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Fußball
11/28/2013

Wettskandal: Schwarze Liste und 31 Verdächtige

Am Mittwoch wurde Taboga festgenommen, am Donnerstag wurden 20 Fußballer verhört, gab es Hausdurchsuchungen in vier Bundesländern.

von Andreas Heidenreich, Alexander Huber, Raffaela Lindorfer

Es war der bisher härteste Schlag gegen die Wettmafia in Österreich. Die Folgen der „Operation Rinas“ sind gewaltig. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat Donnerstagvormittag Hausdurchsuchungen in Wien, Niederösterreich, Kärnten und Salzburg durchgeführt. Außerdem wurden in einer akkordierten Polizeiaktion 20 aktive bzw. ehemalige Fußballer einvernommen. Darunter befinden sich jene sieben Profis, die Dominique Taboga bei Grödig und Kapfenberg (angeblich vergeblich) wegen Spielmanipulationen angesprochen hat.

Taboga ist nun offiziell vom Opfer zum Beschuldigten mutiert. Der Ex-Grödig-Verteidiger wurde am Mittwoch beim Spazierengehen in Kärnten verhaftet und sitzt in U-Haft – ebenso wie Sanel Kuljic. Beim Ex-Teamstürmer besteht wie nun bei Taboga weiterhin Verdunkelungsgefahr. Der Niederösterreicher hatte die Affäre ins Rollen gebracht, weil er Kuljic und einen Komplizen aus Tschetschenien wegen Erpressung anzeigte.

Mittlerweile wird freilich auch der 31-Jährige „wegen Betruges in Zusammenhang von Spielmanipulation und Wettbetrug verdächtigt“, wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft Salzburg Marcus Neher erklärte.

Weiters werde gegen Taboga auch wegen Veruntreuung ermittelt, weil er 5000 Euro aus der Mannschaftskasse des SV Grödig genommen haben soll.

Neue Schlüsselfigur

Neben Kuljic und Taboga ist Johannes L. zur dritten Schlüsselfigur aufgestiegen. L. spielte in der Saison 2004/’05 mit Taboga beim damaligen Zweitligist Leoben. Zuletzt war der 32-jährige Kärntner Teammanager beim Svetits-Klub Austria Klagenfurt in der Regionalliga Mitte.

Der Ex-Profi, der noch in der Kärntner Unterliga für Sachsenburg aktiv war, wurde als einer der möglichen Drahtzieher ebenso wie zwei Albaner verhaftet.

Bei der Vernehmung dieses Trios kam es zu Geständnissen. Außerdem wurde bei beiden Albanern die jeweils idente Namensliste gefunden: 26 Fußballer (von der Bundesliga bis in die Regionalliga), die in Zusammenhang mit manipulierten Partien stehen sollen. Mit dieser Liste bekamen die Ermittlungen neuen Schwung.

Es gibt zusätzlich fünf Personen, die aufgrund von Einvernahmen auch noch zum engen Kreis der Verdächtigen gezählt werden. Derzeit umfasst die „schwarze Liste“ somit 31 Verdächtige. Die Polizei geht davon aus, dass sich dieser Kreis im Zuge der Einvernahmen noch ausweitet. Es soll bereits weitere Geständnisse geben.
Es dürfte laut Polizei sogar eine kriminelle Vereinigung großen Stils sein.

Bereits suspendiert wurde ein Trainer der Vorarlberger Nachwuchs-Akademie, der ebenfalls verdächtig ist.
Eine Schadenssumme konnte am Donnerstag bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz in Salzburg noch nicht beziffert werden. Die Ermittler wollten aus ermittlungstechnischen Gründen auch noch keine ungefähre Zahl sagen.

Bei den Betrügereien zwischen 2004 und 2013 wurde nicht nur das Ergebnis manipuliert – auch auf Elfmeter oder sogar Eckbälle soll nach Absprachen gewettet worden sein. Im Zentrum der Ermittlungen stehen nun Spiele von Leoben, Kapfenberg und Grödig – also ein Teil der Ex-Klubs von Taboga, Kuljic und L..
Als letzter Fall wird übrigens das 2:2 von Grödig gegen Rapid mit einem späten Elfmeterfoul von Taboga angeführt.

Taboga nicht gesperrt

Tabogas Unterkunft wurde ebenfalls durchsucht – der Haftbefehl war aber vorher schon ausgestellt, die Aussage von L. dürfte eine Rolle gespielt haben. Laut Polizei war der „Leidensdruck zu groß“.

Taboga ist übrigens offiziell noch nicht gesperrt. Immerhin wurde bei der Bundesliga ein Verfahren gegen ihn eingeleitet. Dieses kann jedoch erst abgeschlossen werden, nachdem der Beschuldigte selbst eine Stellungnahme abgegeben hat. Zum einen sei die Frist dafür noch nicht abgelaufen, zum anderen könne es erst dazu kommen, wenn Taboga wieder auf freiem Fuß ist, erklärte die Bundesliga.

Für alle Verdächtigen gilt wie immer die Unschuldsvermutung.

Gekaufte Spiele: Viele Verdachtsfälle

Zehn Jahre, mehr als 30 Fälle

Um 17 bis 19 vermutlich manipulierte Spiele in den Jahren 2004 bis 2013 ist die verdächtige Liste am Donnerstag erweitert worden. Als Schlüsselfiguren gelten neben Kuljic, Taboga und L., die 2004 bei Leoben aufeinandertrafen.

Allerdings wird auch noch die Liste der Staatsanwaltschaft Graz mit 15 manipulierten Partien zwischen 2009 und 2011 abgearbeitet.

Demnach gibt es Hinweise, dass in zehn Jahren über 30 Spiele in Österreich manipuliert gewesen sein sollen. Es gilt die Unschuldsvermutung. Dazu gibt es zwei Klarstellungen: Nicht immer gingen die geplanten Manipulationen auf, „geplante Niederlagen“ wurden zu Siegen. Außerdem stehen bei den Untersuchungen „nicht die Vereine als solche im Verdacht. Es geht immer um einzelne Personen aus der damaligen Mannschaft oder deren Umfeld“, wie Hansjörg Bacher von der Staatsanwaltschaft Graz erklärt. Unter den Verdächtigen der „alten Liste“ finden sich Ex-Spieler der Vereine Kapfenberg, Wiener Neustadt, Hartberg, Vienna und FC Lustenau.

Ausgewachsener Skandal

Sie war schon sehr – ähm – mutig, die vor ein paar Tagen getätigte Aussage von Hans Rinner, welcher bekanntlich Präsident der österreichischen Bundesliga ist. „In Summe dürfte es am Ende nicht so dramatisch ausgehen, wie viele glauben“, preschte er vor. Und beeilte sich mit der Feststellung, österreichische Schiebereien seien mit den erwachsenen Wett- und Manipulationsskandalen, veröffentlicht in „Bochum“ oder gar passiert bei „Juventus Turin“, eh’ nicht zu vergleichen.

Sinngemäß ein Fliegenschiss im Gegensatz zu dieser stinkenden Kloake, die vor Österreichs Grenzen ohnehin Halt macht. Besser: Halt zu machen hat.

Und es mutet im Nachhinein eigenartig an, dass Liga-Vorstand Georg Pangl es ganz normal findet, wenn er den mit der Materie befassten Staatsanwalt XY nicht persönlich kennt. Sollte er aber, ist er doch hauptverantwortlich für die Sauberkeit in seinem Betrieb. Ein Bemühen, das schließlich auch nach außen dokumentiert sein sollte. Sich auf die – fraglos – nicht immer durchschaubare Vorgangsweise der Justiz auszureden, sich auf die eigene Machtlosigkeit zu berufen, ist zu wenig.

Warum das so ist?
Die Angst geht um, die Suche nach Sponsoren für das plötzlich arg zerzauste Produkt Fußball, für Österreichs Profiligen, könnte noch viel schwieriger werden. Das mag verständlich sein, doch die Rolle der Überraschten nimmt man den Verantwortlichen einfach nicht ab.

Fall Taboga ist nur die Spitze des Eisbergs

Die Statements klingen vertraut, werden dadurch aber nicht vertrauenswürdiger. Wie in einer Dauerschleife fährt die Führung von Bundesliga und ÖFB beim Kampf gegen die Wettmanipulation verbal im Kreis: „Volle Kooperation mit den Behörden“, „keine Beweise“, „Bitte um Akteneinsicht“, „keine Vorverurteilung“, „Bekenntnis zur Aufklärung“ – von Fall zu Fall müsste nur das Datum ausgetauscht werden.

Vor 350 Tagen deckte der KURIER auf, dass die Vienna 2011 in die Fänge der Wettmafia geraten war. Seither ist viel passiert – aber ob auch alles Mögliche getan wurde? 2013 ist jedenfalls das Jahr, in dem die Wettmanipulation Österreichs Fußball auch offiziell heimsuchte. Ein Überblick:

2. Dezember 2012 Der KURIER deckt auf, dass eine Handvoll damaliger Vienna-Spieler 2011 zumindest drei Partien in der zweiten Spielklasse verschoben hat.

3. Dezember 2012 Die Vienna bestätigt den KURIER-Bericht und will den Kampf gegen die Wettmafia zum Thema bei der Generalversammlung der Liga machen. Der Erfolg ist überschaubar.

31. Jänner 2013 Der bei der Vienna mit Handspielen im eigenen Strafraum aufgefallene Erdzan Beciri wird von Heiligenkreuz am Waasen angemeldet, obwohl die Vienna und der ÖFB den steirischen Landesligisten ausdrücklich gewarnt haben.

4. Februar 2013 Europol gibt bekannt, dass zwischen 2008 und 2011 in Europa zumindest 380 Spiele manipuliert wurden. Die höchste Zahlung an eine Einzelperson wurde mit rund 140.000 Euro in Österreich getätigt. Den europaweit höchsten Profit durch Wettbetrug gab es mit 700.000 Euro bei Red Bull Juniors – Hartberg (7:0).

14. Februar 2013 Bundesliga-Vorstand Georg Pangl kritisiert in einer live im Fernsehen ausgestrahlten Pressekonferenz Europol: „Der größte Teil dieser Enthüllungen ist ein alter Hut. Europol sollte strukturierter und durchdachter vorgehen.“

März 2013 Matthew Benham, Chef von Smartodds, sagt im deutschen Fachmagazin 11 Freunde über die Anfälligkeit von Ligen für Spielmanipulationen: „Schlimm sind Österreich und Spanien.“

6. April 2013 In den ersten beiden Spielminuten der Zweitliga-Partie Grödig – Kapfenberg (0:1) werden in Asien mehrere Hunderttausend Euro darauf gewettet, dass Tabellenführer Grödig (mit Dominique Taboga als Kapitän auf dem Feld) nicht gewinnt. Noch in der ersten Hälfte twittern Wett-Experten von einer „zu 100 Prozent geschobenen Partie“.

9. Juni 2013 Der frühere FIFA-Sicherheitschef Chris Eaton erklärt im KURIER: „Als Reaktion auf die Pandemie der Wettmanipulation hören wir vor allem Worte. Wettmanipulation ist lukrativer als der Drogenhandel.“ Und: „In Österreich gibt es mehrere ernsthafte Fälle.“

22. Juni 2013 Gerald Fretska, der Leiter der Task Force „Matchfixing“ im Innenministerium, sagt im KURIER: „Wir sind sicher, dass es in Österreich allein zwischen 2009 und 2011 mindestens 15 manipulierte Partien gegeben hat.“ Und: „Es gibt keinen Grund zu glauben, dass die Manipulationen seither aufgehört hätten. Wir sitzen bei diesem Netzwerk mittendrin.“

13. September 2013 Der ÖFB leitet gegen Mario Majstorovic (früher Kapfenberg) und Beciri (früher Vienna) verbandsrechtliche Schritte ein. Auf Servus TV erklärt der leitende Ermittler Andreas Holzer, dass weitere acht Verdächtige (keine Fußballer) vor der Anklage stehen.

7. November 2013 Die Kronen Zeitung berichtet, dass aus der 15-Spiele-Sperre für Majstorovic beim burgenländischen Klub Draßmarkt nach dem Geständnis (versuchte Wettmanipulation) sechs Monate werden – was durch die lange Winterpause im Amateur-Kick eine erhebliche Verringerung darstellt.

12. November 2013 Die Kronen Zeitung berichtet von der Verhaftung von Ex-Teamstürmer Sanel Kuljic und zwei Komplizen wegen der Erpressung von Taboga. Über Kuljic wird die U-Haft verhängt.

13. November 2013 Der Buch-Autor Benjamin Best sagt im KURIER: „Der ÖFB hat 2010 über die Probleme von Kuljic Bescheid gewusst, aber nichts unternommen.“ Durch einen Prozessbeobachter wären die Funktionäre auch über Ergebnisse der Staatsanwaltschaft Bochum informiert gewesen. Passend dazu zitierte das Sportmagazin schon im Juli 2012 aus den Akten und nannte Kuljic als verdächtig.

14. November 2013 Taboga fliegt bei Grödig raus, weil er im Frühjahr vier Mitspieler zur Spielmanipulation anstiften wollte. Drei davon sind noch beim Verein, sie hätten nach geltendem Recht Tabogas Versuch sofort melden müssen – Klub-Manager Haas ist dennoch „stolz auf diese Spieler“. Die Salzburger Nachrichten berichten, dass Taboga absichtliche Elfmeterfouls angeboten habe.

Die Bundesliga sucht derzeit Sponsoren. Neben den Verträgen der Hauptsponsoren tipp3 und T-Mobile läuft auch das Mandat von Liga-Präsident Hans Rinner aus.

Für alle Verdächtigen gilt die Unschuldsvermutung.

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