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Serie
01/15/2017

Digitale Revolution: Jeder muss sich rüsten. Und zwar jetzt.

Werden Technologien und Daten zum Wohl oder Wehe der Menschen genützt? Das entscheidet sich heute – und da ist nicht nur die Politik gefordert, sondern jeder einzelne.

von Gabriele Kuhn

Ein Modem – daheim, auf meinem Schreibtisch, Anfang der 1990er-Jahre. Wenn ich es einschaltete, um mich mit dem "Netz" zu verbinden, düdelte es laut. Menschen, die mich damals besuchten, verstanden nicht, was das Ding soll. Post per Computer verschicken, wie bitte? Dann kam das World Wide Web. Für viele ein Rätsel mit drei Ws. Für mich nicht, die früh von der Faszination "Datenautobahn" – so hieß das damals – erfasst wurde. Weniger faszinierend waren die hohen Telefonrechnungen, die meine Netz-Ausflüge verursachten.

Im August 1994 sprach Franz Vranitzky bei den Technologiegesprächen in Alpbach über die "Weichenstellung für ein digitales Österreich". Hätte ein Visionär die Zuhörer von damals mit den Errungenschaften der Digitalen Revolution von heute konfrontiert, wären wohl alle amüsiert gewesen. Heute, nur 24 Jahre später, spricht mein Handy mit mir, und ich kann mir überlegen, ob ich mir demnächst Digitsole besorgen soll. Die auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas kürzlich vorgestellten, smarten Schuhe gibt es als High Heels, deren Höhe sich mit meinem Smartphone regeln lässt. Ich kann das dann meinen "Freunden" auf Facebook erzählen – und vermutlich wird dort einen Tag später eine Schuhwerbung aufpoppen, weil das System erkannt hat, was mich gerade beschäftigt. Ach ja: Demnächst, nämlich auf der kommenden CeBit (Global Event for Digital Business), wird Professor Hiroshi Ishiguro, Direktor des Intelligent Robotics Laboratory an der Universität von Osaka, mit seinem maschinellen Doppelgänger antanzen. Den Android steuert der gute Mann via Internet, gibt seine Bewegungen vor und lässt ihn über eine Sprach-Software plaudern – mit der Stimme von Ishiguro. Dies alles wäre vor zwei Jahrzehnten wohl eine erheiternde Erzählung aus dem Genre "Science Fiction, jo eh" gewesen.

Heute ist alles anders – und alles möglich.

2,5 Quintillionen Bytes

Die Digitalisierung durchdringt sämtliche Lebensbereiche. Stunde für Stunde produziert die Menschheit einen gigantischen Datenberg – täglich werden schätzungsweise etwa 2,5 Quintillionen Bytes an Daten generiert. Der Bits & Bytes-Everest wächst mit rasanter Geschwindigkeit. Anschaulich: Würde man nur die im vergangenen Jahr global gesammelte Menge an digitalen Daten auf DVDs brennen und stapeln, dann wäre dieser Turm so hoch wie die Strecke Erde – Mond und wieder zurück. Alles ist vernetzt – Experten sprechen davon, dass es im Jahr 2008 bereits mehr vernetzte Geräte als Menschen auf der Welt gab und dass sich diese Zahl bis zum Jahr 2020 auf 40 Milliarden steigern wird. Alleine im Jahr 2015 sind so viele Daten hinzugekommen, wie zuvor in der gesamten Menschheitsgeschichte. In vielen dieser Daten steckt Wissen über uns – was wir kaufen, fühlen, tun, wohin wir fahren, wem wir schreiben. Welch unvorstellbarer Wandel.

Umso spannender ist folglich die Frage, wie die Welt in weiteren 24 Jahren aussehen wird. Werden Technologien und Daten ausschließlich genützt, um unser Leben zu verbessern? Oder mutieren sie womöglich zu Monstern, deren Erweckung wir lieber rückgängig machen würden? Die Fantasien und Vorstellungen dazu oszillieren zwischen "Untergang der Menschheit" und "Paradies". Das hat die 15-teilige KURIER-Serie Allmächtiger. Wie der Mensch gottgleich werden will sehr schön gezeigt. Sie setzte sich mit Gedanken aus dem Buch "Homo Deus" des israelischen Historikers Yuval Harari auseinander. Harari zeichnet darin ein Bild von morgen, in dem künstliche Intelligenz ebenso eine dominante Rolle spielt wie ein gottähnlicher Supermensch, der die Algorithmen wie Puppen tanzen lässt. Das Bild, eine Art Ende des Anthropozäns, ist schließlich sehr düster – dafür wird Harari auch kritisiert.

"Der perfekte Sturm"

Dennoch orten viele Experten Gefahren, die die Digitalisierung mit sich bringt – für den ganz banalen Alltag ebenso wie für die Gesellschaft oder die Demokratie. So sieht etwa Univ.-Prof. Dirk Helbing im Gespräch mit dem KURIER in dieser Transformation ein großes "disruptives Potenzial", den perfekten Sturm. Big Data, Social Media, Cloud Computing sowie künstliche Intelligenz werden die Wirtschaft und Gesellschaft massiv verändern. Zuletzt wurde beim Weltwirtschaftsforum Davos in Aussicht gestellt, dass Millionen von Jobs innerhalb weniger Jahre der Digitalisierung zum Opfer fallen werden. Die deutsche Komplexitätsforscherin Yvonne Hofstetter thematisierte in der KURIER-Serie wiederum die Gefahr, die von sozialen Medien ausgeht. Algorithmen und Social Bots seien dumm, aber mächtig, viele Nutzer wüssten nicht, dass rund 50 Prozent des gesamten Internetverkehrs mittlerweile von Maschinen erzeugt werden. "Sie posten, teilen, liken und das viel schneller und häufiger, als wir Menschen das tun". Univ.-Prof. Johannes Huber, Mediziner und Theologe, glaubt hingegen an eine Bewusstseinserweiterung: "Die Evolution wird sich nicht von künstlicher Intelligenz überrumpeln lassen."

Fluch oder Segen, Segen oder Fluch?

Mehr denn je stellt sich die Frage, ob die Gesellschaft für diese rasante Entwicklung wirklich gerüstet ist – beziehungsweise, was zu tun ist, um in dieser Dynamisierung nicht unterzugehen, damit der Mensch seine bisher dominante Rolle auf Erden nicht aufgeben muss. Nicht nur: Es geht auch darum, dass dem Menschen sein Menschsein nicht verloren geht.

Risiken erkennen – und nennen

Technik per se ist nicht böse. Was aus ihr wird, liegt immer noch in den Händen einer Spezies namens Homo sapiens. Die Frage ist bloß: Hat der Mensch schon kapiert, was da gerade abgeht? Aktuell ahnen es viele nur, doch Nicht-Wissen scheint zu dominieren.

Vielfach ist unser alltäglicher Umgang mit Daten und Technologien nicht up to date – kein Wunder, bei dieser Beschleunigung. Im Gegenzug werden Experten nicht müde, ihre Forderungen einstweilen in Manifeste zu gießen. Sie richten sich mit ihren Appellen nicht nur an die großen Technologie-Treiber im Silicon-Valley-Fieber, sondern auch an die Politik. Risiken müssen erkannt und minimiert werden. Regulierung ist gefragt – aber keine Bevormundung. Dabei geht es um eine Vielzahl an Aspekten: etwa die ethische Entwicklung von Technologien zum Nutzen der Menschheit. Oder um das kooperative Miteinander von Mensch und Maschine, verbunden mit Gedanken zu Themen wie Altruismus und Empathie. Denn natürlich lauert hinter der Automatisierung auch die Automatisierung von Gefühlen und Gedanken.

Dass Technik die Menschen verändert, haben vorangegangene Entwicklungsschritte im Rahmen der Industriellen Revolutionen bereits gezeigt. Daher braucht es entsprechende Rahmenbedingungen, juristisch, politisch, ethisch. Bereits im Jahr 2015 veröffentlichte etwa das "Future of Life Institute" – das ist eine unabhängige Forschungs- und Lobbyorganisation in Boston, zu dessen Advisory Board auch der Physiker Stephen Hawking oder der Schwedische Philosoph Nick Bostrom gehören – einen offenen Brief. Darin geht es auch um die Beantwortung dessen, was eine nutzbringende künstliche Intelligenz ist und welche Risiken mit Algorithmen sowie technischen Systemen verbunden sind.

Oder darum, wie man Maschinen eine Ethik beibringt – im Falle von selbstfahrenden Autos könnte es das Thema "Personenschaden versus Materialschaden" betreffen. Geht man davon aus, dass es immer mehr selbstlernende Systeme gibt, bräuchte es eine möglichst frühe Codierung zum "Guten", verbunden mit entsprechenden Kontrollmechanismen.

Big Data für Menschlichkeit

Im Vorjahr riefen Robert V. Zicari und Andrej Zwitter – zwei Experten für die Erforschung von Datenbanken und Big Data – auf derWebsite der Frankfurter Goethe-Universität zu einem verantwortlicheren Umgang mit der Verarbeitung großer Datenmengen auf. Ziel war es, mit dem Artikel "Data for Humanity: An Open Letter" Unterzeichner zu finden, die sich mit der Absicht einverstanden erklären, die ihnen vorliegenden Daten nur für das Gemeinwohl und Menschlichkeit zu nutzen. Unterschieben haben viele, etwa Vint Cerf, einer der "Väter des Internet". Fünf Big-Data-Prinzipien wurden formuliert: 1. Schade nicht anderen. 2. Verwende Daten, um dabei zu helfen, ein friedvolles Miteinander zu schaffen. 3. Verwende Daten, um gefährdeten Menschen und solchen in Not zu helfen. 4. Nutze Daten, um die natürliche Umgebung zu schützen und zu verbessern. 5. Nutze Daten, um die Voraussetzung für eine Welt ohne Diskriminierung zu schaffen.

Am Ende sind aber nicht nur die Vor-Denker gefordert, sondern jeder Mensch – so wie wir jetzt leben, in den sozialen Medien posten, Handys verwenden, Tag für Tag die Technik rund um uns anwerfen. Mehr denn je braucht sie Menschen, die damit umgehen können und sie zu domptieren wissen. Jede neue App, jede neue Vernetzungsmöglichkeit, jede neue Cloud, jedes neue Smartphone sollte als Herausforderung verstanden werden, sich mit den dahinter liegenden Technologien und Absichten auseinander zu setzen. Sich in der Flut der Bits und Bytes wie im Schaumbad treiben zu lassen, ist fahrlässig. Dann wird der Segen der Technik zum Fluch. Dabei geht es natürlich auch um einen Erziehungs- bzw. Bildungsauftrag für Kinder und Kindeskinder von heute. Digitale Selbstkontrolle heißt hier die Formel, von der zum Beispiel Gerd Gigerenzer, Direktor am Max Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin im Rahmen eines "Digitalen Manifests" für das Magazin "Spektrum der Wissenschaft" schrieb: "Digitale Selbstkontrolle sollte Kindern bereits in der Schule vermittelt und von den Eltern vorgelebt werden".

Gigerenzer gehört zu den Unterstützern der Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union (digitalcharta.eu), die Ende November 2016 veröffentlicht wurde. Er ist überzeugt, dass wir radikal umdenken müssten, um in Menschen zu investieren, statt sie durch intelligente Technologien zu ersetzen oder zu manipulieren. Statt einer Bevormundung ex machina, seien informierte, kritische und mündige Bürger gefordert. Gigerenzers trefflicher Schluss: "Es wird Zeit, die Fernbedienung für das eigene Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen".

Gelingt uns das, werden die Menschen in 20 oder 30 Jahren Hararis Buch "Homo Deus" irgendwo zufällig ausgraben und lachen. Um sagen zu können: "Schau, so ein Blödsinn. Uns geht’s doch gut."

Hoffen wir darauf.

Die bisherigen Serienteile:

Teil 1: Der Mensch von morgen: Perfekt, unsterblich - zu allem bereit?

Essay von Helmut Brandstätter: Die Wissenschaft wird uns gottähnlich machen - oder zerstören

Teil 2: Der Genetiker Markus Hengstschläger über die Thesen von Yuval Harari

Teil 3: Wie der Mensch den Schwangerschaftscode knacken will

Teil 4: Über die Gefahren der Mensch-Optimierung

Teil 5: Zukunft der Menschheit: Droht das Ende der Demokratie?

Teil 6: Der Mensch ist de facto bereits unsterblich

Teil 7: Singularität - die Angst vor der klugen Maschine

Essay von Helmut Brandstätter: Lern´ was! Ja, aber was?

Teil 8: Leben in der Zukunft: Für immer Feierabend! Und dann?

Teil 9: Wie wahrscheinlich eine gezielte Manipulation des Gehirns ist

Teil 10: Eine Zukunft ohne fixe Arbeitszeiten?

Teil 11: "Das werden Computer nie können"

Teil 12: Die Zukunft von Beziehungen, Liebe - und dem ewigen Leben

Teil 13: Werden Computer den Arzt ersetzen?

Teil 14: "Auch für Google gibt es kein ewiges Leben"

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