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Was geschah vor 100 Jahren
06/28/2014

29. Juni 1914: Der Tag danach

Entsetzen. Trauer. Unglaube. Und die Erinnerung an eine seltsame Prophezeiung.

von Gabriele Kuhn

28. Juni bis 28. Juli 1914 – ein Monat, in dem die Weichen für die Urkatastrophe des Jahrhunderts gestellt wurden. Der KURIER erinnert in seiner 31-teiligen Serie daran, was auf den Tag genau vor 100 Jahren geschah. Heute: der 29. Juni 1914, der Tag nach dem Attentat.

Sommerlich warm, heiter – nur nachmittags ein paar Gewitter. Welch ein Tag für eine Landpartie. Es ist "Peter und Paul" – der Feiertag, an dem die Galans ihre Dirndln in den Wiener Prater ausführen, zum Heurigen oder in den Wienerwald.

Doch die "gräßliche" Nachricht vom Tod des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Gattin Herzogin Sophie von Hohenberg hat sich über alle Provinzen der Monarchie verbreitet. Die Stimmung oszilliert zwischen Unglauben, Entrüstung und "tiefstem Mitgefühl". Man notiert: "Ein strahlender Feiertagsmorgen glühte dann über die trauernde Stadt herauf und fand sie noch immer in derselben fassungslosen Starrheit." Der damals 28-jährige Zoologe Karl von Frisch – er erhielt 1973 gemeinsam mit Konrad Lorenz den Nobelpreis – schrieb in seinem Buch "Erinnerung eines Biologen" (1962): "Peter und Paul verlockte mich zu einem kurzen Ausflug nach Brunnwinkl, wo meine Mutter und zum Teil auch meine Brüder bereits zum Sommeraufenthalt eingetroffen waren. Schon am 28. Juni war ich dort und wir saßen eben vergnügt beim Nachmittags-Kaffee, als jemand die Nachricht brachte, der österreichische Thronfolger (...) sei ermordet worden."

Die Kunde "löst große Bestürzung in den Kurorten hervor", in den Sommerfrischen finden Trauerkundgebungen statt. In Sarajewo werden die Leichen des Thronfolgers und seiner Gattin einbalsamiert, nachdem zuvor die Totenmasken abgenommen wurden. Dabei zeigt sich, dass die rechte Schlagader und die Luftröhre des Erzherzogs vollkommen zertrümmert sind. Bei der Herzogin ist die große Bauchhöhlenvene zur Gänze zerrissen. Der Tod erfolgte bei beiden durch "Verblutung innerhalb kürzester Zeit". Bei der Herzogin wird das komplett intakte Projektil in der Bauchhöhle vorgefunden und der Staatsanwaltschaft übergeben.

Schwarzer Salon

Die Aufbahrung der Leichen findet in einem schwarz ausgeschlagenen Salon im ersten Stock des Konaks (Amtssitz des österreichisch-ungarischen Gouverneurs für Bosnien und die Herzegowina, Anm.) statt. Die Metallsärge ruhen auf einem Katafalk, ringsum Blattpflanzen und Kerzen.

Details zu den Attentätern Gavrilo Princip und Nedeljko Čabrinović werden bekannt. In Sarajewo kommt es zu Unruhen – "die Erregung in der Stadt wächst". Infolge dessen wird dort das Standrecht verhängt – und per Trommelschlag bzw. Plakatierung proklamiert. "Die Demonstrationen nahmen, da sich den Demonstranten auch der Pöbel zugesellte, einen immer bedrohlicheren Umfang an. Zahlreiche serbische Kaufläden wurden gestürmt und geplündert", wird die Wiener Zeitung am Tag danach vermelden.

Aus den Zeitungen des 29. Juni

Zeitungen 1. Weltkrieg…

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Hochsaison für die Trauer-Branche

Wien und alle Landeshauptstädte haben Trauerschmuck angelegt. Die Herren tragen schwarze Binden am Arm, Damen verschiedenste Trauerzeichen. Hochsaison für eine ganze Branche: In den Zeitungen wirbt man für Fahnenstoffe, eine chemische Putzerei in der Großen Neugasse bietet Echtschwarzfärberei aller Kleider binnen 24 Stunden. Der W.A.F. schlägt die Vienna 4:1.

Seine Majestät, der Kaiser verlässt um 6 Uhr Morgens per Hofsonderzug Bad Ischl und landet um 11 Uhr 10 Minuten am Bahnhof Penzing. Menschen stehen Spalier, die Zeitungen notieren anderntags: "Das Aussehen Sr. Majestät war trotz der Aufregungen und der Arbeitslast des gestrigen Tages ein frisches."

Das Flugmeeting in Aspern ist schlecht besucht, drei Franzosen gewinnen das Geschwindigkeitsmatch. Das Wiener Journal erwähnt unter dem Titel "Die unheimliche Prophezeiung" die "bekannte Prophetin" Mme. de Thebe. Deren Prognose lautete zu Beginn des Jahres 1914: "Heuer, noch vor Ablauf der ersten Jahreshälfte, wird der Erbe einer der mächtigsten Krone der Welt mit seiner Gemahlin eines gewaltsamen Todes sterben."

Karl von Frisch schreibt in den "Erinnerungen eines Biologen" weiter: "Ich erinnerte mich an Äußerungen, als wäre durch seinen jähen Tod eine Gefahr für die Zukunft Österreichs abgewendet. Die Wirklichkeit sah anders aus. Einen Monat später kam der Krieg."

Die große KURIER-Sonderausgabe zum ersten Weltkrieg finden Sie hier.

Impressionen: Wien um die Jahrhundertwende

Mehr Videos über die Jahre 1914 bis 1918 finden Sie hier.

Auf den Tag genau vor 100 Jahren

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