Sport | Wintersport
25.01.2018

"Chance, dass die Figur Sailer menschlicher wird"

Die Aufarbeitung eines Skandals rund um Toni Sailer aus dem Jahre 1974 zog eine sehr emotional geführte Debatte nach sich. Der Wiener Sporthistoriker Rudolf Müllner spricht im Interview über die Gründe dafür und was die Figur Sailer so besonders machte.

KURIER: In der vergangenen Woche hat die Causa Toni Sailer für Aufsehen gesorgt. Im März 1974 soll Sailer in Zakopane eine 28-jährige Polin misshandelt haben. Sailer selbst hat stets seine Unschuld beteuert. Dossier, der Standard und Ö1 haben den Fall nun wieder aufgegriffen. Die Debatte ist sehr emotional geführt worden. Wie haben Sie die Reaktionen und die Berichterstattung rund um diese Geschichte verfolgt?

Rudolf Müllner: Als das Ganze an die Öffentlichkeit kam, dachte ich mir schon, dass das ziemlich emotional werden wird. Und das ist auch eingetreten. Die Intensität in den Medien war in gewisser Weise vorauszusehen. Wenn es geballt aber auch auf einen persönlich zukommt, ist es doch ein wenig überraschend.

Inwiefern war das tatsächlich abzusehen, dass dieses Thema ein derartiges Echo erzeugen wird?

Das war insofern zu erwarten, da Toni Sailer eine sehr emotionale Figur und sehr positiv besetzt ist. Das war seinerzeit schon so. Da fand bereits eine tiefe Emotionalisierung für eine gewisse Generation statt. Auch in der Folge: Seine Schauspielerei, die Werbung für Österreich. Diese Bilder werden nicht nur kognitiv wahrgenommen, sondern sie lösen Emotionen aus. Sailer war also extrem positiv besetzt. Und jetzt kommt eine Geschichte daher, die extrem negativ ist. Da war zu erwarten, dass viele Leute sofort Anschuldigungen erheben. Und in Österreich gibt es Massenmedien, die hier ein gutes Geschäft machen, indem sie das verstärken. Das ist dann auch tatsächlich so eingetreten. Ich kann auch verstehen, dass es Enttäuschung, Wut und Zorn auslöste.

Inwieweit war es dann - trotz aller negativer Reaktionen und der emotional geführten Debatte - wichtig und richtig, diese Sache wieder zum Thema zu machen?

Tatsache ist, dass hier neue Fakten auf dem Tisch liegen. Damit gab es eine Störung, eine Irritation eines Systems auf nationaler und lokaler Ebene: In Kitzbühel, Tirol, aber auch im direkten Umfeld Sailers. Dort gibt es mit Sicherheit tiefe Betroffenheit. Aber mit einer Störung ist immer auch ein Reflexions-Prozess verbunden. Und das ist die Chance etwas zu lernen. Insofern wird man vielleicht mit etwas zeitlichem Abstand sagen können, dass es über die Enttäuschung hinweg möglich war, zu einem Lernprozess zu kommen.

Der Fall ist sehr komplex, hat viele Facetten: Den Sportler Toni Sailer, den österreichischen Skiverband, gleichzeitig auch eine politische Komponente. Welcher Aspekt ist hier Ihrer Ansicht nach jener, der jetzt 40 Jahre danach am ehesten eine Rolle spielt?

Wie Sie richtig gesagt haben, es hat viele Ebenen und viele Aspekte. Das wurde jetzt sichtbar und war etwas, was auch ich dabei gelernt habe. Das Wichtigste ist vielleicht, welche Bedeutung der Sport - speziell der Skisport - hier in Österreich hat. Bedeutung heißt hier auch auf der politischen und diplomatischen Ebene. Dass diese Geschichte die Regierung beschäftigt hat, dass auch jetzt Reaktionen von Seiten der Regierung gekommen sind, zeigt, wie hoch emotional dieser Sport in den 70er-Jahren gewesen ist, aber auch, was der Skisport heute noch für Österreich bedeutet.

Damals wurde zwar über das Thema berichtet, jedoch nicht sehr ausführlich. Im Zusammenhang mit dem Fall Toni Sailer wird nun auch oft gesagt, dass das damals nun mal “andere Zeiten” gewesen seien. Darf man das als Argument gelten lassen?

Wenn die Frage darauf abzielt, ob damit gewisse Vorfälle - sexuelle Übergriffe oder sogar Vergewaltigungen - toleriert worden sind: Verboten war es auch damals und es waren auch Übergriffe sicher nicht in Ordnung. Die Frage ist, ob darüber leichter hinweg gesehen worden ist. Ich denke, dass es heute sicher eine größere Sensibilität gibt, solche Sachen zur Anzeige zu bringen.

Polen war damals eine kommunistische Diktatur. Kann man daher diesen Dokumenten eigentlich vertrauen? Wie würden Sie das beurteilen?

Den Akten kann man auf jeden Fall trauen, das sind Fakten. Die Frage ist, was man daraus macht, wie man sie interpretiert. Das ist das Handwerk der Geschichtswissenschaft. Diese Akten sind ein Teil einer Sichtweise. Sie bestehen zum Großteil aus dem Schriftverkehr zwischen der österreichischen Botschaft in Warschau und dem Außenamt. Das ist also eine Perspektive. Um ein Gesamtbild zu bekommen, wird es sicher notwendig sein, etwa auch noch Gerichtsakten aus Polen einzusehen. Aber selbst dann werden noch Fragen offen bleiben. Denn wenn man Akten studiert tauchen oft viel mehr neue Fragen auf, die man bis dahin gar nicht hatte. Und ein ganz wichtiger Punkt: Die Bearbeitung und Aufarbeitung sollte technisch sauber sein und durch Leute passieren, die sich wirklich auskennen. Also Historiker und Historikerinnen, Juristen und andere.

Inwiefern haben Sie das Gefühl, dass diese Debatte nun auch tatsächlich genutzt wird, um eine tiefergehende Aufarbeitung in Gang zu setzen? Oder wird das Thema in wenigen Wochen schon wieder verschwunden sein?

Im Moment ist es so, dass Daten und Fakten veröffentlicht worden sind. Das ist aber noch keine Aufarbeitung, maximal ein Anstoß. Aufarbeitung ist aufwendig, kostet Geld, Zeit und Ressourcen. Ob das jetzt tatsächlich seriös gemacht wird und passiert, ist im Moment nicht abzuschätzen. Ein wenig habe ich schon den Verdacht, dass es wieder einschläft.

Ein Argument, das auch immer wieder zu hören war, war, dass Sailer - der 2009 verstarb - sich nicht mehr wehren könne. Das muss doch für einen Historiker ein sehr schwaches Argument sein, oder nicht?

Das ist in der Tat kein sehr gutes Argument. Das Geschäft der Zeitgeschichtsforschung hat zum Großteil mit Personen zu tun, die nicht mehr am Leben sind. Es geht darum, den Prozess zu verstehen, was diese Personen und Ereignisse mit uns gemacht haben und was wir daraus lernen können. Und auch, ob sie noch eine Bedeutung haben. Solange die Geschichte noch heiß ist, solange sie noch Emotionen erzeugt, muss man sie diskutieren und auch dementsprechend reflektieren.

Sailer war für den österreichischen Sport damals eine extrem wichtige Figur. Was hat Toni Sailer ausgemacht, welche Bedeutung hatte er für den heimischen Sport?

Sailer hatte vor allem für die Wiederaufbau-Generation in den 1950er- und 1960er-Jahren und in der Folge auch noch in den 70ern eine immense Bedeutung. Sailer war eine Figur, in der sich dieser Mythos bündelte, dass Österreich aus den Trümmern des 2. Weltkrieges wiederaufersteht und aus eigener Kraft eine wichtige Rolle in der Weltgemeinschaft spielen kann. Für jüngere Generationen hat Sailer nicht mehr diese große Bedeutung. Das ist eine Person, die man in Schulbüchern oder in Archiven nachlesen kann, aber sie emotionalisiert nicht mehr so stark. Was bleibt ist, dass Sailer sportlich ganz außergewöhnliche Leistungen vollbracht hat. Und Österreich ist ja ein Land, das nicht mit so vielen herausragenden Figuren aufwarten kann. Im Skisport geht das noch am ehesten. Und hier ist Sailer jemand, der aus der ohnehin schon potenten Galerie der österreichischen Nationalhelden noch herausragt.

Sailer war auch für den Tourismus sehr wichtig. Welche Auswirkungen hätte es Ihrer Ansicht nach tatsächlich gehabt, wenn diese Vorwürfe weiter verfolgt worden wären und es vielleicht sogar eine Anklage gegeben hätte?

Nehmen wir an - und das ist durchaus plausibel - es wäre zu einem Prozess gekommen und Sailer wäre freigesprochen worden. Dann wäre das eine Geschichte gewesen, mit der er in der Erinnerung sehr viel stärker geworden wäre. Es hätte die Chance gegeben, diesen Fall wirklich ad Acta zu legen und diese Spekulationen zu beenden. Jetzt ist nach wie vor vieles offen, es besteht aber weiterhin die Chance, dass diese Person Toni Sailer menschlicher wird. Dadurch, dass diese strahlende, glatte Projektionsfläche für Fantasien und Träume eine menschliche Gestalt mit Schwächen bekommt.

Vielen fällt es bei der Figur Toni Sailer offensichtlich schwer, zwischen dem Sportler und der Privatperson zu unterscheiden. Man hätte fast vermuten können, dass man dem Sportler Toni Sailer mit dieser Geschichte seine Erfolge absprechen, wenn nicht sogar wegnehmen würde. Wieso fällt es Ihrer Ansicht nach vielen so schwer, hier zu trennen?

Es ist generell schwer in einer Person Widersprüche zu vereinen. Bei Sportstars oder Sporthelden - ein Begriff, der mir zunehmend unsympathisch wird - versucht man entweder eine komplett tadellose Figur zu sehen, oder im Gegenteil einen Antihelden. Das ist auch bei Sailer so. Sporthelden sind nun mal Konstrukte, die vereinfachen, deshalb sind sie für sehr viele Menschen greifbar. Damit sind diese Figuren aber auch anfällig für politische Vereinnahmung, wie wir es auch zuletzt gesehen haben.

Diese Heroisierung von Sportlern, die bei Sailer ohne Zweifel gegeben war: Ist das noch vergleichbar mit heute? Also inwiefern kann man die Sportlegende Toni Sailer und seine Bedeutung für den Skisport mit einem Hermann Maier oder Marcel Hirscher vergleichen?

Vergleichen kann man natürlich. Es gibt Parallelen, aber es gibt auch Unterschiede. Ganz simpel gesagt: Toni Sailer war noch ein Held des Radios. Hermann Maier, Karl Schranz, Franz Klammer waren Helden des Fernsehens. Durch die Digitalisierung verändert sich das ganze Spielchen. Die Welt ist schneller geworden, kurzlebiger. Eine Gemeinsamkeit in Österreich ist diese Bedürftigkeit, solche Figuren zu kreieren. Leute, die man auf ein Podest stellen und denen man nacheifern kann. Im alpinen Skisport kreiert man ganz wenige, außergewöhnliche Figuren, die immens viel tragen müssen. Dabei wird sehr viel auf Männer projiziert. Ich plädiere daher für eine neue österreichische Vorbildgestalt: Die Eisschnellläuferin Vanessa Herzog, die vor kurzem Europameisterin wurde. Sie sollte auch in den Medien größer gemacht werden. Nicht nur, weil sie eine Frau ist, sondern auch, weil sie in einer Sportart Großartiges geleistet hat, die international auf einem sehr hohen Niveau betrieben wird.

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