Wie der neue Mensch den Schwangerschafts­code knacken will

Pregnant woman holding glass planet earth.
Foto: Getty Images/iStockphoto/aluxum/istockphoto Die Schwangerschaft wird das große Modell des Anti-Agings.

Teil 3: Länger leben ja, Abhängigkeit von "Big Data" nein, sagt der Mediziner und Theologe Johannes Huber.

… Ein "Super-Mensch" mit viel längerer Lebenszeit und gottähnlichen Eigenschaften: Dieses Szenario zeichnet der israelische Historiker Yuval Harari. Unabhängig davon schreibt der Mediziner Univ.-Prof. Johannes Huber in seinem kürzlich erschienenen Buch "Es existiert" (edition a) ebenfalls von einem neuen Menschen – der aber die Welt in eine humanere Richtung lenken könnte.

Johannes Huber Foto: Kurier/Juerg Christandl Der Mediziner und Theologe Univ.-Prof. Johannes Huber

KURIER: Wieso sprechen auch Sie von einem neuen Menschen?

Johannes Huber: Es ist keine Frage, dass wir bald das derzeitige Säugetierdasein verlassen werden. Gleichzeitig darf man sich aber nicht zu sehr in Utopien verlieren. Ein Maßstab, um Utopien zu evaluieren, ist, zurückzuschauen, ob die Evolution in den vergangenen 900 Millionen Jahren schon einmal Ähnliches gemacht hat. Und da gibt es sowohl Beispiele für die Entstehung von etwas ganz Neuem als auch für entscheidende Nachbesserungen von Vorhandenem.

Was kommt zuerst?

Wahrscheinlicher ist ein erneutes Nachbessern – das halte ich für sehr realistisch in den nächsten Jahrzehnten. In der neolithischen Revolution vor ca. 10.000 Jahren ermöglichte der Ackerbau die Zufuhr kohlenhydratreicher Nahrungsmittel – das Gehirn konnte expandieren, der Mensch begann mit der Viehzucht, mit dem Analysieren der Natur. Heute scheint das Gehirn wieder zu expandieren: Neuronen, Nervenzellen, die nicht aktiviert werden, werden von speziellen Fresszellen – Mikrogliazellen – bereits in der Kindheit entfernt. Kinder von heute sind aber – alleine durch die elektronischen Medien – viel mehr Eindrücken als früher ausgesetzt. Dadurch werden mehr Neuronen aktiviert – und das ist wahrscheinlich ein Grund dafür, warum in den vergangenen Jahrzehnten die durchschnittliche Intelligenz anstieg. Wir werden aber auch durch unser zunehmendes Wissen nachbessern können.

Inwiefern?

Wir haben den genetischen Code geknackt, jetzt sind wir am epigenetischen Code dran – also vererbbaren Veränderungen in der Genfunktion durch Umwelteinflüsse ohne Änderung der Abfolge der DNA-Bausteine. Aber der wahrscheinlich entscheidende Punkt wird die Dechiffrierung des dritten Codes sein, und das ist der Schwangerschaftscode. Wir werden in Zukunft versuchen, Mechanismen der Schwangerschaft im Alter ein zweites Mal abzurufen, um das Leben damit zu verlängern. Die Schwangerschaft wird das große Modell des Anti-Agings.

Wie könnte das praktisch vonstattengehen?

In der Schwangerschaft entwickeln sich Stammzellen zu den verschiedensten Geweben, etwa zu Herz- oder Muskelzellen. Wenn man heute schon für Studien Hautzellen eines Erwachsenen nimmt, zu Stammzellen zurückprogrammiert und dann gezielt dazu anregt, sich in einen speziellen Zelltyp zu entwickeln, dann ist das nichts anderes als ein Schwangerschaftsmechanismus. Diese Zellen könnten dann krankes Gewebe ersetzen. Gleichzeitig tragen wir auch als Erwachsene Stammzellen in uns, sehr viele etwa im Darm. Man muss also nur versuchen, diese Stammzellen gezielt zu aktivieren – bzw. Blockaden ihrer Funktion, die im Alter auftreten, zu lösen. So gesehen halte ich eine Verlängerung der durchschnittlichen Lebensdauer für sehr wahrscheinlich.

Johannes Huber Foto: Kurier/Juerg Christandl

Und was ist ein Beispiel aus der Evolution für etwas ganz Neues?

Als vor 40 bis 50 Millionen Jahren die Weitergabe des Lebens nicht mehr an bebrütete Eier gebunden war – sondern in das Innere eines Lebewesens verlegt wurde. Damit ist eine völlig neue Gattung entstanden – jene der Säugetiere. Das war mit enormen Innovationen verbunden: Die Empathie, die Instinkte, das Stoffwechsel- und Immunsystem – alles ist verändert worden. Plötzlich musste das Herz für zwei Lebewesen schlagen – und das Immunsystem einen anderen Organismus tolerieren.

Und was könnte heute so etwas ganz Neues sein?

Die Entwicklung der Säugetiere wurde wahrscheinlich dadurch möglich, dass sich in befruchteten Eizellen das Genom – die Erbsubstanz – von Viren eingebaut hat. Unser heutiges Genom besteht aus einem nicht unerheblichen Teil aus Virus-DNA – allerdings wird sie vom Körper inaktiviert und bedeutet keine Gefahr für ihn. Doch vor Millionen Jahren hatte die Evolution den Mut, derartige Virus-DNA nicht abzuschalten. Die Viruspartikel haben daraufhin kurzfristig die Charakteristik von Krebs angenommen – und gaben mithilfe ihrer genetischen Information den Befehl, Gewebe ungehemmt in anderes Gewebe hineinwachsen zu lassen.

So ist höchstwahrscheinlich die Plazenta in der Gebärmutter entstanden. Heute stehen wir am Beginn einer Entwicklung, dass wir mit sogenannten Gen-Scheren gezielt das machen können, was vor 50 Millionen Jahren ein Zufall war: Dass wir so wie Viren oder Bakterien Abschnitte von Erbsubstanz in das Genom eines anderen Organismus einbauen, oder auch DNA-Abschnitte ausschneiden und austauschen können. Was die neuen, vom Menschen entwickelten Gen-Scheren künftig ermöglichen könnten, etwa Erbkrankheiten erfolgreich zu behandeln, ist also keine grundsätzlich neue Erfindung. Man hat den Mechanismus der Natur abgeschaut – deshalb ist vieles, was heute noch utopisch erscheinen mag, wahrscheinlich gar nicht so utopisch.

Johannes Huber, Interview Foto: KURIER/Franz Gruber

Yuval Harari vertritt die These, dass der Mensch mehr und mehr von Datennetzwerken gesteuert werden wird, das einzelne Individuum werde zum "biochemischen Subsystem".

Das wird die Evolution nicht zulassen. Unser Gehirn ist extrem adaptionsfähig, und es wird sicher nicht nur ein Sklave riesiger Datennetze sein. Big Data wird auch zu einem Big Brain führen. Die Zahl der Neuronen wird steigen, und menschliche Gehirne werden weiterhin die Datennetze steuern. Interaktion ja – Abhängigkeit nein.

Haben Ethik und Religion Zukunft? Oder wird es nur mehr die "Daten-Religion" geben?

Nachdem sich das Gehirn der Menschen erweitert hatte und sie sesshaft wurden, haben sie begonnen, eine Ethik für ihr Zusammenleben zu entwickeln – den Dekalog, die Zehn Gebote. Wenn tatsächlich der IQ weiter steigen wird, wird die Welt wahrscheinlich friedlicher werden – weil sich zum Beispiel die Erkenntnis durchsetzen wird, dass es in einem Krieg keine Gewinner geben kann. Aber auch der Glaube an einen Weltenbaumeister wird bleiben, meines Erachtens sogar größer werden: Weil wir mehr und mehr erkennen, wie komplex das Universum ist. Das ist kein Gottesbeweis – aber man kann die Existenz Gottes auch nicht leugnen. Es ist intellektuell redlich, an einen Gott zu glauben – sowie auch nicht daran zu glauben.

Der Super-Mensch werde nicht nur nach Unsterblichkeit, sondern auch permanentem Glück streben, meint Harari.

Die Evolution hat das Glück nicht geschaffen, damit wir glücklich sind – sondern zur Arterhaltung, Stichwort Sexualität oder Nahrungsaufnahme. Die Rezeptoren für die "Glückshormone" wie Dopamin benötigen Erholungsphasen. Man kann ja auch nicht ständig essen. Hier bin ich also skeptisch.

Ihr Ausblick in die Zukunft?

Generell optimistisch. Es wird zu einer Bewusstseinserweiterung und dadurch zu einem friedlicheren Zusammenleben kommen. Und die Evolution wird sich nicht von künstlicher Intelligenz überrumpeln lassen.

Lesen Sie bitte morgen: Umwelthistorikerin und Technikerin Verena Winiwarter über Risiken des Optimierens des Menschen.

Teil 1:  Der Mensch von morgen: Perfekt, unsterblich - zu allem bereit?

Essay von Helmut Brandstätter: Die Wissenschaft wird uns gottähnlich machen - oder zerstören

Teil 2: Der Genetiker Markus Hengstschläger über die Thesen von Yuval Harari

(kurier) Erstellt am
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