Leben in der Zukunft: Für immer Feierabend! Und dann?

robots in a car plant
Foto: Nataliya Hora - Fotolia/Nataliya Hora/Fotolia Der letzte Mensch macht das Licht aus: Viele Jobs werden künftig von Robotern erledigt werden.

Teil 8: Die Roboter übernehmen unsere Jobs. Zeit für einen neuen Humanismus.

In einer Hinsicht könnte der Mensch rascher "gottgleich" werden, als ihm lieb ist: Auch ihm könnte seine Schöpfung entgleiten.

Es geht hier nicht um Äpfel, Schlangen und den Auszug aus dem Paradies. Sondern darum, dass der Mensch sich in künstlich intelligenten Robotern ein ebenbürtiges Bild schafft. Eines, das ihn nach Befürchtung manch gewichtiger Denker und auch von manchem der neuen Digital-Elite, sogar übertreffen – und dann obsolet machen könnte.

Die künstliche Intelligenz, sagt etwa Tesla-Chef Elon Musk, ist das "neue Nukleare": Im Normalbetrieb also nützlich, aber, außer Kontrolle geraten, eine tödliche Gefahr. Die Sorge gilt zwei unterschiedlichen Aspekten: Einem durchaus realistischen und einem utopischen. Das zweitere: Dass die künstliche Intelligenz plötzlich einen feindseligen Blick auf den Menschen wirft. Keine erfreuliche, für viele aber eine eher theoretische Aussicht.

Das realistischere Szenario jedoch blüht uns vielleicht schon in wenigen Jahren: Ausreichend intelligente Roboter und Software können dann eine immer größere Zahl an Jobs besser (und billiger) erfüllen als der Mensch.

Das Spektrum reicht vom Truckfahrer bis zum Kanzlei-Assistenten. Foxconn beispielsweise, Apples chinesischer iPhone-Produzent, setzt voll auf Automatisierung. Und dreht in seinen Fabriken das Licht ab: Denn wenn gar kein Mensch mehr mitarbeitet, braucht man die Produktionshalle nicht mehr zu beleuchten.

Menschen, befreit vom Joch der Arbeit – klingt zuerst einmal nach neuem Paradies. Wie aber die Rest-Arbeitswelt, das Zusammenleben oder das Steuersystem funktionieren sollen, wenn es immer weniger Jobs gibt, ist unklar. Vor allem der Weg in eine neu geordnete Welt könnte ruppig werden, in jenen Phasen, in denen es großflächige Arbeitslosigkeit gibt, aber kein neues Sozialsystem.

Entgegenstellen

In derart wesentliche Fragen wird gerne auch die Kultur mit einbezogen. Christoph Thun-Hohenstein, Generaldirektor des Wiener Museums für angewandte Kunst (MAK), widmet dem digitalen Wandel Ausstellungen und auch eine neu gegründete "Vienna Biennale".

Denn, so sagt er, man müsse diesen Herausforderungen der Digitalisierung einen neuen Humanismus entgegenstellen. Und eine große Wertediskussion führen – noch bevor es die Roboter von spezialisierter hin zu allgemeiner künstlicher Intelligenz schaffen.

KURIER: Was kommt denn mit der Robotik auf uns zu?

Christoph Thun-Hohenstein: Wir sind schon mittendrin. Die neue, digitale Moderne, in der wir leben, hat 2007 begonnen, als das erste wirkliche Smartphone in den Handel kam. Seitdem hat mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung einen Super-Roboter in der Tasche. Roboter sind nicht nur diese zusammengebauten Blech-Menschen, die herumlaufen, sondern alle digital gesteuerten smarten Systeme, darunter auch die selbstfahrenden Autos. Die Smart City ist ein großer Roboter.

Wir leben also mit Robotern – und werden künftig mit ihnen um die Jobs streiten. Auch im Silicon Valley fürchten sich nicht wenige schon vor sozialen Unruhen, wenn viele Menschen ihren Job an automatisierte Systeme verlieren. Keine schönen Aussichten.

Genau diese Diskussion wollen wir mit der Vienna Biennale 2017 lostreten. Da müssen alle Alarmglocken läuten, wenn sogar jemand wie Elon Musk betont, durch die künstliche Intelligenz könnte etwas passieren, das wir nicht mehr rückgängig machen können.

Wer muss diese Diskussion führen? Im Silicon Valley scheint keine Zeit für so etwas.

Das Silicon Valley ist nicht staatsfreundlich eingestellt, obwohl sehr viele Innovationen vom amerikanischen Staat finanziert wurden. Es ist auch demokratiepolitisch nicht unkritisch zu sehen. Aber es ist alles weiterentwickelbar. Ich halte es für nicht ausgeschlossen, dass von dort ein Schulterschluss mit den Werten Europas passiert, die wir als sozialdemokratisch oder christlichsozial kennen. Aber über eine neue Terminologie: Sharing, Caring, Repairing, Fairness. Es müssen diese wesentlichen Gedanken aus der sogenannten Commons-Bewegung in den Mainstream gebracht werden, damit immer auch das "Wir" mitbedacht wird, die Zusammenarbeit, das Gemeinwohl. Ob das auf eine friedliche Weise gelingt, oder es auf Riesen-Kämpfe hinausläuft? Das kann derzeit niemand beantworten.

Christoph Thun-Hohenstein weiterhin Direktor des M Foto: Aleksandra Pawloff/MAK Was ist denn in dieser Wertedebatte zu klären?

Wir müssen uns neu fragen: Was macht uns Menschen aus? Wo wollen wir hin? Wie können wir, unter Bedachtnahme auf die riesigen Probleme wie Klimawandel, Armut, Inklusion und Migration, zu einer gerechteren Gesellschaft kommen? Ich bin kein Kommunist, es geht da um eine völlig andere Diskussion. Es geht darum, in allen Lebensbereichen, die uns Menschen wichtig sind, mehr erschwingliche Lebensqualität für möglichst viele herauszuholen und sich um die anderen nachhaltig zu kümmern.

Die Frage ist nur: Wie?

Durch enormen Druck auf globale Unternehmen, die – oft auf Kosten der Umwelt – unendlich viel Profit machen und kaum Steuern zahlen. Dazu muss deren Gemeinwohlfaktor viel genauer gemessen werden. Und dementsprechend sollten die Konsumenten dann handeln. Die Gesellschaft 5.1 – im Sinn einer nachhaltig verantwortungsvollen Digitalisierung – wird nur über einen neuen Konsum denkbar sein. Ein umweltbewusster, einer, der Qualitätswachstum vor Augen hat anstatt einer sinnlosen Wegwerfgesellschaft, die sich steigert und steigert.

Wie könnte das aussehen?

Die Herausforderung ist, mehr Resonanz für unser Menschsein zu schaffen. Sich klar abzugrenzen: Auf der einen Seite unser digital durchorganisiertes Leben. Und auf der anderen Seite die Momente, in denen wir – anders als Roboter! – Mensch sein wollen. Schönheit wertschätzen, zwischenmenschliche Beziehungen pflegen und so weiter. Europa hat die kolossale Chance, hier ein eigenes Modell der digitalen Moderne zu entwickeln, das versucht, diese Werte umzusetzen. Und das wird – und muss – anders sein als das, was derzeit im Silicon Valley passiert.

Wie können aber globale Tools für höchst unterschiedliche lokale Entwicklungen  verwendet werden? Die Entwicklung auch in Asien und in Afrika ist ja ganz anders als hier in Europa.

Wir haben in der Globalisierung die Chance, aufzuzeigen, dass ein europäisches Modell stärker im Interesse der Menschen sein kann. Wenn wir Möglichkeiten entwickeln, wie Globalisierung und ein starker aufgeklärter Regionalismus Hand in Hand gehen können, wie lokale Vielfalt erblühen kann – dann rücken wir jener Welt näher, in der Fairness ein zentrales Prinzip ist und sich niemand mehr als Verlierer fühlen muss.

Das Silicon Valley hat in einem recht durchgängig versagt: Zu prognostizieren, was seine Entwicklungen in der Gesellschaft auslösen. Social Media ist doch eher nicht, wie angepriesen, demokratieförderlich, sondern ein Brüllhorn für Randgruppen. Jetzt haben die mit der künstlichen Intelligenz das „neue Nukleare“ in den Händen. Ist das nicht unheimlich?

Ja, das ist sehr gefährlich. Aber wir sind gerade in den Anfängen. Die Roboter lernen ständig, sind aber noch spezialisiert. Die können den Menschen noch nicht austricksen. Und jetzt geschehen zwei Dinge: Im Silicon Valley sehen wir derzeit eine gewisse Erstarrung. Die großen digitalen Monopole, die sich dort entwickelt haben, kaufen derzeit alles zusammen, das ihnen gefährlich wird. Das bedeutet aber, dass – wie in der Anfangszeit der Industrialisierung – wir einige Giganten haben, die versuchen, alles andere zu unterdrücken. Wir erleben ein großes Start-up-Sterben. Das zweite ist: Digitale Tools sind derzeit neue Ventile für eine Wutgesellschaft. Sehr viele fühlen sich als Globalisierungsverlierer. Und viele sind tatsächlich Verlierer dieser Gesellschaft. Es ist aber ganz entscheidend, dass wir diese Tools anders nützen. Wir müssen, als Gegenstück zur Globalisierung, regionale und lokale Qualitäten aufbauen, ein stärkeres Miteinander schaffen und jenen, die sich als Verlierer fühlen, wieder Hoffnung vermitteln. Derzeit sind wir in einem  Übergangsstadium, wo sich auch die mittlere und ältere Generation erst in diesen Tools austobt und ihrer Wut Ausdruck verleiht. Das muss man erstmal zur Kenntnis und auch ernst nehmen.

Wer muss diese Werte etablieren, wer muss diese Tools umpolen? Die Politiker?

Wir brauchen immer gescheite Politiker – und an denen mangelt es auch nicht. Ich glaube trotzdem, dass unsere Gesellschaft immer stärker von unten nach oben funktioniert. Wir brauchen kluge Politik und kluge Medien, um eine breite Diskussion über die Zukunftsthemen zu starten und digitale Bildung zu schaffen. Und auf Basis dieser eine informierte Diskussion darüber zu führen, wo wir hinwollen. Was sind die gesellschaftspolitisch erstrebenswerten Ziele? Die Chance haben wir. Ob wir sie nützen, ist in unser aller Händen. Die digitalen Werkzeuge stehen dafür bereit.

Vieles wird aber durch alte politische Bruchlinien erschwert. Wenn ein Kanzler "Maschinensteuer" sagt, ist klar, wie sein Koalitionspartner reagiert.

Das ist ein großes Problem. Die Diskussion um die Maschinensteuer und das Grundeinkommen ist eine völlig richtige. Wir erleben eine Automatisierung großen Ausmaßes. Das geht schneller, als wir glauben. Die Frage, wie unser Steueraufkommen künftig geregelt sein kann, ist daher wesentlich. Da geht es nicht um das Wiederaufwärmen alter Diskussionen einer digitalen Vormoderne, sondern um eine Neuaufstellung des Steuersystems in der digitalen Moderne.  Wir müssen uns von alten Reflexen lösen, dann kann das gelingen. Man kann das nicht früh genug diskutieren.

Europas Platz in der digitalen Moderne

Europa soll, so plädiert MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein, einen eigenen  Weg in der Digitalisierung suchen: „Wir haben in der Globalisierung die Chance, aufzuzeigen, dass ein europäisches Modell stärker im Interesse der Menschen sein kann.“ Es gehe um Gemeinsamkeit, Teilen, einen aufgeklärten Regionalismus und um lokale Vielfalt, die mit Hilfe der digitalen Technologien  befördert werden kann.

Thun-Hohenstein sieht dabei Vorbilder in der Geschichte Europas, insbesondere Wiens: Schon in der Industrialisierung ging die Stadt mit u.a. den Wiener Werkstätten einen eigenen Weg, der auf Qualität,  Internationalität und Werthaftigkeit setzte. Wie dies auf die Digitalisierung umgesetzt werden kann, soll die zweite „Vienna Biennale“ (ab 21. Juni) erforschen: Es geht um „Roboter. Arbeit. Unsere Zukunft“

Die bisherigen Serienteile:

Teil 1:  Der Mensch von morgen: Perfekt, unsterblich - zu allem bereit?

Essay von Helmut Brandstätter: Die Wissenschaft wird uns gottähnlich machen - oder zerstören

Teil 2: Der Genetiker Markus Hengstschläger über die Thesen von Yuval Harari

Teil 3: Wie der Mensch den Schwangerschaftscode knacken will

Teil 4: Über die Gefahren der Mensch-Optimierung

Teil 5: Zukunft der Menschheit: Droht das Ende der Demokratie?

Teil 6: Der Mensch ist de facto bereits unsterblich

Teil 7: Singularität - die Angst vor der klugen Maschine

Essay von Helmut Brandstätter: Lern´ was! Ja, aber was?

(kurier) Erstellt am
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