Die Zukunft von Beziehung, Liebe - und dem ewigen Leben

Blade Runner (Blade Runner)
Foto: Allstar/Warner Bros. Harrison Ford im Film "Blade Runner": Verliebt in einen künstlichen Menschen.

Teil 12: Was den Menschen wirklich ausmacht. Der Tod gehört zum Leben. Fehler und Schwächen zum Menschsein. Wenn man sie abschafft, was bleibt dann noch?

Bunte T-Shirts, weite Kapuzenpullis, breite Hornbrillen. Eigentlich sehen sie gar nicht wie Kirchgänger aus und doch sind die Anhänger von Ray Kurzweil gläubige Jünger, die jedem seiner Vorträge ergriffen lauschen, als würde ein Prophet predigen. Denn Kurzweil verspricht ihnen nicht weniger als die Unsterblichkeit. Der amerikanische Technik-Guru und Leiter der technischen Entwicklung bei Google gilt als einer der führenden Experten in Sachen künstlicher Intelligenz. Und er hat eine These von der Zukunft des Menschen, die jener des Historikers Yuval Noah Harari in seinem Buch Homo Deus ähnelt.

Dank Biotechnologie und hoch entwickelter Miniroboter soll der Mensch bereits in wenigen Jahren dazu in der Lage sein, defekte Gene zu reparieren und sie auch gleich zu verbessern, kranke Zellen im Körper einfach auszutauschen, Teile seines Gedächtnisses auf Festplatten für die Nachwelt zu konservieren oder gleich mit den Robotern, deren Gehirne den menschlichen nachgebaut wurden, zu verschmelzen.

Es gäbe dann keinen Tod mehr. Aber auch kein Leben? Was, wenn die hoch entwickelte künstliche Intelligenz den Menschen auch gleich wegrationalisiert? Weil er zu ineffizient ist, zu langsam, zu menschlich?

Neue Partnersuche?

Kurzweils Anhänger gehören zur sogenannten "Singularity"-Bewegung, benannt nach dem einzigartigen, also singulären Augenblick der Menschheitsgeschichte, in dem Maschinen mit dem Menschen verschmelzen werden. Ein Moment, der nicht mehr allzu fern ist, glaubt man Kurzweil und seinen Anhängern. 2045 soll das Jahr sein, in dem die Menschen unsterblich werden.

Bis dahin gilt es, viele Bereiche zu verbessern, die momentan den Menschen noch zu sehr davon ablenken, sich selbst zu optimieren. Da gäbe es zum Beispiel die Suche nach einem Partner. Schon heute hinterlässt jeder im Netz Spuren. Ganz gleich, ob er nach einer günstigen Reise sucht, ein Profil auf Facebook hat oder online Bücher bestellt. Dieser Fußabdruck des Nutzers führt dazu, dass man beim erneuten Besuch einer Seite Artikel vorgeschlagen bekommt, die zum Käuferprofil passen, oder dass Facebook perfekt auf die persönlichen Interessen zugeschnittene Werbeanzeigen auf der Profilseite platzieren kann.

Die Daten, die man beim Surfen im Netz hinterlässt, könnten jedoch schon in naher Zukunft ganz anders genutzt werden. Nämlich um den perfekten Partner fürs Leben zu finden. Agenturen müssen dann nur noch Nutzerdaten in ihre Computer eingeben und ein Algorithmus schlägt den Treffer mit der geringsten Fehlerquote vor. Ein Partner, der perfekt zu einem passt. Mit den eigenen Charaktereigenschaften harmoniert. Dieselben Interessen und Vorlieben hat, bis ins kleinste Detail. Eine Wunschvorstellung vieler Singles und Menschen in Beziehungen, die mit den schwierigen Seiten ihrer Partner täglich zu kämpfen haben, sagen die Entwickler von Dating-Apps, die gerade daran arbeiten.

Aber ist sie das wirklich? Was ginge verloren, wenn der Mensch nicht mehr den Prozess des sich Verliebens selbst steuert? Die unglückliche Liebe, die verbotene Liebe, die unmögliche Liebe nie mehr erlebt? Den Liebeskummer als erste Schmerzerfahrung des Lebens nicht mehr kennenlernt?

Neue Märchen?

Franz Schubert, Georg Trakl, selbst der Gigant Goethe schrieben und komponierten aus Kummer über nicht erwiderte Liebe. Seit jeher berichten Schriftsteller, Sänger und Denker von der Sehnsucht nach einem geliebten Menschen, vom Drama der unerfüllten Liebe. Und erzählen nicht alle Mythen und Märchen letztlich immer von den Wirren der Liebe und den Mutproben, die für sie bestanden werden müssen? Wenn der Partner einem in den Schoß fällt, weil ein Computer ihn anhand von Daten ausgewählt hat, wovon sollen die Geschichten vor dem Einschlafen handeln?

Und wird der neue Mensch, halb Maschine, halb Lebewesen, von dem Kurzweil träumt und Harari fantasiert, überhaupt noch an alten, überlieferten Geschichten Interesse haben? Wird es für den Homo Deus neue Märchen geben?

"Do Androids Dream of Electric Sheep?" – "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?", fragte der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick bereits 1968 in seinem gleichnamigen Roman, der Jahre später unter dem Titel Blade Runner verfilmt wurde. Ein Kultfilm, der von einer Welt erzählt, in der künstliche, vom Menschen erschaffene Wesen die Menschheit bedrohen. Utopie oder realistisches Zukunftsszenario?

Lesen Sie bitte unterhalb des Filmplakats von "Blade Runner" weiter

Blade Runner (Blade Runner) Foto: Allstar/Warner Bros.

Im Film ist es die Aufgabe der Hauptfigur Rick Deckard, gespielt von Harrison Ford, die künstlichen Wesen, die Replikanten genannt werden, aufzuspüren und zu töten. Dabei hilft ihm ein Test, der auf dem größten Unterschied zwischen Mensch und Maschine basiert: der Empathiefähigkeit. Maschinen haben kein Mitgefühl. Sie können vorgeben zu lieben, aber sie verfügen nicht über das Gefühlsspektrum der Menschen. Die Drohne im Kriegsgebiet empfindet nichts, wenn Kinder unter ihr sterben.

Neue Träume?

In Blade Runner verliebt sich Rick Deckard, der eigentlich die Roboterwesen vernichten soll, ausgerechnet in eine Replikantin. Si vis amarim, ama! Wenn du geliebt werden willst, liebe! rät der römische Philosoph Seneca. Die Liebe, ein Gefühl, das sich schlecht beschreiben lässt, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Wie soll man sie dann programmieren können und Roboter mit ihr ausstatten?

In vielen utopischen Filme und Science-Fiction-Serien werden menschliche Eigenschaften von den Robotern vor allem als Schwäche gesehen. Menschliche Gefühle sind unberechenbar, unpraktisch, unlogisch aus Sicht der Maschinen. Und doch haben einige von ihnen die Fantasie, zum Menschen zu werden. Wenn auch nur für kurze Zeit. Weinen, lachen, zweifeln zu können. Haben Androide also vielleicht doch Träume? Träumen sie vom Menschsein?

Leben ist kein Algorithmus. Leben ist Geist. Der zeitgenössische Philosoph Byung-Chul Han warnt davor, Unsterblichkeit mit dem ewigen Leben zu verwechseln. Maschinen haben keinen Sinn für Geist. Wenn die Technik den Menschen ersetzt, wird er zwar Unsterblichkeit erlangen. Aber dafür das Leben verlieren. Mit allen Schwächen, Risiken, Abenteuern, die es lebenswert machen. Eine Zukunft ohne Menschlichkeit ist eine Zukunft ohne Menschen.

Die bisherigen Serienteile:

Teil 1:  Der Mensch von morgen: Perfekt, unsterblich - zu allem bereit?

Essay von Helmut Brandstätter: Die Wissenschaft wird uns gottähnlich machen - oder zerstören

Teil 2: Der Genetiker Markus Hengstschläger über die Thesen von Yuval Harari

Teil 3: Wie der Mensch den Schwangerschaftscode knacken will

Teil 4: Über die Gefahren der Mensch-Optimierung

Teil 5: Zukunft der Menschheit: Droht das Ende der Demokratie?

Teil 6: Der Mensch ist de facto bereits unsterblich

Teil 7: Singularität - die Angst vor der klugen Maschine

Essay von Helmut Brandstätter: Lern´ was! Ja, aber was?

Teil 8: Leben in der Zukunft: Für immer Feierabend! Und dann?

Teil 9: Wie wahrscheinlich eine gezielte Manipulation des Gehirns ist

Teil 10: Eine Zukunft ohne fixe Arbeitszeiten?

Teil 11: "Das werden Computer nie können"

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?