Lern’ was! Ja, aber was?

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Foto: Getty Images/iStockphoto/martinwimmer/iStockphoto Menschliche Arbeitskraft wird mehr und mehr von Maschinen ersetzt

"Was du lernst, kann dir keiner nehmen". Also sprachen Generationen von Eltern und Pädagogen. Aber was werden die Schüler von heute später brauchen? Welche Jobs wird es geben? Werden sie auf das Unbekannte vorbereitet?

Juli 1970, endlich Sommerferien, endlich arbeiten dürfen. Dürfen? Ja, es lockte das Geld, 1.500 Schilling für einen Monat Ferienjob, das war eine ordentliche Anzahlung auf ein Moped. Und dann kam die Neugier dazu, zu verstehen, was Erwachsene so einen Tag lang im Büro machen. Die Bundesländer-Versicherung wurde mein Experimentierfeld. Das Gebäude am Wiener Donaukanal existiert nicht mehr, dort steht heute das Sofitel, die Versicherung ging im Jahr 1999 in der UNIQA auf und das, wofür ich eingestellt wurde, macht schon lange kein Mensch mehr. Gemeinsam mit anderen Schülern suchte ich nach Akten der Schadensabteilung für Kraftfahrzeuge, die irgendwo im Haus verteilt waren.

Doktor Watson

Die Verwaltung der Akten erledigt seit langem ein Computer, aber für die Arbeit der Schadensprüfer – immerhin waren das überwiegend ausgebildete Juristen – braucht man bald auch keine Menschen mehr. Wie die Technologie-Website des KURIER, futurezone.at, meldet, entlässt die japanische Versicherung Fukoku Mutual demnächst 34 Angestellte, um sie durch einen Computer zu ersetzen. Nicht irgendeinen "Blechtrottel" – das Wort traut sich ohnehin niemand mehr zu verwenden – sondern durch den berühmten "Watson", das Rechengenie made by IBM, das 2011 bei der TV-Quizshow "Jeopardy" zwei Champions vernichtend schlug und seither noch viel dazu gelernt hat.

Ken Jennings, Brad Rutter Foto: AP/Seth Wenig

Watson steht nun beispielhaft für die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz und wird etwa in der Medizin eingesetzt. In Japan hat Watson bei einer Frau eine seltene Form von Leukämie entdeckt, die die Ärzte nicht diagnostizieren konnten.

Die zweite Meldung, die uns in der vergangenen Woche zu einem Blick in die Zukunft gezwungen hat, kam ebenfalls aus Fernost. Das taiwanesische Unternehmen Foxconn, das vor allem in China produziert, kündigte die Entlassung von 60.000 Mitarbeitern in einer einzigen Fabrik an. Arbeiter raus – Roboter rein. Das ist freilich nur der erste Schritt, auch die anderen Fabriken sollen auf rein automatisierte Produktion umgestellt werden. Foxconn, mit rund 1,3 Millionen Mitarbeitern der weltweit größte Produzent von Elektronik, wurde oft für miese und gefährliche Arbeitsbedingungen kritisiert, was die Auftraggeber von Apple bis Samsung wenig kümmerte.

FILE PHOTO The logo of Foxconn is seen on top of t Foto: REUTERS/TYRONE SIU

Dass man bald keine Menschen mehr beschäftigen wird, kann den Konzernen genauso gleichgültig sein, solange der Preis stimmt.

Gesucht: Konsumenten

So geht der Wettlauf um die billigste Arbeitskraft rund um den Erdball demnächst zu Ende, kein Mensch ist so billig und so verlässlich wie ein Computer. Die großen Elektronik-Multis brauchen kaum noch Menschen als Arbeitskräfte, Menschen sind nur mehr als nur als Konsumenten interessant. Das ist logisch, denn auch hier kommt die Künstliche Intelligenz zum Einsatz: Computer sprechen mit Computern und treffen rationale, schlüssige Entscheidungen. Aber was wird aus uns Menschen?

Wer die aktuellen Arbeitsplatzzahlen in den Industrieländern beobachtet, sieht im Moment noch keinen Grund zur Sorge: Die Beschäftigung ist so hoch wie nie zuvor. Das liegt zunächst daran, dass der Bereich der Dienstleistungen überall wächst. Und die neuen Roboter müssen erdacht, designt, produziert und programmiert werden. Aber wie das Beispiel Foxconn zeigt, kostet der Einsatz von Robotern schon jetzt Arbeitsplätze, und zwar in Schwellenländern, die bisher an das Versprechen glaubten, durch Industrialisierung zu größerem Wohlstand zu kommen.

"Bildung entscheidet über die Zukunft der Menschheit". So lautet der Untertitel eines Buches, das sehr dramatisch die Frage stellt: "Wer überlebt?"

Antworten suchen zwei weltweit führende Bevölkerungswissenschafter Reiner Klingholz und Wolfgang Lutz. Sie analysieren im Detail den Rückstand der armen Staaten durch mangelnde Bildung und zeigen mögliche Wege auf, wie sich die Weltgemeinschaft durch bessere Bildung entwickeln könnte.

Lernen formt das Gehirn

Unser Denken wurde ja zunächst durch die Sprache und dann durch die Verwendung von Schriftzeichen, vermutlich zuerst vor rund 5000 Jahren in Mesopotamien geprägt und dann weiterentwickelt. Ein Zitat aus dem Buch:

"Alle Lernprozesse, die den Aufbau des Gehirns verändern, das Wiederholen von Zusammenhängen, das Verstehen abstrakter Schriftzeichen und der Umgang mit mathematischen Formeln erhöhen unsere kognitiven Fähigkeiten und damit unser ganz privates Humankapital, das uns keiner nehmen kann. Dieses Kapital ist ein wesentlicher Grundstock für den persönlichen und wirtschaftlichen Erfolg in unserem Leben, für unsere Gesundheit, für unseren Platz in der Gesellschaft."

FRANCE-EDUCATION-SCHOOL Foto: APA/AFP/MARTIN BUREAU Im Moment sind bei einer Bevölkerungszahl von rund 7,3 Milliarden Menschen 780 Millionen Erwachsene Analphabeten, 58 Millionen Kinder gehen in keine Schule. Und gerade in den Ländern mit dem Bildungsnotstand ist die Geburtenrate am höchsten. Weniger Kinder und diese dafür besser ausbilden, das ist das Erfolgsrezept, das sich aber nicht in allen Entwicklungsländern durchsetzt. Angesichts der Globalisierung ist das auch unser Problem. Und im Übrigen hören wir auch im reichen Österreich regelmäßig die Klage, dass ein Teil der 15 Jährigen nicht Sinn erfassend lesen Kann.

Ende der Demokratie?

Das ist nur ein andere Beschreibung für Analphabetismus, der also auch unseren Wohlstand bedroht. Und unsere Demokratie: Denn Teilhabe an Entscheidungen für die Allgemeinheit ist nur möglich, wenn alle zumindest die Chance haben, sich ausreichend zu informieren.

Wir haben im Rahmen dieser Serie (die Links zu den bisher erschienenen Serienteilen finden Sie am Ende dieses Artikels) auf mehrere Entwicklungen hingewiesen. Manche sind bereits eingetreten, über andere müssen wir spekulieren. Yvonne Hofstetter befürchtet in ihrem neuen Buch "Das Ende der Demokratie", dass mangelndes Wissen über Internet und die Sozialen Medien das demokratische Zusammenleben gefährdet: "Viele Nutzer wissen nicht, dass rund 50% des gesamten Internetverkehrs von Menschen erzeugt wird. Die Maschinen posten, teilen liken, und das viel schneller und häufiger, als wir Menschen das können," erklärte sie in einem KURIER-Interview. Und zwar mit folgenden Konsequenzen: "Es herrschen die Technologiekonzerne, nicht mehr demokratisch gewählte Institutionen."

Ein origineller Erlass

Womit wir wieder bei der Schulbildung sind. Das Bildungsministerium hat im Jahr 2004 per Verordnung die Bildungsziele für die Allgemeinbildenden Höheren Schulen (AHS) so aktualisiert: "Besonders Multimedia und Telekommunikation sind Bestimmungsfaktoren für die sich fort entwickelnde Informationsgesellschaft geworden. Im Rahmen des Unterrichts ist diesen Entwicklungen Rechnung zu tragen und das didaktische Potenzial der Informationstechnologien bei gleichzeitiger kritischer rationaler Auseinandersetzung mit deren Wirkungsmechanismen in Wirtschaft und Gesellschaft nutzbar zu machen."

Man fragt sich, wem solche Sätze einfallen und warum das nicht einfacher formuliert wurde, etwa so: Die Jugendlichen müssen lernen, im Internet zu recherchieren und vor allem in den Sozialen Medien zwischen richtigen und falschen Informationen zu unterscheiden. Wobei offensichtlich noch viel zu tun ist.

Künstliche Intelligenz

Aber die Entwicklung geht schneller, als Politik, Ministerien und Schulen es wahrhaben wollen. Die Forschungen zur Künstlichen Intelligenz lassen noch offen, wie sehr dadurch unser Leben bestimmt wird. Sicher ist, dass die Vernetzung intelligenter Computer rascher fortschreitet, als wir uns das vor ein paar Jahren vorstellen konnten. Das wird zunächst Arbeitsplätze kosten, aber darüber hinaus unser ganzes Leben verändern. Denn es wird keinen Bereich geben, der davon nicht betroffen sein wird.

SWITZERLAND SCIENCE ROBOY ROBOT Foto: EPA/SAMUEL TRUEMPY In Büros und Fabriken ist das schon der Fall, auf der Straße werden die selbst fahrenden Autos hoffentlich gut mit einander auskommen. Der US-Konzern Boston Dynamics hat Kampfmaschinen entwickelt, die in den Krieg ziehen können. Aber auch die Kunst ist betroffen: Holländische Wissenschafter haben einen Computer so programmiert, dass er ein auch für Fachleute echt wirkendes Gemälde von Rembrandt gemalt hat. Symphonien, die klingen, als habe Mozart oder Beethoven sie komponiert, gibt es ebenfalls schon aus dem Computer.

Christoph Thun-Hohenstein, Direktor des Wiener Museums für angewandte Kunst (MAK), meint im KURIER-Interview, man müsse den Herausforderungen der Digitalisierung einen neuen Humanismus entgegenstellen. Und eine große Wertediskussion führen.

Lernen, aber was?

Und wir werden viel genauer – und verständlicher – als die derzeitigen Lehrpläne festlegen müssen, was in der Schule gelehrt und gelernt wird, wobei das nur die Grundlage für lebenslanges Lernen sein kann. Der Genetiker Markus Hengstschläger hat schon vor Jahren in seinem Buch "Die Durchschnittsfalle" davor gewarnt, durchschnittliche Alleskönner zu erziehen. Wir müssen Talente fördern und auf die unterschiedlichen Begabungen eingehen. Denn sicher ist nur Eines: Niemand weiß, welche Fähigkeiten in 20 bis 40 Jahren wirklich erforderlich sein werden, wenn heutige Schüler Verantwortung in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft tragen werden.

Mensch bleiben

Klar, Computer programmieren, Codes schreiben, das ist jetzt schon Voraussetzung für viele Berufe. Aber welche Rolle die künstliche Intelligenz spielen wird, wissen wir nicht. Und wie weit wird sie gehen? Bis zu Maschinen, die uns mit einer viel größerem Intelligenz beherrschen?

US-LATEST-CONSUMER-TECHNOLOGY-PRODUCTS-ON-DISPLAY- Foto: APA/AFP/GETTY IMAGES/Ethan Miller Vieles spricht dafür, dass es in einer technisierten Welt wichtiger wird, Menschen zusammenzuführen, was emotionale Intelligenz erfordert. Flexibilität wird noch bedeutender sein als heute, dazu Sprachkenntnisse und das Verständnis anderer Kulturen. Der PISA-Test hilft da kaum weiter, wie auch KURIER-Experte Niki Glattauer meint.

Da überall Gefahren lauern, glauben viele Menschen an den Rückzug in kleinere Einheiten oder in ideologisch überhöhte wie die Nation. Aber die wahre Bedrohung liegt nicht in der Globalisierung, die ist schon gelaufen. Es sind eher Roboter, die uns sicher die Arbeit und vielleicht die Kontrolle nehmen. Wie wir mit ihnen umgehen, wie wir unsere Werte trotz und mit der Künstlichen Intelligenz erhalten, wie wir das permanente Lernen institutionalisieren – Das alles müssen wir schnell lernen. Das kann uns dann wirklich keiner wegnehmen.

Die bisherigen Serienteile:

Teil 1:  Der Mensch von morgen: Perfekt, unsterblich - zu allem bereit?

Essay von Helmut Brandstätter: Die Wissenschaft wird uns gottähnlich machen - oder zerstören

Teil 2: Der Genetiker Markus Hengstschläger über die Thesen von Yuval Harari

Teil 3: Wie der Mensch den Schwangerschaftscode knacken will

Teil 4: Über die Gefahren der Mensch-Optimierung

Teil 5: Zukunft der Menschheit: Droht das Ende der Demokratie?

Teil 6: Der Mensch ist de facto bereits unsterblich

Teil 7: Singularität - die Angst vor der klugen Maschine

Teil 8: Leben in der Zukunft: Für immer Feierabend! Und dann?

(kurier) Erstellt am
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