Für Betroffene ist Stresskopfweh eine Bürde, die sie einige Stunden, häufiger aber mehrere Tage oder Wochen ertragen müssen. Die Corona-Krise führt dazu, dass immer mehr Menschen darunter leiden.

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Wissen Gesundheit
09/14/2020

Psychische Spätfolgen mildern: Wie man der Corona-Krise Sinn gibt

Die Pandemie strapaziert die Psyche. Warum ein offener Umgang so wichtig ist – und wie man wieder Mut fasst.

von Marlene Patsalidis

"Ich habe eine Depression." Mit diesem schmucklosen und gleichsam ausdrucksstarken Satz machte der österreichische Journalist und Autor Andreas Sator vor wenigen Tagen seine psychische Krise via Twitter publik. Das Echo war enorm: Neben Genesungswünschen sprach die Community dem 30-Jährigen vor allem Anerkennung für seine Offenheit aus.

Wie wichtig der tabulose, ungeschönte Umgang mit psychischen Erkrankungen ist, weiß Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP): "Über ein gebrochenes Bein spricht man ganz selbstverständlich, über psychische Leiden wird immer noch viel geschwiegen. Oft ist die Scham groß und die Hemmungen sich Hilfe zu suchen noch größer."

Nach wie vor würden psychische Probleme oft als "abnormale Reaktion" verstanden und abgewertet. "Dabei sind sie grundsätzlich ein normaler und adäquater Ausdruck einer für den Menschen übermäßig belastenden Situation", sagt Stippl. Für Betroffene sei es wichtig, sich über seelische Leidenszustände auszutauschen – "und sich so aus dem Umfeld, aber auch von Experten Impulse für die Bewältigung zu holen".

Emotional ausgelaugt

Eine psychische Erkrankung kann jeden treffen. Die Corona-Krise hat die Problematik verschärft. So ist beispielsweise die Zahl jener, die psychisch bedingter Kopfschmerz quält, in weiten Teilen der USA seit Pandemie-Beginn um 50 Prozent gestiegen. Das belegen neueste Auswertungen der Migräne- und Kopfschmerz-App "Migraine Buddy", die weltweit rund 2,5 Millionen Nutzer zählt. Die auffälligsten Ausschläge registrierten die Betreiber zwei Wochen, nachdem Präsident Trump am 13. März den nationalen Ausnahmezustand erklärte. Am selben Tag verkündete Bundeskanzler Kurz hierzulande, dass "wir unser soziales Leben auf ein Minimum reduzieren" müssen.

Knapp sechs Monate sind seither vergangen. Die Covid-Maßnahmen wurden teils gelockert. Das Virus ist nicht von der Bildfläche verschwunden, ebenso wenig wie die psychischen Folgen der Ausnahmesituation. Angstzustände, Panikattacken, Depressionen, Schlafprobleme: Schon kurz nach Start des Lockdowns wurde sichtbar, wie die Pandemie die seelische Gesundheit beansprucht. Depressive Symptome stiegen von etwa vier Prozent auf über 20 Prozent und Angstsymptome von fünf Prozent auf 19 Prozent an, wie eine Studie der Donau-Universität Krems im Frühjahr abbildete. 16 Prozent der Befragten litten unter Schlafstörungen.

"Die Ergebnisse waren schon damals ernüchternd – daran hat sich bis jetzt erstaunlich wenig geändert", betont Studienleiter Christoph Pieh vom Department für Psychotherapie und Biopsychosoziale Gesundheit. Unter anderem in Zusammenarbeit mit dem ÖBVP und der Sigmund Freud Universität hat er seine Forschungen fortgeführt: Der Freiheitsentzug als Verursacher von psychischem Leid sei in den Hintergrund gerückt. Im Fokus stünden nun sozioökonomische Belastungsfaktoren (finanzielle Unsicherheit, Arbeitslosigkeit, etc.), "die umso gravierender werden, je länger die Krise anhält".

Ein anderer bedrückender Parameter: die Ungewissheit. "Die Zahlen steigen wieder, es gibt weder Impfstoff noch Heilmittel, keiner weiß, wie es im Herbst weitergeht", sagt Pieh. Hinzu komme der mit Bangen erwartete Schulstart – und damit fragliche Betreuungspflichten –, wegen Reisebeschränkungen abgesagte oder wackelnde Urlaube und Beziehungsprobleme.

"Die Lockerungen haben im Juni die Hoffnung auf Normalität genährt", weiß Stippl, "und jetzt hört man, dass alles doch nicht so einfach sein wird und wir für längere Zeit mit Widrigkeiten konfrontiert sein werden. Da kann auf lange Sicht einiges im Leben – sofern das nicht schon passiert ist – ins Wanken geraten."

Paradoxe Medikation

Wird die seelische Last übermächtig, erscheint der Griff zu Psychopharmaka nachvollziehbar. Tatsächlich ist die Nachfrage in den vergangenen Monaten aber gesunken. Zu Beginn des Lockdowns registrierte der Verband der Arzneimittel-Vollgroßhändler (Phago) noch einen Anstieg von 113 Prozent bei Psychopharmaka. In den Folgemonaten wurden beträchtliche Rückgänge verzeichnet: Das Minus lag bei 25 Prozent im April und bei 17 Prozent im Mai. "Einer der Gründe dürfte darin zu finden sein, dass weniger Patienten zum Arzt gegangen sind und weniger Präparate verschrieben wurden", mutmaßt Phago-Generalsekretärin Monika Vögele. Durch die Vorratskäufe lassen sich auf den tatsächlichen Konsum aber nur bedingt Rückschlüsse ziehen.

Die eingangs erwähnten Stresskopfschmerzen sind laut Stippl ein typischer Ausdruck der Belastung: "Verspannungen am ganzen Körper, innere Unruhe, Rückenschmerzen, Herzrasen und Magenprobleme sind auf den latenten Stresspegel und Sorgen zurückzuführen. Das sind Warnsignale, die man ernst nehmen sollte."

Versorgungsbedarf

Einen Weg aus der Krise kann zum Beispiel ein Psychotherapeut weisen. Kürzlich hat das Gesundheitsministerium das Kontingent für kassenfinanzierte Plätze aufgestockt, die langen Wartelisten für die kostenintensive Behandlung sind kürzer geworden. Angesichts der Lage sollte Psychotherapie jedem seelisch Leidenden zugänglich sein, fordert Stippl: "Je länger man mit der Behandlung solcher Symptome, Störungen und Schmerzen zuwartet, desto stärker werden sie und desto langwieriger und kostenintensiver wird die Therapie."

In der breiten Bevölkerung gebe es nach wie vor Hemmungen, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. "Wenn man sich dazu durchgerungen hat und dann – wie es oft vorkommt – auf ein halbes Jahr vertröstet wird, fühlt man sich zurückgestoßen. Die negative Gedankenspirale wird befeuert."

Die Psyche pflegen

Wie sich die Gefühlswelt der Menschen bis Ende des Jahres entwickeln wird, sei laut Stippl schwierig zu prognostizieren. "Das hängt davon ab, was von außen auf uns zukommt." Er rät, sich derweil von innen zu wappnen: "Man kann versuchen, dieser Zeit wieder Sinn und Bedeutung zu geben." Etwa, indem man eine joblose Phase mit bereichernden Fortbildungen überbrückt oder neue – nicht zwingend kostspielige – Projekte in der Wohnung oder dem Garten plant. "Das schafft Erfolgserlebnisse, die Kraft geben können."

Andreas Sator wird sich nun depressionsbedingt eine berufliche Auszeit nehmen, schrieb er auf Twitter: "Um mehr Zeit für Therapie und emotionale Arbeit zu haben."

Telefonseelsorge
Unter 142 ist der Notrufdienst 24 Stunden erreichbar.

Rat auf Draht
Auch Rat auf Draht ist unter 147 rund um die Uhr für Betroffene da.

Erstberatung des VÖPP
Die Vereinigung Österreichischer Psychotherapeutinnen bietet unter www.voepp.at schnelle Hilfe und rasche Terminvereinbarung.

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