Die terroristisch motivierten Attentate in der Wiener Innenstadt lassen viele Menschen ratlos und mit diffusen Angstgefühlen zurück.

© Kurier/Jeff Mangione

Wissen Gesundheit
11/03/2020

Psyche im Taumel: "Müssen Terrorangst mit trotziger Kraft begegnen"

Psychiater Georg Psota plädiert dafür, Bedrohungsgefühle anzuerkennen. Gleichzeitig warnt er vor einem "Angsthype".

von Marlene Patsalidis

Nach den Attentaten in der Wiener Innenstadt macht sich in der Bevölkerung eine bedrückende Mischung aus Ohnmacht, Beklemmung und Fassungslosigkeit breit. Ein Ausnahmezustand für die Psyche.

Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste in Wien, erklärt im Interview, was solche Anschläge in Menschen auslösen, wieso es hilft, in Kontakt zu bleiben und was passiert, wenn Terrorangst auf Pandemiesorgen trifft.

KURIER: Wien steht unter Schock, ganz Österreich ist betroffen: Was machen die ungeheuren Vorfälle von gestern mit uns?

Georg Psota: Sie verunsichern uns, und sie machen Angst. Wichtig zu wissen ist, dass Angst eine ganz normale, adäquate Reaktion auf solche Geschehnisse ist und man sich auch eingestehen darf, Angst zu empfinden.

Welche psychischen Reaktionen können als Antwort auf die Geschehnisse auftreten?

Das kommt in erster Linie darauf an, wie nahe man mit den Attentaten zu tun hatte. Ob man direkt vor Ort war, oder indirekt aus den Medien davon erfahren hat. Wenn man unmittelbar etwas davon mitbekommen hat, kann es sein, dass man diese Bilder nicht mehr los wird und die bedrängenden Szenen der außergewöhnlichen Bedrohung immer wieder durchlebt. Das ist ein sehr unangenehmer Zustand, der meist mit Gefühlen von Hilflosigkeit und Kontrollverlust einhergeht. Auch Schlafstörungen und Reizbarkeit können auftreten. In diesen Fall ist es ganz wesentlich, dass man sich Hilfe holt. Die entsprechenden Beratungsstellen stehen hier mit Spezialistinnen und Spezialisten zur Verfügung.

Was raten Sie Menschen, die nahe des Tatortes waren, eventuell sogar Teile der Attentate mitbekommen haben, ganz konkret?

Das Vorrangigste ist, dass diese Menschen jetzt in eine sichere und ruhige Umgebung kommen. Das klingt banal, aber das ist wichtig. Sie sollten sich an einem Ort aufhalten, wo sie sich geschützt und wohlfühlen. Ich rate auch dazu, sich mitzuteilen. Viele Menschen verfügen über einen großen sozialen Airbag – Freunde oder Familie, an die man sich wenden kann. Durch das Mitteilen teilen wir auch die Schwierigkeiten, vor die uns solche Situationen stellen. Der emotionale Brocken, den es zu verarbeiten gilt, wird kleiner und man verspürt automatisch Erleichterung. Wenn diese natürlichen, oft intuitiven Entlastungsvorgänge nicht ausreichen, dann ist der Moment, sich professionelle Hilfe zu holen. (Die Psychiatrische Soforthilfe steht rund um die Uhr als Not- und Krisendienst unter der Rufnummer +43 1 31330 zur Verfügung.)

Was empfehlen Sie allen anderen, die die Vorfälle über die Medien verfolgt hat, zur Bewältigung?

Wozu ich rate, ist, sich nicht in den Ereignissen zu verlieren, sich wenn möglich nicht allzu sehr hineinzusteigern, sich ablenken zu lassen und wieder in die normale Tagesroutine zu finden. Das gelingt unter anderem dann am besten, wenn medial nicht in Endlosschleife angstmachende Bilder von in Panik geratenden Menschen gezeigt werden. Das ist in Wahrheit ein Triumph für die Terroristen, die genau das wollen: Angst schüren und ein Durcheinander erzeugen. Diese Genugtuung sollten wir ihnen nicht gönnen. Was man nicht vergessen darf: Je mehr man vor allem sehr explizite Bewegtbilder zeigt, desto größer ist die Gefahr, dass sich Nachahmer finden. Und das ist das Letzte, was wir jetzt brauchen.

Es gibt ein umfassendes Krisenbetreuungsangebot in Österreich über diverse Hotlines. Womit wenden sich Menschen in solchen Ausnahmezuständen an die Expertinnen und Experten?

Die Telefone laufen derzeit natürlich heiß. In den vergangenen paar Stunden hat sich in dieser extremen Situation ein breites Spektrum an Anfragen offenbart. Es melden sich einerseits Menschen, die wirklich in der Nähe der Anschläge waren und teilweise traumatisiert sind. Sie werden an eine entsprechende Akutbetreuung verwiesen und von geschulten Expertinnen und Experten direkt aufgesucht. Dann gibt es andererseits Menschen, die nicht unmittelbar dabei waren, bei denen die Nachrichten aber aus verschiedenen Gründen heftige Spuren hinterlassen haben. Und dann melden sich auch etliche, die einfach verunsichert sind oder sich um Nahestehende sorgen und Rat suchen. Zum Beispiel, was den Umgang mit Kindern in solchen Situationen angeht.

    Welche Rolle spielen soziale Medien beziehungsweise Bilder und Videos, die vielfach im Netz geteilt werden, bei der Verschärfung des individuellen Angstempfindens?

    Sie erzeugen einen Angsthype – und das bringt uns rein gar nichts. Ich finde es in Ordnung, dass solche Szenen gefilmt und der Polizei zur Verfügung gestellt werden. Aber es ist absolut kontraproduktiv, wenn sie permanent geteilt werden.

    Wir befinden uns mitten in einer Pandemie. Viele Menschen sind erschöpft und ausgelaugt. Nun kommt die Angst vor dem Terror dazu. Wie geht man mit dieser psychischen Doppelbelastung um?

    Es stimmt: Im Jahr 2020 mussten wir schon viele Kräfte mobilisieren. Diese Mehrfachbelastung ist evident und als solche anzuerkennen. Wir sollten dennoch versuchen, den solidarischen Zusammenhalt in der Bekämpfung des Virus nicht aus den Augen zu verlieren. Wir müssen noch eine Weile durchhalten und so umsichtig wie möglich agieren – auch mit Blick auf Weihnachten als großteils positiv besetzten Feiertag. Dann kommen bestimmt auch wieder bessere, leichtere Zeiten.

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      Der zweite Lockdown ist nun in Kraft. Rückzug ist ausdrücklich erwünscht. Kann das angesichts der verunsichernden Lage auch angenehm sein?

      Dass es jetzt gleichsam sozial erwünscht ist, dass man sich zurückzieht, kann durchaus als entlastend erlebt werden. Aber es kann Menschen in ihren Möglichkeiten, sich sozial auszutauschen, auch einschränken. Aber dafür wurde ja das Handy erfunden.

      Der Menschen braucht die Angst zum Leben, um zu lernen und sich weiter zu entwickeln – in Momenten wie gestern wirkt sie lähmend. Wie kann man aus der Angststarre herausfinden?

      Die Lähmung signalisiert Reste einer uralten Überlebensfunktion des Menschen und ist Ausdruck einer massiven Überforderung. Mut und Zuversicht lassen sich nur entwickeln, wenn man die Lähmung überwindet. Das muss jetzt das Ziel sein.

      Angst ist, als eine der Grundemotionen des Menschen, leicht zu erzeugen und lässt sich gut als Instrument einsetzen. Das machen sich auch Terroristen zunutze. Wie können wir als Gesellschaft darauf reagieren?

      Indem wir diesen Tendenzen und der Terrorangst mit trotziger Kraft begegnen und entgegenwirken und sagen 'Nicht mit uns!'.

      Die wichtigsten Aspekte im Überblick

      • Alle aktuellen Entwicklungen im Live-Ticker (mehr dazu)
      • Die sechs Tatorte der Anschlagsnacht (mehr dazu)
      • Chronologie jener Nacht, die ganz Wien in Atem hält (mehr dazu)
      • Reaktionen aus der Politik: Kurz verurteilt "widerwärtigen Terroranschlag", VdB "tief betroffen" (mehr dazu)
      • "Opendoors" - Wien zeigte sich solidarisch: Zuflucht angeboten (mehr dazu)
      • Macron zu Anschlag in Wien: "Werden nicht nachgeben" (mehr dazu)
      • Augenzeugenberichte: "Täter hat mitten in die Leute im Schanigarten geschossen" (mehr dazu)

      Psychiatrische Soforthilfe: Steht rund um die Uhr als Not- und Krisendienst unter der Rufnummer +43 1 31330 zur Verfügung

      Notfallpsychologischer Dienst: Rund um die Uhr erreichbar unter +43 699 188 554 00

      Corona-Sorge-Hotline: Zwischen 8 und 20 Uhr besetzt unter erreichbar unter +43 1 4000 53000

      Servicetelefon der Kinder- und Jugendhilfe Wien: erreichbar unter +43 1 4000 8011

      Kriseninterventionszentrum: erreichbar zwischen 10 und 17 Uhr unter +43 1 406 95 95

      Rat auf Draht: Kinder und Jugendliche und deren Angehörige können sich rund um die Uhr anonym und kostenlos mit jedem Anliegen an die Notrufnummer 147 wenden

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