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Was geschah vor 100 Jahren
07/02/2014

3. Juli: "Wegen der Trauer verboten"

Erster Weltkrieg. Die Welt ist noch nicht zur Tagesordnung zurück gekehrt.

von Hedwig Derka

28. Juni bis 28. Juli 1914 – ein Monat, in dem die Weichen für die Urkatastrophe des Jahrhunderts gestellt wurden. Der KURIER erinnert in seiner 31-teiligen Serie daran, was auf den Tag genau vor 100 Jahren geschah. Heute: Heute: der 3. Juli 1914, der Tag der Leichenfeierlichkeiten.

Das Alltagsleben der Monarchie ist außer Tritt geraten. Noch an Tag vier nach dem Attentat in Sarajewo herrscht Ausnahmezustand: Der Österreichische Theater-Direktoren-Verband teilt über die Zeitungen des 4. Juli 1914 mit, dass alle Bühnen geschlossen bleiben. Kein Auftritt für die „Kinokönigin“. Sämtliche Börsen finden wegen der „Leichenfeierlichkeiten des Herrn Erzherzogs Franz Ferdinand“ nicht statt, berichten die Blätter. Volksbelustigungen wie z.B. das Sommerfest in Trofaiach sind laut Arbeiterwille. Organ des arbeitenden Volkes für Steiermark und Kärnten „wegen der Trauer verboten“ und werden um eine Woche verschoben.

Trauer über die Grenzen hinweg

Auch die Welt zwischen London und St. Petersburg ist an jenem 3. Juli noch nicht zur Tagesordnung zurück gekehrt – nachzulesen im Online-Zeitungs-Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek unter http://anno.onb.ac.at/. Sie zeigt sich ob der Ermordung des Thronfolgers und seiner über alle Etiketten hinweg geliebten Gemahlin erschüttert: Requiem in der Westminsterkathedrale, Totenmesse in der St. Katharinen-Kirche, die deutsche Kriegsmarine zieht Fahnen auf Halbmast und feuert in allen Häfen je 21 Salutschüsse ab, der belgische Hof legt Trauer für 15 Tage an.

Das Leben geht trotzdem weiter, das Sterben – von Staatsmann bis zum gemeinen Volk – ebenso. Die Arbeiter-Zeitung titelt in ihrer Morgenausgabe: „Der große Verführer. Josef Chamberlain gestorben.“ und wettert gegen den zuletzt schwer kranken Briten, der lange Leitfigur der Liberalen war.

Verabschieden sich „Normalsterbliche“ für immer, kommen kleine Lettern zum Einsatz. Das Deutsche Südmährenblatt vermeldet, dass mit Herrn Franz Parenth ein braver deutscher Mann dahingegangen ist. Die Nachricht ist zwischen den „sehr gut gelungenen Versuchen des Heeres“, statt Einbrennsuppe und schwarzen Kaffees Milch und Trockenmilch zum Frühstück anzubieten, gesetzt, und den Aufruf des Reichsvereins „Stenothypistenverbund“, am Gabelsberger Preisausschreiben 1914 teilzunehmen. Auch in Inseraten wird bürgerlich gestorben. Großflächig ist die innigstgeliebte, unvergesslich Rosa Wahle, geb. Kuh, „sanft ins bessere Jenseits entschlafen“. Von unfassbarem Schmerze erfüllt, geben die Hinterbliebenen bekannt, dass Hermann Mendl-Felsenburg am Zentralfriedhof zur ewigen Ruhe bestattet wird. Allen „möge die deutsche Erde leicht sein“.

Gewaltsamer Tod

Der Tod kommt freilich nicht immer so friedlich. Während der Kaiser seine Rückkehr von Wien nach Ischl vorbereitet, feuert in Stolac, einer Kleinstadt in der Herzegowina, ein Serbe Revolverschüsse in die Menge und forderte damit – wie die Neue Freie Presse fett hervorhebt – „ein Todesopfer der antiserbischen Demonstrationen“.

Die Propagandamaschinerie der Vorkriegstage läuft. Die Wiener Zeitung wiederum gibt mit „Abgestürzte Aviatiker“ einem Flugzeugunglück Raum: Der Korporal „blieb sofort tot“, der Zustand seines Passagiers ist hoffnungslos. Man bedenke, die Geschichte der gesteuerten Motorfliegerei ist gerade erst zehn Jahre alt. Sie wird sich im Krieg rasant weiterentwickeln – vom Aufklärer zum Kampfbomber.

Zukunftsmusik ist 1914 auch die Abschaffung der Todesstrafe in Österreich. Und so erfahren Zeitungsleser am 4. Juli aus St. Pölten: „Der wegen des Mordes an einem Gendarmen zum Tode verurteilte Gustav Artner, der immer beteuert hat, daß er unschuldig sei, begann in der Nacht nach der Verurteilung in der Zelle so zu brüllen, dass kein Häftling schlafen konnte. Er wurde nun in einem Raume im Keller eingesperrt und tobt hier weiter.“

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Auf den Tag genau vor 100 Jahren

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