© KURIER/Jeff Mangione

Niki Glattauer
01/08/2017

"Brauchen Religionenunterricht für alle"

Der Bestseller-Autor und Lehrer schreibt ab sofort im KURIER am Sonntag wieder seine bunten Schulkolumnen. Im Interview analysiert der Vater zweier Schulkinder, was er sich 2017 von der Schule erwartet.

KURIER: Herr Glattauer, Ihr aktuelles Buch heißt "Best of Schule". Kann man angesichts des PISA-Desasters und des schulpolitischen Stillstands überhaupt noch etwas Positives an der Schule finden?

Niki Glattauer: Natürlich, dass sie für jeden einmal zu Ende geht. (lacht) Nein, im Ernst, verlieren wir bitte nicht aus den Augen, dass Schule keine Selbstverständlichkeit ist. In unseren Flüchtlingsklassen sitzen 14-Jährige, die noch nie in einer Schule waren. Weltweit gibt es immer noch Millionen von Kindern ohne Chance auf Bildung und damit auf Mitsprache in der Gesellschaft. Da lernen sogar unsere Kevins, Alis und Snezanas die Schule wieder zu schätzen.

Viel Wertschätzung erfährt Österreichs Schule sonst gerade nicht, um noch einmal PISA anzusprechen.

Weil sich Schule bei uns in den letzten 50 Jahren fehlentwickelt hat. Sie dominiert den Alltag der Menschen. Das sage ich als Lehrer und Vater zweier Schulkinder. Die Schule ist zu einem riesigen Energie- entsafter geworden. Kinder, Lehrer, Eltern – alle fühlen sich ausgequetscht. Warum? Weil immer mehr Druck aufgebaut wird. PISA gehört da auch dazu, ein Song Contest der Bildung, der dazu missbraucht wird, Länder und Schulsysteme gegeneinander auszuspielen. Bildung als geistige Landesverteidigung, da dreht es mir den Magen um. Ich plädiere für den sofortigen Ausstieg, denn PISA sagt uns nichts, was wir nicht längst wissen: Unser Schulsystem ist unterdurchschnittlich finanziert – mit 3,2 Prozent unseres BIP, im OECD-Schnitt sind es 3,8, in England zum Beispiel fast fünf –, es bringt nur durchschnittliche Leistungen und es fördert Chancenungerechtigkeit, sprich: Wer die richtigen Eltern hat, hat gewonnen. Daran wollen manche offensichtlich nichts ändern. Das Geld, das man sich mit einem PISA-Ausstieg ersparen würde, könnte man den Volksschullehrerinnen oder den Kindergärten geben. Dort wäre es besser aufgehoben.

Wieso sagen Sie, dass man daran nichts ändern will? Die Regierung verspricht uns doch für 2017 eine zünftige Reform: Autonomiepaket, Clustermodell, Ganztagsschule. Ist das nichts?

Einerseits ist das sehr viel. Da haben Hammerschmid und Mahrer mutig vorgelegt. Die Ganztagsschule entlastet die Eltern, weil Schule dann im Schulhaus erledigt wird und nicht im Elternhaus. Allerdings braucht es dafür auch die geeigneten Schulhäuser. In den typischen städtischen Schulkasernen ist das Modell verschränkter Unterricht bis 17 Uhr für alle Beteiligten unzumutbar, das hat etwas mit artgerechter Haltung zu tun. Und auch die verordnete Ganztagsbetreuung wäre für jene, die zu Hause 40 Quadratmeter Kinderzimmer für sich allein haben, ein Rückschritt. Da ist Wahlfreiheit unbedingt nötig. Parallel dazu müsste man ein Jahrhundertprojekt angehen, nämlich das Projekt "einstürzende Schulbauten". Die alten Schulkasernen gehören komplett umgebaut oder abgerissen. Bei uns gilt: Denkmal geht vor Kind. Das muss ein Ende haben.

Und die Schulautonomie? Hier meinen Kritiker, dass der Einfluss der Super-Schuldirektoren zulasten der Eltern und Schüler geht.

In Ländern, die man mit Österreich vergleichen kann, werden zwei Drittel der schulrelevanten Entscheidungen am Standort getroffen. Dadurch können Schulen eigene Profile entwickeln und sich voneinander unterscheiden: im Fächerangebot, im Unterrichtsstil, in der Elternarbeit, aber auch bei Unterrichtsbeginn, Feriengestaltung usw. In Österreich werden Dreiviertel der Entscheidungen von der Schulbehörde getroffen, das Ergebnis ist unsere Einheitsschule. Das heißt nicht, dass ich ein Gegner einer starken Schulbehörde bin, im Gegenteil, der Staat hat die Verpflichtung, Schule zu führen, aber ausführen sollte er sie die Schulen lassen. In Wien haben wir dank einer gut funktionierenden Schulbehörde nicht die Probleme anderer Großstädte. Da darf auch einmal gratuliert werden. Was mich viel mehr stört, sind gewisse Elternvereine von der Fraktion Pfründebewahrer, die behaupten, für die Eltern Österreichs zu sprechen, obwohl sie vielleicht zehn Prozent der Schüler vertreten.

Sie meinen also, dass die Reformen einerseits etwas bringen. Und andererseits?

Dass all das beim Kind nur ankommt, wenn parallel dazu in den städtischen Schulen, von Wien über Linz, Wels, Graz bis Dornbirn, eine gesunde soziale Mischung hergestellt wird. Das Bildungsministerium hat dazu ein neues Konzept in der Lade, Arbeitstitel "6_14", mit dem man die völlig überholte Trennung der Kinder mit zehn Jahren beenden könnte, ohne dass man die Gymnasien abschaffen müsste. Die Landeshauptleute würden jubeln, denn die hätten ein entscheidendes Mitspracherecht. Ein Meilenstein, wenn man mich fragt, denn anders kriegt man die 30 Prozent Risikoschüler nicht weg, da können Sie noch so viele Lehrer in Brennpunkt-Klassen stellen und noch so viel Geld umverteilen, ob jetzt sozialindexbasiert oder mit der Gießkanne. Ich bin zum Beispiel dagegen, dass man den AHS oder BHS Geld wegnimmt, sonst entstehen dort nämlich die nächsten Baustellen. Überhaupt muss einmal gesagt werden: Wir leiden in der Pflichtschule nicht an zu wenig Reform, sondern an zu viel davon. Seit 15 Jahren löst ein Reförmchen das andere ab, es wird umetikettiert, umformuliert und umfinanziert, alles wird standardisiert und qualitätsgesichert, was auch immer das sein soll. Und wofür? Die Leistungen der Kinder bleiben durchschnittlich, und die Energie der Lehrerinnen verpufft in Hunderten von Mapperln. Statt dass man den Lehrern vertraut und sie wieder in Ruhe mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten lässt.

Manche Lehrer klagen, dass immer öfter Eltern kaum Deutsch können und sich nicht für die Schule interessieren. In der Schule könne das nicht kompensiert werden.

Ich kritisiere, wenn Eltern ihren Kindern zu Hause nur türkisches oder serbisches Fernsehen anbieten. Oder nie eine österreichische Zeitung herumliegt. Oder, wie unlängst einer Kollegin passiert, eine Mutter ihr Kind in der Früh mit den Worten entschuldigt: "Der Bub kann jetzt nicht kommen, er schlaft grad so liab!" Das war übrigens eine österreichische Mutter. Das Karniefeln von Zuwanderern wie Deutschsprechgebote in der Pause ist jedenfalls keine Lösung.

In der politischen Diskussion dreht sich viel um die Leitkultur. Wie gehen Sie mit dem Trend zur Verschleierung oder der Handverweigerung um?

Sagen wir so: Ein Vater, der einer Lehrerin die Hand verweigert, weil sie eine Frau ist, hat in einer österreichischen Schule nichts verloren. Und eine voll verschleierte Mutter auch nicht. Das mag hart klingen, aber hier muss man zu seiner Wertehaltung stehen. Es bereitet mir keine Freude, wenn ich Menschen in ihrem kulturellen Selbstverständnis irritiere, weil, natürlich lauert hinter Burka und Nikab nicht das Böse, aber manche außereuropäische Traditionen sind mit dem gesellschaftlichen Auftrag der Schule einfach nicht vereinbar. In unseren Lehrplänen gibt es zehn "Unterrichtsprinzipien", bereits das erste verpflichtet uns zur "Erziehung zur Gleichstellung von Mann und Frau". Dem liegt ein Grundsatzerlass des Unterrichtsministeriums aus dem Jahr 1995 zugrunde, das war noch Elisabeth Gehrer. Diesem Prinzip kann ich nicht entsprechen, wenn ich mich gegen Frauenverhüllung unter religiösem Vorwand nicht aktiv verwahre.

Ganz spontan, welche schulischen Sofortmaßnahmen wünschen Sie sich für 2017?

Als Lehrer? Erstens einen verpflichtenden Religionenunterricht für alle Pflichtschüler, am besten als Art Ringvorlesung der großen Konfessionen, stark ethikzentriert und nach einem gemeinsamen Curriculum abgesegnet durch die Schulbehörde. Wenn ich religiös entradikalisieren will, muss ich zuerst seriös informieren. Zweitens: die Aufteilung der Flüchtlingskinder auf alle Schulen, also auch auf AHS und Privatschulen. In den Wiener Pflichtschulen beträgt der Anteil der Kinder zwischen 10 und 15 Jahren, die privat nie oder nur selten Deutsch sprechen, bereits 70 Prozent! Und jetzt kriegt man dort mit den Flüchtlingsklassen auch noch die Integration einer ganzen Zuwanderergeneration umgehängt. Meine Chefin hat in einem Interview gesagt, wenn man diese "außerordentlichen Schüler" aufteilen würde, käme sogar in Wien nicht einmal ein Kind auf eine Klasse. Problem gelöst. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Und was wünschen Sie sich als Vater?

Dass ich gelassen bleibe, wenn meine Tochter Suzie mit der nächsten Frühwarnung daher kommt – oder mein Sohn Daniel mit drei Fehlern in dem Wort "vermissen" (lacht). Wie man sieht, ein Luxusproblem …