Das „Interessante Blatt“ skizziert eine Führungsberatung. Graf Tisza (3. v. re.) sitzt direkt neben Generalstabschef Hötzendorf (2. v. re.)

© /ÖNB

Was geschah vor 100 Jahren
07/14/2014

15. Juli: Stehen die Zeichen auf Krieg oder Frieden?

Die Medien interpretieren die Rede Istvan Tiszas unterschiedlich - und die Bevölkerung wird mit profanen Sonderangeboten gelockt.

von Ingrid Teufl

28. Juni bis 28. Juli 1914 – ein Monat, in dem die Weichen für die Urkatastrophe des Jahrhunderts gestellt wurden. Der KURIER erinnert in seiner 31-teiligen Serie daran, was auf den Tag genau vor 100 Jahren geschah. Heute: der 14. Juli 1914, der Tag an dem man die Beziehungen zu Serbien diskutiert.

Der Ton in der politischen Berichterstattung wird rauer, auch wenn die Worte noch mit Bedacht gewählt werden. Aber zwischen den Zeilen, da bleibt viel Platz für Spekulationen – und die Medien nutzen ihn. Ein Satz in der mit Spannung erwarteten Rede von Graf Stephan (István) Tisza, seines Zeichens ungarischer Ministerpräsident, vor dem ungarischen Ministerrat wird seitenweise analysiert: „Die Beziehungen zu Serbien sind jedenfalls zu klären.“ Eigentlich ist es vor allem das Wort „jedenfalls“. Was will Tisza damit zwischen den Zeilen, in der Sprache der hohen Politik wirklich sagen? Die Rede müsse „in jeder Zeile genau wieder und wieder gelesen werden, um die Beschlüsse, die aus der gestrigen Besprechung in Wien hervorgegangen sind zu erkennen.“

Stehen die Zeichen auf Krieg, wie es der Wiener Rechtsgelehrte Josef Redlich von seinem Freund Graf Alexander Hoyos, 1914 wichtigster Berater des Außenministers, erfuhr? Oder doch auf Frieden? Die Neue Freie Presse hat ihre Meinung bereits verfestigt: „Der Friede kann nur durch einen Krieg bis aufs Messer gegen das Großserbentum gerettet werden. Es hat der Welt so viel Übles zugefügt, dass schon die Menschlichkeit das vollständige Ausmerzen dieses Gewächses, dessen Früchte giftig wie Tollkirschen sind, verlangt.“ Dennoch habe Tisza „den Frieden in die erste Reihe gestellt“ und habe „sorgfältig darauf geachtet, dass ihm kein Wort entschlüpfe, dass dem Frieden den Weg versperren könnte.“ Aber mit seiner „Jedenfalls“-Formulierung „scheint der Schritt in Belgrad zum erstenmal auch im Munde eines verantwortlichen Staatsmannes gewissermaßen offiziell angekündigt zu werden“. Die sozialdemokratische Arbeiterzeitung mutmaßt, womöglich wollte Tisza mit seinen Forumulierungen den Serben lediglich „drohen und sie durch Einschüchterung fügsamer machen“.

Da jedoch Landesverteidigungs- und Innenminister sowie Generalstabschef bereits in die Sommerfrische aufgebrochen sind und sich der Kriegsminister „heute oder morgen nach dem Orte seiner Sommerfrische“ begibt, müsse Tisza also die Friedensabsicht besonders unterstrichen haben. „Denn man wird den Krieg wohl nicht ohne die Chefs der Kriegsverwaltung oder gar ohne den Generalstabschef vorbereiten.“

Margarine und billige Semmeln sollen das Börsel schonen

Abseits der großen Politik muss auch in diesen Vorkriegstagen gegessen und getrunken werden. Im Börsel soll dabei auch noch was bleiben. Wo sonst als in der Arbeiterzeitung wirbt die sozialdemokratische Wiener Bäckerei „Hammerbrot. Gut. Billig.“ (Jahrzehnte später sollte sie in der Anker-Bäckerei aufgehen, Anm.). Jetzt ist noch nicht bekannt, dass der Krieg so richtig Gewinn bringen würde. Und zwar mit der Produktion von Militärzwieback. Die Blaimschein’schen Margarine- und Butterfabriken in Wien 15 (1938 liquidiert, Anm.) bewerben ihre „Unikum-Margarine“ schon anno 1914 als „um die Hälfte billigerer, einziger Butterersatz“.

Dabei handelt es sich nicht, wie später üblich, um eine reine Pflanzenmargarine. Die Basis aus „reinstem Rinderfett“, gilt als nahrhaft, verarbeitet wird es mit pasteurisiertem Rahm. Darum sei sie auch vielfältig einsetzbar: zum Braten und Backen ebenso wie auf’s Butterbrot. Am anderen Ende von Wien läuft dieser Tage auch die Malzfabrik Stadlau auf hohen Touren. Man wirbt mit dem Slogan „Der Küche bester Freund ist Graf’s Würfel“. Gemeint sind damit Suppen-Brühwürfel, mit denen die Firma beachtliche Marktanteile inne hatte. Egal, ob Ersatzstoffe wie Margarine oder Suppenwürfel das Leben der Hausfrau erleichtern und verbilligen sollte: Qualität ist so oder so wichtig. Die Firma Titze stellt Feigenkaffee her, unter anderem aus Getreide. Sie sieht sich im Linzer Volksblatt zu einer „Warnung vor minderwertigen Nachahmungen“ ihres „bestbewährten Kaiser Feigenkafees“ genötigt. Doch so weit wie die Vorarlberger Wacht geht der Feigenkaffeehersteller nicht. Das Blatt aus dem Westen des Landes empfiehlt seinen Lesern überhaupt: „Kauft nur bei Inserenten unseres Blattes.“

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