Österreichs Wirtschaft wird von Deutschland eingebremst

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Rückblick

Das war das Wirtschafts-Jahr 2022

Rekordpreise für Energie, die höchste Inflation seit 70 Jahren, Streiks und Krypto-Crash. Der KURIER fasst das Geschehen zusammen.

von Martin Meyrath

12/26/2022, 05:00 AM

Das größte Thema in der Wirtschaft war die Energiekrise, ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Als Reaktion haben sich die EU-Staaten auf mehrere Sanktionspakete gegen Russland geeinigt. Russland andererseits hat insbesondere die Gas-Lieferungen eingesetzt, um Europa unter Druck zu setzen. Russland war aber mit mehr als einem Viertel der Öl- und etwa 40 Prozent der Gasimporte der wichtigste Energielieferant Europas - in Österreich war Anteil mit 80 Prozent besonders hoch.

Die gestiegenen Preise sind beim Sprit zuerst bei den Verbrauchern angekommen. Im März kosteten Diesel und Benzin in Österreich erstmals mehr als zwei Euro.

Stärker war der Anstieg im Großhandel aber bei Gas und in Folge auch bei Strom (die Preise sind gekoppelt, weil Strom auch durch die Verbrennung von Gas produziert wird, Anm.). Haushaltsenergie generell ist um 50 Prozent teurer als im Vorjahr, bei Gas und Pellets beträgt der Anstieg mehr als 100 Prozent. Wohlgemerkt kommen die Preissteigerungen bei den Haushalten erst mit Verzögerungen an, also sind die Preisspitzen vom Sommer noch gar nicht in den Vorschreibungen. Für die Großabnehmer wie Industriebetriebe bedeuten die hohen Energiepreise natürlich höhere Kosten – die sie nach Möglichkeit an die Kunden weitergeben.

Und damit kommen wir zum Thema Inflation: Diese stieg heuer weltweit und im Euroraum auf zuletzt rund 10 Prozent, in Österreich im Oktober sogar auf 11 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit 70 Jahren. Treiber waren die Energiekosten, denn Energie ist in der Wertschöpfungskette überall enthalten, etwa in der Warenproduktion, Transporten oder Kühlketten.

Besonders stark hat sich die Teuerung bei den Baukosten ausgewirkt. Dabei spielen neben den Energiekosten auch Verwerfungen auf den Lieferketten in Folge der Pandemie eine wichtige Rolle. Moderne Heizgeräte sind derzeit zum Beispiel nur sehr eingeschränkt lieferbar. Zweitens hat die Finanzmarktaufsicht aus Sorge vor zu vielen faulen Krediten strengere Vergabekriterien für Immobilienkredite erlassen. Auch die Preise für Grundstücke sind seit Beginn deutlich gestiegen. All diese Faktoren haben heuer - nach dem Anstieg seit Beginn der Corona-Pandemie - zu einem Ende des privaten Baubooms geführt, weil es sich viele nicht mehr leisten können. Nicht davon betroffen sind die großen Unternehmen der Bauindustrie, die hauptsächlich von öffentlichen Aufträgen wie Infrastrukturprojekten leben.

Die Teuerungsrate hat sich natürlich in den KV-Verhandlungen ausgewirkt, weil die Arbeitnehmervertreter die Reallohnverluste zumindest gering halten wollten. Weil die Betriebe aber auf der anderen Seite hohe (v.a. Energie-)Kosten zu tragen hatten, standen die Arbeitgebervertreter auf der Bremse und so kam es – für Österreich untypisch – zu Streiks, unter anderem der Eisenbahner, der Bierbrauer sowie im privaten Pflege-, Gesundheits- und Sozialbereich.

Die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde

Um der Inflation entgegenzuwirken haben die Notenbanken die Leitzinsen angehoben. Die USA reagierten früher, dort liegt der Leitzins inzwischen mehr als 4 Prozent. In der Eurozone, wo der Leitzins seit 2016 bei Null lag, hob ihn die EZB in vier Schritten auf 2,5 Prozent an.

Diese Zinsschritte werden sich - zusammen mit den hohen Energiepreisen - aller Voraussicht nach auf die Konjunktur auswirken und das Wachstum weiter bremsen. Die Wirtschaftsforscher mussten ihre Prognosen heuer mehrfach nach unten korrigieren. Das ist aber insofern nicht verwunderlich, als der Ukriane-Krieg nicht vorab einberechnet werden konnte. Im ersten Halbjahr gab es noch starke Aufhol-Effekte von der Corona-Pandemie. Im Quartal betrug das Wirtschaftswachstum 9,2 Prozent, im zweiten Quartal legte die Wirtschaft um 6 Prozent zu. Im dritten waren es nur noch 1,7 Prozent.

Der Abschwung zeigt sich auch an den Börsen, wohlgemerkt ausgehend vom hohen Niveau eines sehr starken Börsenjahres 2021. Mit Kriegsbeginn kam es international zu Kursstürzen. Der heimische Leitindex ATX hat im Jahresvergleich knapp 20 Prozent verloren, der Deutsche DAX imd der Euro Stoxx 50 mehr als 10 Prozent.

Spektakulär eingebrochen sind die Kurse von Kryptowährungen: Die bekannteste, der Bitcoin, notierte im April noch bei mehr als 40.000 US-Dollar, ist inzwischen zwischen 15.000 und 20.000 US-Dollar. Dazu muss man sagen, dass es hier immer schon starke Turbulenzen gegeben hat und in den letzten Jahren einen massiven Boom. Einerseits wegen dem Nullzinsumfeld und dem Einstieg von Großinvestoren und  zweitens, weil viele vor allem junge Leute in Corona-Pandemie damit zu zocken begonnen haben. Da viel Geld in den Sektor geflossen ist und weil die Transaktionen trotz Blockchain recht undurchsichtig sind, ist der weitgehend unregulierte Sektor auch für Schwarzgeld,Geldwäsche und Betrug anfällig. Ein solcher Betrugsfall war auch der Kollaps der Kryptobörse FTX im November. Was in diesem Bereich noch auf uns zukommt, wissen wir nicht.

Derweil hat ein anderer Bereich größere realwirtschaftliche Verwerfungen ausgelöst: Die Kurse der Tech-Konzerne sind mit Einsetzen der Corona-Pandemie in lichte Höhen gestiegen und haben heuer eine deutliche Korrektur durchgemacht. Die Aktie des Facebook-Konzerns Meta hat im Jahresvergleich etwa 60 Prozent verloren, die Amazon-Aktie hat knapp die Hälfte ihres Wertes eingebüßt, bei Google-Mutter Alphabet war es etwa ein Drittel.

Den Tech-Konzernen verdanken wir auch die vielleicht skurrilste Wirtschaftsgeschichte des Jahres: Tesla-Chef Elon Musk hat im April angekündigt, die Mehrheit an Twitter zu kaufen, wollte es sich dann aber anders überlegt haben. Schließlich erwarb er die Plattform Ende Oktober um 44 Milliarden US-Dollar.

Musk kann sich auf Geldsegen freuen

Seitdem ist dort so ziemlich alles schief gegangen: Nutzerschwund, Werbekunden gingen verloren und Musks teilweise grotesk anmutende, medial inszenierte Personalpolitik führe zu unkontrollierten Mitarbeiter-Abgängen, ausgerechnet vor der Fußball-Weltmeisterschaft. In Folge hat auch die Tesla-Aktie, auf der das Vermögen Musks zu einem Gutteil beruht, weiter an Wert verloren. Im Jahresvergleich liegt sie etwa 60 Prozent im Minus. Der reichste Mensch der Welt ist deswegen nach der Aufstellung von Forbes Magazine wieder der Franzose Bernard Arnault vom Luxuskonzern LVMH.

Da die Kritik an seinem Management-Stil entsprechend zugenommen hat, hat Musk inzwischen seinen Rückzug als Twitter-Chef angekündigt. Es wird also sehr schnell nach der Entlassung der alten Führungsriege wieder ein neuer Chef oder eine neue Chefin gesucht.

In Österreich ist im Oktober Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz gestorben. Er galt mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 15 Milliarden Euro als der reichste Österreicher. Mateschitz hatte die Marke international bekannt gemacht, vor allem mit Sponsorings, zunächst in Extremsportarten, aber auch in Formel 1 und Fussball. Das Unternehmen wird von mehreren Managern aus dem Konzern weitergeführt.

Die ungewöhnlichste Geschichte des Jahres ist aber wohl der Liquiditätsengpass bei Österreichs größtem regionalen Energieversorger. Im August pumpte Wien Energie die Bundesregierung um Hilfe an. Wohlgemerkt geschah dies zu einer Zeit, in der darüber diskutiert wurde, ob und wie die Zufallsgewinne von Energieunternehmen besteuert werden sollen. Nun war Wien Energie zu keiner Zeit pleite im Sinne von überschuldet.

Passiert ist das Folgende: Das Unternehmen handelt an der Energiebörse mit Gas und Strom, und zwar im Vorhinein. Das wurde teilweise als Skandal wahrgenommen, ist in der Energiewirtschaft aber alltäglich: Wer ein Kraftwerk betreibt sichert seine Produktion ab und wer zum Beispiel in einem halben Jahr Strom an Kunden liefern muss, kümmert sich rechtzeitig darum, dass er die Lieferung auch leisten kann. Beim anonymen Handel an der Börse müssen die Unternehmen Sicherheiten hinterlegen. Das sichert den Geschäftspartner gegen einen Ausfall ab. Nach Abschluss des Geschäfts bekommen die Handelspartner ihre Sicherheiten zurück. Das passiert laufend bzw. rollierend, wenn Lieferverträge erfüllt und neue Verträge in der Zukunft abgeschlossen werden. Wenn aber der Wert eines zu liefernden Produkts steigt, müssen Sicherheiten nachgezahlt werden. Im August ist der Strompreis sprunghaft angestiegen und hat sich an einem Tag vom Gaspreis gelöst, der das Gegengeschäft absichern sollte (sogenannter Cross Commodity Hedge, Anm.). Wien Energie sollte damit von Samstag auf Montag 1,8 Milliarden Euro zahlen. Das konnte das Unternehmen mit Hilfe der Eigentümer gerade noch, es war aber unklar, wie es am Montag weitergehen würde. Wien Energie hat das Geld vom Bund schlussendlich nicht gebraucht – im Effekt bedeutet das, Wien Energie hätte sich den öffentlichen Aufschrei erspart, wenn sie den nächsten Handelstag abgewartet hätten.

Ob ein Fehlverhalten vorliegt, wird noch untersucht. Wenngleich in Österreich nur Wien Energie betroffen war, bedeutet das nicht notwendigerweise, dass das Unternehmen selbst schuld ist. Europaweit sind heuer einige große Stromproduzenten in die selbe Problematik geschlittert, in einigen Ländern gibt es deswegen staatliche "Schutzschirme". Auch ein guter Teil österreichische Stromwirtschaft hat sich in einer Befragung für solche Maßnahmen ausgesprochen.

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