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22.08.2017

Frauenfußball: Der Alltag nach dem Märchen

15 Tage nach dem Ende des EM-Märchens fing die Liga an. Ein Lokalaugenschein im Alltag.

Jochbergengasse im 21. Wiener Gemeindebezirk. Hinter den Werbetafeln ist das Vereinsgelände des USC Landhaus. Etwas mehr als zwei Wochen sind vergangen, seit das EM-Sommermärchen mit dem Aus im Elferschießen im Semifinale gegen Dänemark geendet hat.

In Österreich hat sich der Sommer kurzfristig verabschiedet: Es regnet. Die Euphorie für Frauenfußball hat wohl auch etwas Pause, rund 80 Zuschauer haben sich eingefunden.

Auf dem Balkon im ersten Stock des Klubgebäudes verfolgt Gerhard Traxler das Spiel gegen LUV Graz. Der 78-Jährige ist nicht nur Obmann von Landhaus – er ist Landhaus. Vor 49 Jahren haben er und seine Frau den ältesten Frauenfußballverein Österreichs gegründet. 110 Frauen und Mädchen spielen und trainieren hier in Floridsdorf. Sie spielen in violetten Trikots, die Wiener Austria engagiert sich hier im Frauenfußball. In der Wiener Liga (dritte Leistungsstufe) spielt die C-Mannschaft von Landhaus in zwei Wochen als "FK Austria Wien Ladies".

Austria Wien hilft

"Ohne die Austria würde das hier wohl nicht mehr so gehen", sagt Traxler. "Was aber nicht heißt, dass wir ein reicher Verein sind." In der Zwei-Klassen-Gesellschaft Bundesliga sticht nur St. Pölten heraus. Bei den Primaballerinas der Liga spielen mit Klein, Eder, Prohaska, Enzinger und Pinther fünf Frauen aus dem EM-Kader. In der ersten Runde im ÖFB-Ladies-Cup schlug St. Pölten die Vienna aus der Wiener Liga 15:0. Nur Sturm (Naschenweng), Altenmarkt (Pfeiler) und Bergheim (Größinger) haben je eine EM-Spielerin im Kader.

15 Tage nach dem EM-Empfang auf dem Rathausplatz begann gestern die Bundesliga. Zehn Klubs nehmen daran teil. Das Spiel zwischen Union Kleinmünchen aus Linz und Neulengbach wurde verschoben, weil vier Kleinmünchner Stammspielerinnen mit dem Unter-17-Nationalteam beim Einladungsturnier in Litauen sind.

Neulengbach stimmte der Verlegung zu. Man hält halt zusammen. Der ehemalige Topklub – von 2003 bis 2014 holte frau alle zwölf Meisterschaften – kann dieses Jahr keine B-Mannschaft stellen. "Zwei Sponsoren sind abgesprungen, der sportliche Leiter hat aus privaten Gründen aufgehört", erklärt Obmann Thomas Wirnsberger. Mittlerweile ist er aber wieder guter Dinge wegen einer Unternehmensberatungsfirma aus Neulengbach. "So ein Sponsor, das ist wie Weihnachten und Ostern zusammen", sagt Wirnsberger. Bei Neulengbach setzt man vor allem auf die jungen Mädchen aus der nationalen Akademie, die bei St. Pölten nicht zum Zug kommen. Aber auch auf diesem Weg gibt es Rückschläge. So hat Jelena Dordic, 16, im ersten Pflichtspiel für Neulengbach (7:1 im Cup bei Hörndlwald) einen Kreuzbandriss erlitten.

Der Großteil des so erfolgreichen EM-Teams ist mittlerweile schon wieder in Deutsch-land, wo gleich 14 Österreicherinnen in der dortigen Bundesliga spielen und wo erst in zwei Wochen die Meister-schaft beginnt. Maierhofer stu-diert und spielt in den USA.

Der Unterschied ist das Geld

Aber nur puncto Distanzen kann Österreich mit Deutschland mithalten. Der Routenplaner weist zwischen Röthis (dort spielt Aufsteiger Vorderland) und Olbendorf (Heimat des FC Südburgenland) 715 Kilometer und eine Fahrzeit von mehr als sieben Stunden aus. Von München nach Bremen sind es nur knapp 50 Kilometer mehr.

Finanziell trennen Deutschland und Österreich aber Welten. Während in Deutschland die Österreicherinnen genug zum Leben verdienen, gibt es hierzulande Klubs, bei denen die Frauen mitzahlen, um Bundesliga spielen zu können. So hofft man beim FC Südburgenland, dass man durch die freien Spenden das Geld für die Schiedsrichter aufbringen kann. Auch Bergheim setzt auf Spendenfreude, Kleinmünchen verlangt fünf Euro Eintritt. Beim USC Landhaus zahlt man sieben Euro. Aber auch hier deckt das Eintrittsgeld ebenfalls gerade die Kosten für die Schiedsrichter.

Josef Bauer, der Trainer des Salzburger Vereins Bergheim, sagt: "Bei uns zahlen die Mädchen sogar Mitgliedsbeitrag und bekommen nichts. Und zwei von ihnen fahren mit dem Zug von Innsbruck zum Training und zu den Spielen zu uns." Er meint: "Wenn man den Schwung nicht mitnimmt und jetzt von Seiten des Fußballverbandes nichts passiert, dann war die Leistung der Frauen bei der EM umsonst."

Der ÖFB ist gefordert

Aber was soll passieren? Und vor allem: Wer soll vorangehen? Der ÖFB, denn die Männer-Bundesliga will mit den Frauen nichts zu tun haben. "Wir entwickeln ein Konzept, um die Breite zu stärken", sagt ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner. "Der Prozess läuft schon einige Zeit. Aber es dauert. Da geht es nicht nur um die Bundesliga, sondern auch um Schulwesen und Schülerliga." Anfang September setzt sich wieder das Komitee für Frauenfußball zusammen. ÖFB-Teamchef-Assistentin Irene Fuhrmann war jedenfalls auch am Landhaus-Platz. Und der EM-Medienmann des ÖFB, Kevin Bell, dessen Schwester Romina bei Landhaus spielt. Und gewinnt. Die Partie endete mit 4:0 für die Wienerinnen.