Zukunft der Menschheit: Droht das Ende der Demokratie?

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Foto: Getty Images/iStockphoto/ipopba/iStockphoto .

Die sozialen Medien spalten die Gesellschaft, warnt Komplexitätsforscherin Yvonne Hofstetter.

Sie wählen für uns aus, welche Nachrichten wir auf Facebook sehen, und entscheiden darüber, ob wir einen Kredit bekommen oder nicht: Algorithmen. Doch was für einen Einfluss haben sie tatsächlich auf uns und unser demokratisches System? Die Debatte über gefälschte Profile und Nachrichten, die die Wahlen in den USA nachhaltig beeinflusst haben könnten, führt in Europa nun zu Rufen nach schärferen Regelungen.

Es wird auch befürchtet, dass vermehrt sogenannte "Social Bots" eingesetzt werden, also Software, die automatisiert Postings verfasst und so Stimmung für bestimmte Parteien und Themen auf Plattformen wie Facebook macht. Doch kann ein Gesetz gegen "Fake News", also Falschmeldungen in sozialen Netzwerken, wirklich die Demokratie retten? Der KURIER traf die deutsche Komplexitätsforscherin Yvonne Hofstetter zum Gespräch.

KURIER: Was macht die Digitalisierung mit unserer politischen Meinung?

Yvonne Hofstetter: Was Digitalisierung ist, merken die Menschen am meisten an der Vernetzung. In sozialen Medien kann heute jeder mitzwitschern. Die Massendaten, die sich dort ansammeln, zeigen mir Facebook & Co. nur an, wenn sie für mich relevant sind. Nun sind für mich ganz andere Dinge relevant als für Sie. So spalten uns Facebook,Twitter & Co., und wir haben keine gemeinsame Information mehr über das Weltgeschehen. Jeder von uns steckt in seiner persönlichen Gummizelle, der Echokammer. Das macht politische Debatte unmöglich.

Wie genau darf man sich das vorstellen?

Anfangs dachten wir, soziale Medien würden die Welt demokratischer machen. Das hat sich als großer Irrtum erwiesen. Soziale Medien sind nur eine private Technologieplattform für die Werbung, die Technologiekonzerne noch reicher machen. Sie bestimmen die Regeln: wer mitmachen darf, welche Bilder zensiert werden, dass Übertreibungen oder sogar dreiste Lügen angezeigt werden – eben typische Werbestrategien. Hauptsache, ein Posting ist ein Aufreger. Die größten Aufreger bringen Facebook,Twitter & Co. das meiste Geld ein.

Und was kann man dagegen tun?

Obwohl Facebook, Twitter & Co. größte Breitenwirkung und höchste Suggestivkraft haben, sind sie nicht reguliert wie ein öffentliches Massenmedium. Die sozialen Medien sind ein Raum für Werbung und eben kein öffentlicher Raum für politischen Diskurs. Man kann dort nicht die Wahrheit über das Weltgeschehen herausfinden, weil sie als Werberaum für potenzielle Täuschung, Übertreibung und Auslassungen wie geschaffen sind und für wahrheitsgemäße Darstellung keine Verantwortung übernehmen wollen.

Sollte man dann Ihrer Meinung nach versuchen, private Netzwerke wie Facebook zu regulieren, oder sich lieber um Alternativen kümmern, etwa ein öffentliches Netz schaffen?

Yvonne Hofstetter… Foto: /Heimo Aga Einige Medienrechtler fordern einen öffentlichen digitalen Raum. Ein Netz, in dem Informationen und ihre Quellen verifiziert sind, damit man zuverlässig darüber urteilen kann, was Lüge ist und was nicht. Im Internet lässt sich nur selten die Quelle einer Information feststellen. Natürlich ist auch die Presse nicht vorurteilsfrei, aber sie weiß, woher Informationen stammen, wer sie redaktionell bearbeitet hat und verantwortlich ist. Bei Facebook übernimmt ein Algorithmus die redaktionelle Arbeit. Er fragmentiert die Gesellschaft und atomisiert sie. So entstehen unsere Echokammern, eine Masse an Echokammern. Aber eine Gesellschaft, die zur Masse gemacht wird, ist anfällig für totalitäre, undemokratische Tendenzen.

Wie umfangreich war der Einsatz von sogenannten Wahl-Bots im US-Wahlkampf?

Wie Wahl-Bots den US-Wahlkampf beeinflusst haben, muss erst noch wissenschaftlich untersucht werden. Viele Nutzer wissen nicht, dass rund 50 Prozent des gesamten Internetverkehrs von Maschinen erzeugt wird. Sie posten, teilen, liken und das viel schneller und häufiger, als wir Menschen das tun.

Sind Algorithmen wirklich so mächtig, dass sie Meinungen beeinflussen können?

Viele Algorithmen und Social Bots sind dumm, aber ihre Wirkung ist mächtig. In meinem Buch beschreibe ich ein Szenario, in dem Wähler durch sogenannte Informationsläufer dazu gebracht werden, wieder demokratisch zu wählen. In der Realität passiert derzeit genau das Gegenteil. Die Neue Rechte in Europa hat längst erkannt, dass man mit digitalen Werkzeugen die Aufregung, die Wut im Netz verstärken kann. Bürgerliche Parteien haben hier keine Masterstrategie.

Neben "Fake News" ist auch "Hate Speech" ein weit verbreitetes Phänomen im Netz. Können Algorithmen hier beim Löschen weiterhelfen?

Die Lösung bestünde im redaktionellen Bearbeiten von Inhalten. Maschinen tun sich hierbei schwer. Kürzlich hat Facebook das weltberühmte Bild von Nick Ut aus dem Vietnam-Krieg gelöscht. Ein neunjähriges Mädchen läuft nach einem Napalm-Angriff schreiend davon. Das Kind ist nackt. Facebook duldet keine Nacktbilder. Nur: Viele Menschen sehen nicht primär das nackte Kind, sondern den Bildkontext: den Schrecken des Krieges, die Angst, die Hitze des Feuers. Diesen Kontext haben nur Menschen, nicht aber Maschinen. Daher braucht es menschliche Redaktionen. Den Menschen aus dieser Kontroll-Schleife rauszunehmen und durch Algorithmen zu ersetzen, halte ich für den falschen Weg.

In Deutschland will man jetzt schärfer gegen "Fake News" und "Hate Speech" vorgehen, unter anderem mit Verboten und einem Wahrheitsministerium. Wer soll am Ende darüber entscheiden, was richtig und was falsch ist im Netz?

Lieber Himmel, wir würden ins 19. Jahrhundert zurückfallen. Über Wahrheit und Lüge hat nicht der Staat zu entscheiden, sondern unabhängige Redaktionen, die an das Presserecht oder das Medienrecht gebunden sind. Ein Wahrheitsministerium ist opportunistisch. Wem verbiete ich was? Vielleicht kommt dem Staat die eine oder andere Lüge ganz gelegen. Lasse ich sie dann stehen? Nein, der Staat muss durch die vierte Macht, die Medien, kontrolliert werden. Allerdings müssen Staaten grundrechtssichere digitale Infrastrukturen zur Verfügung stellen, bei denen klar ist, dass sie Qualitätsjournalismus und gesicherte Informationen bereithalten.

Wer sagt, dass die Menschen derartige Informationsangebote auch wirklich nutzen würden? Derzeit kann sich auch jeder abseits von Facebook informieren.

Es liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen, sich informieren zu wollen. 45 Prozent der Europäer beziehen Nachrichten tatsächlich nur noch über die Newsfeeds sozialer Medien. Hier tut Aufklärung not: Mitbürger, ihr lest nur Werbenachrichten. #dressgate, #grumpycat, #divakid machen nur die Technologiegiganten reicher. Geld verdienen ist ein anderer Begriff für Kapitalismus. Es ist die kapitalistische Ideologie der Digitalisierung, die in unserer Gesellschaft keinen Stein mehr auf dem anderen lässt. Es herrschen die Technologiekonzerne, nicht mehr die demokratisch gewählten Institutionen.

Yvonne Hofstetter… Foto: /Randomhouse Buchtipp: Yvonne Hofstetter:" Das Ende der Demokratie. Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt",  C. Bertelsmann, 512 S, 23,70 Euro

Lesen Sie bitte morgen: Projekt Unsterblichkeit - wie die Supermenschen versuchen, ewig zu leben. Und wie realistisch das ist.

Hintergrund

Zur Person

Yvonne Hofstetter

Die Deutsche Yvonne Hofstetter ist nach einem Studium der Rechtswissenschaften seit 1999 international in Software-Firmen tätig. Seit 2009 ist sie Geschäftsführerin der Teramark Technologies GmbH, eines Unternehmens, das auf die intelligente Auswertung großer Datenmengen mit Optimierern und maschinellen Lernverfahren spezialisiert ist. Ihr erstes Buch "Sie wissen alles" (erschienen im Jahr 2014) wurde ein Bestseller.

(kurier) Erstellt am
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