Sport | Bundesliga
27.02.2018

Fuhrmann: "Wir haben zu wenige Fußballerinnen"

Irene Fuhrmann, Co-Trainerin des Frauen-Nationalteams, über ihre Arbeit beim ÖFB und was von der EM-Euphorie des letzten Sommers geblieben ist.

Jahr eins nach dem "Sommermärchen" beginnt am Mittwoch um 18 Uhr auf Zypern. Österreich trifft im ersten Spiel des "Cyprus Women's Cup", einem großen Vorbereitungsturnier, auf Spanien (ab 16.50 Uhr live in ORF Sport +). Irene Fuhrmann ist als Co-Trainerin von Teamchef Dominik Thalhammer dabei. Die 37-Jährige war U-19-Teamchefin und ist zu Beginn des letzten Jahres als Assistentin zum A-Team geholt worden. Fuhrmann ist zudem seit Oktober die erste Österreicherin, die die UEFA-Pro-Lizenz, das höchste Trainer-Diplom des europäischen Fußballverbandes, besitzt.

KURIER: Das Halbfinale bei der Frauen-EM liegt nun fast genau ein halbes Jahr zurück. Was haben Sie als Trainerin davon mitgenommen, daraus gelernt?

Irene Fuhrmann: Ich persönlich habe mitgenommen, dass mit einer klaren Vision, mit Träumen aber auch mit harter Arbeit im Team noch sehr viel möglich ist. Dazu brauchen wir aber auch Spielerinnen, die offen für Neues sind. Gerade nach einer erfolgreichen Qualifikation waren die Spielerinnen bereit neue Ideen, neue Strategien auszuprobieren und umzusetzen. Als Trainerin habe ich auch erkannt, wie wichtig das Team hinter dem Team ist. Ich glaube, dass wir auch eine große Verantwortung hatten, den Teamchef in der Balance zu halten. Und was ich von Dominik Thalhammer gelernt habe, war die Führungsqualität.

Das Interview mit Irene Fuhrmann als Podcast:

Mit einem derart großen Erfolg bei der EM hat nicht wirklich jemand gerechnet. Wie schwer ist es dann danach, die Spielerinnen wieder neu zu motivieren und auf den Boden zu bringen?

Es ist Fakt, dass wir bei der Europameisterschaft über unserem Niveau agiert haben. Wir konnten dort sehr konstant und über lange Zeit unsere Leistungen bringen. Ich glaube aber, dass uns gerade der Start in die WM-Qualifikation gezeigt hat, dass wir sehr wohl bodenständig geblieben sind. Ich glaube, die Spielerinnen haben das gut verarbeitet und ich bin sehr optimistisch, dass sie auch weiter hart an sich arbeiten.

Die Erfolge des Teams haben für eine große Euphorie gesorgt, es war plötzlich eine große Begeisterung für den Frauenfußball zu spüren. Nun ein halbes Jahr später: Was ist davon tatsächlich geblieben?

Die öffentliche Wahrnehmung und die gesellschaftliche Akzeptanz des Frauenfußballs sind deutlich gestiegen. Oder vielleicht sogar erst entfacht worden. Und durch die mediale Präsenz haben wir es geschafft, unsere Nationalteamspielerinnen einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen und uns zu positionieren. Das war ein ganz wesentlicher Impuls für uns, dass Mädchen den Sport für sich erkannt haben und Fußball überhaupt in Betracht ziehen. Wir haben ein großes Problem in Österreich und das ist einfach die Anzahl der Fußball spielenden Mädchen und Frauen. Durch diesen Erfolg konnten wir auf jeden Fall eine Initialzündung starten. Und auch der Fan-Zuspruch - wenn ich etwa an das Israel-Spiel denke - ist weiterhin da (Anmerkung: Das Spiel in der Südstadt lockte mehr als 3000 Zuschauer an). Ich war als Assistenztrainerin extrem begeistert, wie das Publikum mitgegangen ist, wie jede positive Aktion angefeuert wurde. Und das genießen wir jetzt auch.

Während sich das Frauen-Nationalteam in den letzten Jahren stetig weiterentwickelte, tritt der österreichische Frauenfußball in der Breite weiter auf der Stelle. Wie haben Sie die Entwicklung in den letzten Jahren verfolgt?

Es hat sich enorm viel getan. Der ÖFB hat 2011 einen Meilenstein gesetzt, viel Geld in die Hand genommen und sich entschieden an der Spitze anzusetzen. Durch die Installierung des Nationalen Zentrums konnten wir einen Riesenschritt nach vorne machen. Vor allem im Hinblick auf das Frauen-Nationalteam, aber auch beim Nachwuchs. Wir konnten hier die Ausbildungslücke der Mädchen zwischen 14 und 19 Jahren schließen. Das zeigten dann auch die Ergebnisse, dass wir Anschluss an die europäische Spitze gefunden haben. Klar ist, dass es weiterhin Probleme gibt. Etwa was den Ligabetrieb betrifft, was aber mit der fehlenden Anzahl an Fußball spielenden Mädchen einhergeht. Sowohl qualitativ als auch quantitativ. Hier gilt es auch in den nächsten Monaten und Jahren anzusetzen und diesen Schwung der EM mitzunehmen.

Der Schwung soll mitgenommen werden. Wie groß ist die Gefahr, dass das - je weiter die EM zurückliegt - auch wieder etwas einschläft?

Die Gefahr ist natürlich da, aber wir haben jetzt eine sehr positive Resonanz. Es gibt auch bereits Arbeitsgruppen und es sind Ideen da. Aber man darf auch nicht erwarten, dass es von heute auf morgen gelingt, diese Ideen umzusetzen. Wir müssen mit Präzision und Geduld an die Sache herangehen. Das ist ein Großprojekt, das alle neun Landesverbände mittragen müssen.

Es wird aktuell diskutiert, wie ab Sommer 2019 gespielt wird. Auch ein Hauptsponsor für die Liga ist ein Thema. Was ist für sie die ideale Größe, das ideale Format der Frauen-Bundesliga?

Diese Entscheidung liegt bei den zuständigen Gremien. Fakt ist, dass wir zu wenige Spielerinnen haben. Für meinen Geschmack wäre eine Reduktion auf zumindest acht Teams eine Möglichkeit, diese Probleme in den Griff zu bekommen. Man darf aber nicht vergessen, dass eine gewisse Flächendeckung da sein muss. Auch, um die Attraktivität für einen Sponsor aufrecht zu erhalten. Und das alles hat ja auch Auswirkungen auf die Ligen darunter. Deshalb muss man sehr sorgsam damit umgehen, bevor Entscheidungen getroffen werden.

Sie sind nun seit knapp einem Jahr Assistenztrainerin von Dominik Thalhammer. Wie sieht die Aufgabenverteilung zwischen Ihnen beiden aus?

Dominik Thalhammer hat mich 2017 als Assistentin zum Frauen-Nationalteam geholt. Allerdings besteht unsere Zusammenarbeit ja schon seit 2011, als er als Leiter des Nationalen Zentrums für Frauenfußball eingesetzt wurde, diese Akademie aufgebaut und stark geprägt hat. Es geht natürlich darum, ihn bestmöglich in allen Bereichen zu unterstützen. Sei es die Planung, Umsetzung, Analyse oder Dokumentation des Trainings. Die Hauptaufgabe sehe ich aktuell aber in den Gegner-Analysen. Ansonsten fallen noch Aufgaben rund um den Matchbetrieb an. Ich glaube, dass wir uns einfach sehr gut ergänzen, weil wir uns schon sehr lange kennen und um unsere Stärken und Schwächen wissen.

Sie selbst sind die erste Österreicherin, die die UEFA-Pro-Lizenz besitzt. Wie sehen Ihre persönlichen Ziele als Trainerin aus? Wo sehen Sie sich in den nächsten Jahren?

Meine Herzensangelegenheit ist der österreichische Frauenfußball und das hat sich durch die Ausbildung, die letzte Trainerstufe, nicht verändert. Ich genieße jetzt auch die Arbeit mit Dominik Thalhammer, ich kann sehr viel für mich persönlich mitnehmen. Ich möchte mich aber natürlich auch fortlaufend weiterbilden. Die Arbeit derzeit macht mir unheimlich Spaß und darauf fokussiere ich mich jetzt erst einmal. Ein Engagement im Ausland oder sogar eine Funktion im Männerbereich zu übernehmen kann ich mir für die Zukunft aber durchaus vorstellen.

Haben Sie damals als Spielerin schon damit gerechnet, einmal als Trainerin zu arbeiten? War das schon damals ein Ziel?

Ich habe während meines Studiums schon begonnen nebenberuflich in diesem Bereich zu arbeiten. Natürlich ist es ein Traum, wenn man seine Leidenschaft, sein Hobby zum Beruf machen kann. Ich denke es ist auch wichtig, dass Frauen sich für den Trainerberuf entscheiden und auch in diesem Bereich Vorbilder und Role-Models sein können.

Ehe es Anfang April die WM-Qualifikation geht, wartet jetzt erst noch der Zypern-Cup. Es geht gegen Spanien, Tschechien und Belgien. Wie sehen hier die Erwartungen aus?

Es ist etwas unglücklich, dass wir Spanien in der Gruppe gezogen haben. Aber es bietet auch die Chance, uns mit ihnen zu messen. Das ist einfach ein absolutes Weltklasseteam. Ich glaube der Zypern-Cup bietet dem Teamchef auch Möglichkeiten, wieder Neues zu probieren und jungen Spielerinnen Einsatzminuten zu geben. Wir haben dort großartige Trainingsbedingungen und auch hochkarätige Gegner.

Nun steht der EM-Halbfinaleinzug aus dem letzten Jahr zu Buche. Inwieweit setzt das auch für die WM-Qualifikation unter Druck?

Die Erwartungshaltung ist durch den Erfolg sicher gestiegen. Aber wir müssen realistisch sehen, dass die Qualifikation zu einer Weltmeisterschaft eine deutlich schwierigere ist. Trotz der bitteren Niederlage im November gegen Spanien ist es aber rechnerisch noch möglich. Daher wollen wir weiter von Spiel zu Spiel schauen. Wir wissen, dass wir in jedem Spiel ans Limit gehen müssen. Ziel ist es trotzdem, das Maximum herauszuholen und auf Sieg zu spielen.

Zur Person:

Irene Fuhrmann wurde am 23. September 1980 geboren. Ab 2000 spielte sie beim USC Landhaus in der Bundesliga, wurde zwei Mal Meister, drei Mal Cupsieger. 2008 stieg sie ins Trainerfach um, war von 2008 bis 2011 Assistentin von Frauenteamchef Ernst Weber. Sie trainierte bis 2016 das U-19-Team. 2017 wurde sie Assistentin von Teamchef Dominik Thalhammer.

Ein Wiedersehen mit Schnaderbeck

Österreichs Teamkapitänin Viktoria Schnaderbeck hatte letztes Jahr Verletzungspech. Vor und während der EM hatte sie Knieprobleme, was darin mündete, dass die komplette Herbstsaison verpasste. Jetzt spielte die Defensivallrounderin wieder bei ihrem Klub (zuletzt beim 0:2 von Bayern München in Freiburg als Linksverteidigerin) und ist erstmals seit der EM wieder bei den Kolleginnen vom Nationalteam.

Eine klare Vision

Der erste Lehrgang des Jahres soll zudem genutzt werden, sich mit der Zukunft zu befassen. Die „klare Vision“ der vergangenen Jahre, Anerkennung und Respekt zu bekommen, konnten Schnaderbeck und Co. mit dem EM-Halbfinale eindrucksvoll abhaken. „Es hat uns ausgezeichnet, dass wir eine klare Vision gehabt haben. Jetzt gilt es hier, eine neue zu definieren, an der wir uns orientieren können und für die die Spielerinnen brennen“, sagt Teamchef Dominik Thalhammer. Es fehlen Lisa Makas nach ihrem Kreuzbandriss und Nicole Billa, die erkrankt ist. Die angeschlagene Verena Aschauer wird auf Zypern vorerst nicht spielen.

Österreich bekommt es in Zypern mit Spanien (28. 2., 17 Uhr MEZ), Tschechien (2. 3., 12 Uhr) und Belgien (5. 3., 17 Uhr) zu tun. Am 7. 3. gibt es noch ein Platzierungsspiel, am 8. März wird wieder heimgeflogen. Im Frauenfußball gibt es um diese Zeit einige Vorbereitungsturniere, das hochkarätigste davon in den USA mit England, USA, Frankreich und Deutschland. Beim Algarve-Cup sind die Skandinavier dabei, Australien, China, Südkorea und Europameister Niederlande.

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