein, die im Juli 1914 nicht erahnen konnten, was auf sie zukommen würde – nämlich der „30-jährige Krieg des 20. Jahrhunderts, bis 1945“, wie es Charles de Gaulle formulierte.

Ungelebte Trauer

30 Jahre Leid – für unsere Urgroßeltern, Großeltern und Eltern. Nicht nur. Laut aktueller Forschung wirken die Traumata nach – bis heute. Eines der Gründe dafür ist das Schweigen, das sich viele Zeitzeugen auferlegen (mussten). Nicht unbedingt, weil sie damit Böses wollten, sondern aus Selbstschutz. Wer kennt nicht Sätze wie Lassen wir das Vergangene doch ruhen. Wenn gesprochen wurde, dann mit emotionaler Distanz, dazu kommt ungelebte Trauer.
Gabriele Baring kennt das. Die Systemtherapeutin aus Berlin arbeitet mit Kriegskindern und Kriegsenkeln, die erzählen, dass die Erfahrungen der Vorfahren im Dunkeln blieben – wie von einem Schleier des Schweigens umhüllt. Verschwunden sind die Traumata dennoch nicht. „Es ist erwiesen, dass sie über Generationen hinweg wirken – und zwar so, als wären sie gestern geschehen. Leid, das nicht bearbeitet und worüber nicht gesprochen wurde, hat enorme Wirkkraft.“
Außerdem ist Baring davon überzeugt, dass mit dem Ersten Weltkrieg etwas einsetzte, was wir als vaterloses Jahrhundert bezeichnen. „Männer starben, und wenn sie aus dem Krieg zurückkamen, waren sie gebrochen. Sie schlingerten und konnten der äußerst autoritär erzogenen Jugend kein Vorbild mehr sein. Auch daraus entstanden Strömungen, die sich Hitler später zunutze machen konnte“, diagnostiziert die Therapeutin.
Gabriele Baring hat zu diesem Thema vor einigen Jahren ein – umstrittenes – Buch geschrieben. In „Die geheimen Ängste der Deutschen“ (Scorpio-Verlag) beschäftigte sie sich mit der „Last“, deutsch zu sein und sich anzunehmen. Hauptursache dafür seien die erwähnten Traumata des 20. Jahrhunderts. „Zwei Weltkriege und zwei Diktaturen sind an kaum einer Familie spurlos vorübergegangen – dazu die zynische Definition der Nazi-Diktatur von lebensunwertem Leben mit den bekannten Folgen, den unfassbaren Massenmorden.“

Verzicht auf Glück

Indem sich Menschen unbewusst mit den Schicksalen ihrer Vorfahren verbinden, werden sie die Gespenster von einst nicht los. Die Folgen sind vielfältig – sie äußern sich als psychische Störungen, aber auch als körperliche Krankheiten. Laut Baring handle es sich dabei um einen „freiwilligen Verzicht auf Glück“. Obwohl Kriegsenkel in Wohlstand und Sicherheit aufgewachsen seien, gäbe es unerklärliche Angstzustände, Schuldgefühle, Depressionen – und eine Epidemie namens Burn-out. Die Diagnose ADHS bei den „schwer tragenden“ Kindern sieht Baring ebenfalls in diesem Zusammenhang. Alles Verletzungen, ohne je einen Fliegeralarm erlebt zu haben.

Bis knapp nach der Jahrtausendwende war das alles kein Thema. Doch „der Nebel lichtet sich“, konstatiert die Journalistin Susanne Bode. Auch sie schrieb ein Buch: In „Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation“ widmet sie sich den zwischen 1960 und 1975 Geborenen, die aus ihrer Sicht „mehr Fragen als Antworten“ hätten: „Wieso haben viele das Gefühl, nicht genau zu wissen, wer man ist und wohin man will? Wo liegen die Ursachen für diese diffuse Angst vor der Zukunft? Weshalb bleiben so viele von ihnen kinderlos?“
All diesen Fragen widmen sich mittlerweile ganze Kongresse und „Kriegsenkelgruppen“. In Österreich setzt sich etwa die Site kriegsenkel.at „wider das Vergessen“ ein.

Trauma in den Genen

Untermauert wird dies durch die Erkenntnisse aus der Epigenetik, die sich der Frage widmet, welche Faktoren die Aktivität eines Gens und damit die Entwicklung der Zelle (dauerhaft) festlegen und ob dies an die Folgegeneration vererbt werde. Neurobiologen der ETH Zürich haben etwa entschlüsselt, dass extremer Stress, feindliche Lebensumstände oder Traumata auf Zellebene wirken und die Regulation negativ beeinflussen. Fazit: Traumatische Erfahrungen hinterlassen Spuren im Gehirn, Organen und den Keimzellen. Über diese würden sie an die nächsten Generationen weitergegeben. Ein Beispiel: Kinder von Überlebenden des Hungerwinters in Holland, 1944/’45, kamen kleiner und leichter zur Welt, waren aber zäh. Allerdings entwickelten sie später eher Diabetes und Infarkt, aufgrund der genetischen Prägung, aus wenig Essen viel Nahrung zu mobilisieren. In der Ära des Überflusses fatal.
Dazu kommt, dass bestimmte Gene durch Traumata an- oder ausgeknipst werden – etwa solche, die Stress regulieren. Am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München werden solche epigenetischen Faktoren posttraumatischer Belastungsstörungen untersucht – etwa, wie sich Missbrauchserfahrungen in der Kindheit auf die Genaktivität im Erwachsenenalter auswirken. Es zeigte sich, dass es zu verschiedenen chemischen Veränderungen des Erbmoleküls kam: Die DNA in der Gruppe der Misshandelten zeigte ein charakteristisches Muster, der Missbrauch in der Kindheit spiegelt sich also in den Genen der Erwachsenen wieder, die Informationen werden vererbt.
Laut Gabriele Baring sei „Heilung“ dennoch möglich – durch Hinsehen, Aufarbeiten, Bewusstwerdung und Integration des schweren Erbes. „Ich würde jedem Menschen in Europa raten, sich seiner Wurzeln zu vergewissern. Sich das ganze große Familiensystem anzusehen, über mehrere Generationen. Denn von dort kommen unsere Kräfte, aber auch die Dinge, die uns blockieren. Verstrickungen, Hemmungen, Schuldgefühle. Jeder, der Licht sehen will und in seinem Leben Freiheit erlangen möchte, sollte sich das einmal anschauen.“ Und sich erinnern, wofür schon der große Erich Fried plädierte: „Ich will mich erinnern. An alles, was man vergisst. Denn ich kann nicht retten. Ohne mich zu erinnern. Auch mich nicht und nicht meine Kinder.“

1914 bis 1919: Das Kinderelend in Wien

Auf den Tag genau vor 100 Jahren

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