Kinder können auch in Krisen Kräfte mobilisieren. Dafür brauchen sie die Unterstützung von Erwachsenen.

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freizeit Leben, Liebe & Sex
05/07/2020

Wie Corona die Zukunft der Kinder prägt

Kinder kommen mit fordernden Zeiten klar. Vorausgesetzt, sie werden damit nicht allein gelassen.

von Marlene Patsalidis

"Es ist alles andere als kindgerecht, was in den vergangenen Wochen passiert ist", sagt Ulrike Zartler von der Universität Wien, "und wir sollten Kindern Respekt dafür zollen, wie souverän sie mit Corona umgehen". Die Kindheits- und Familiensoziologin erforscht seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen, wie sich die Pandemie auf Familien auswirkt. Aufschluss über das Erleben von fast 100 Müttern und Vätern sowie deren Sprösslingen bekommt sie über ausgiebige Telefoninterviews. Auch in Tagebüchern notieren die Familien, wie es ihnen ergangen ist.

Kontaktentzug

Im Gespräch mit dem KURIER berichtet Zartler von ersten Erkenntnissen: "Es war anzunehmen, dass die Situation Familien enorm zusetzen wird. Das hat sich bestätigt." Nicht nur Mütter und Väter, die derzeit Homeoffice mit Kinderbetreuung vereinbaren und dem Nachwuchs zugleich beim Heimunterricht zur Seite stehen müssen, leiden unter dem veränderten Alltag.

"Das bisher geltende Kontaktverbot zu Freunden, aber auch die Anordnung, sich von lieb gewonnenen Erwachsenen fernhalten zu müssen, steht im Kontrast dazu, was man Kindern normalerweise vermittelt – und ist nicht leicht zu verkraften", sagt Zartler. Dennoch habe sich der Großteil vorbildlich an die Regelungen gehalten. "Der Frust hat dieser Tage aber seinen Zenit erreicht."

Die nunmehrige Lockerung der Maßnahmen – Kindergärten, Schulen und Spielplätze öffnen schrittweise, Freunde und die erweiterte Familie zu treffen ist auf Abstand wieder möglich – begrüßt auch Paul Plener, Leiter der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH Wien: "Und zwar vor dem Hintergrund, dass Kinder auf den Kontakt mit Gleichaltrigen angewiesen sind. Der Austausch mit ihnen erfüllt wichtige Entwicklungsaufgaben." Dass die durch Schulen und Kindergärten angebotene, wichtige Tagesstruktur weggebrochen sei, komme erschwerend hinzu.

Es gibt auch Kinder, deren Alltag durch den Ausnahmezustand gewissermaßen bereichert wurde, weiß Zartler: "Manche genießen es, mehr Zeit mit den Eltern verbringen zu können. Gleichzeitig wissen wir von Mädchen und Burschen, die überfordert sind, weil sie zu Hause kein gutes Lernumfeld haben, Mama und Papa gereizt sind und auch wenig Verständnis für die Erledigung der Schulaufgaben oder andere Bedürfnisse haben. Da geht die Schere der sozialen Ungleichheit auf – in einer Situation, in der sich viele Kinder ohnehin hilflos fühlen."

Stressreaktion

Bei etwa 30 Prozent der Kinder aus Familien, die wegen anderer Viruserkrankungen wie etwa der Schweinegrippe in Quarantäne gehen mussten, fanden US-Forscher Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Laut Plener eine realistische Zahl, die sich auch auf die Corona-Pandemie übertragen lässt: "An sich können sich Kinder gut gegen Widrigkeiten wappnen, aber nur, wenn sie dabei von einer ihnen vertrauten, erwachsenen Bezugsperson gestärkt werden. Dann wird nicht jede Belastung zum Trauma, die Bewältigungserfahrung kann in den Lebenslauf integriert und bei späteren Herausforderungen erneut angewandt werden." Bekommt das Kind diese fürsorgliche Zuwendung nicht, kann das Folgen für die Psyche haben. Konflikte, die während der Isolationszeit zwischen Eltern und Kinder aufkeimen, können die Beziehung nachhaltig strapazieren.

Stichwort Bezugspersonen: Kinderhilfsorganisationen, beispielsweise die UNICEF aber auch das Wiener Kinderschutzzentrum "Die Möwe" warnen davor, dass in Zeiten der Isolation häusliche Gewalt zunimmt. "Dann werden die Bezugspersonen zum Aggressor. Das Kind hat niemanden, der ihm beständigen Schutz bietet", sagt Plener.

Um Kindern Sorgen zu nehmen, empfiehlt Plener Erwachsenen, sich den eigenen Umgang mit Unsicherheiten zu vergegenwärtigen: "Vor allem kleinere Kinder orientieren sich in ihrer Reaktion auf Bedrohungen an den Eltern, weil sie nur begrenzt eigene Erfahrungswerte haben." Der Kinder- und Jugendpsychiater rät zu altersgerechter Aufklärung: "Auch Kinder im Kindergartenalter können das Konzept von Krankheitserregern, und wie diese übertragen werden, nachvollziehen." Die nach wie vor gebotenen Sicherheitsmaßnahmen könne man ihnen problemlos erklären, etwa mit Aufklärungsfilmen ("Es war einmal…das Leben" kennen viele Erwachsene selbst noch aus Kindertagen), Playmobil-Figuren, Büchern (siehe unten) – "vor allem aber im Gespräch".

Unsicherheit auffangen

Unterricht, Tagesrhythmus, Freunde – und damit ein Stück Normalität – kehren nun langsam wieder ins Leben zurück. Was bedeutet es, nach so langer Zeit wieder in den echten Schulalltag einzusteigen? Mit versetzten Stuhlreihen, Desinfektionsmitteln an jeder Ecke und Abstandsregel sei klar, dass in naher Zukunft kein ganz normaler Alltag möglich sein wird, betont Plener. "Am besten, man spricht die Gegebenheit aktiv an. Je früher und klarer man Dinge kommuniziert, desto geringer die Unsicherheit." Grundsätzlich sei die Schulpause verkraftbar, weil mit den langen Sommerferien vergleichbar. Kindern, die Angst davor haben, in die Klasse zurückzukehren, gilt es Mut zu machen: "Man sollte das hervorheben, was das Kind im Homeschooling vermisst hat."

Ob die Krise einen bleibenden Eindruck bei Kindern, gar seelische Spuren hinterlassen wird? "Kinder sind unbefangener darin, sich an Neues, auch extreme Erfahrungen, anzupassen. Wenn ihnen ein sicheres Umfeld den Raum dafür gibt. Im Grunde gehe ich davon aus, dass die Einschnitte ähnlich prägend sein werden wie Tschernobyl 1986 oder die Terroranschläge des 11. September", sagt Plener.

Was Kinder in der Corona-Krise erleben, prägt sie sehr, ist sich Soziologin Zartler sicher. Mit den Familien wird sie weiterhin in Kontakt bleiben: "Wir müssen erkennen, dass wir Kinder nicht nur durch die Krise begleiten müssen – sondern auch aus der Krise heraus."