Nicht immer sind sich Virologen bei Corona einig. Für Laien ist das verwirrend, für den Forschungsfortschritt unerlässlich.

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Wissen Gesundheit
04/24/2020

Dissonanzen im Virologen-Chor: "Wir Wissenschafter streiten gerne"

Corona-Forscher sind sich nicht immer einig. Warum ist das so und was ist nun wirklich nötig? Für den KURIER haben zwei renommierte Experten Alltagsbeispiele beurteilt.

von Marlene Patsalidis

Ein Meter Abstand schützt vor einer Ansteckung: So wird es Österreich seit Beginn der Corona-Krise gepredigt. Das sehen längst nicht alle so: In der Schweiz soll sich die Bevölkerung nicht näher als zwei Meter kommen, in Deutschland raten Expertinnen und Experten zu eineinhalb Metern. Was stimmt denn nun, fragt sich da so manch einer?

"Widerspruch ist in der Wissenschaft nichts Ungewöhnliches", sagt Virologe Christoph Steininger von der MedUni Wien, "er ist Teil des natürlichen Prozesses zum Wissensgewinn." Er spielt auf Meinungsverschiedenheiten zwischen Virologinnen und Virologen in der Debatte um das Coronavirus an. In den vergangenen Monaten gab es solche auch abseits der Abstandsempfehlungen immer wieder. "Wir Wissenschafter streiten immer gerne", bestätigt Virologin Dorothee von Laer von der MedUni Innsbruck: "Und auch wir können uns irren."

Wissenschaft live

Für die Öffentlichkeit sei das verständlicherweise irritierend, erklären die beiden. Dass Laien davon überhaupt etwas mitbekommen, ist dem Ausnahmezustand geschuldet. "Erkenntnisfortschritt passiert normalerweise hinter den Kulissen. Erst, wenn man Daten besitzt, die über Einzelbeobachtungen hinausgehen, wenn Ergebnisse vielfach überprüft wurden und man als Wissenschafter alle Perspektiven betrachtet hat, geht man an die Öffentlichkeit", sagt Steininger. Doch auch die Mühlen der Forschung mahlen dieser Tage anders.

Das Publikationsgeschehen zu SARS-CoV-2 ist dicht und deutet in verschiedene Richtungen. Während Studien für gewöhnlich einen monatelangen Begutachtungsprozess durchlaufen, bevor sie in Fachblättern erscheinen, werden viele jetzt sofort ins Netz gestellt.

Das Gros der Gelehrten hält das angesichts der dringlichen Lage auch für sinnvoll. Laut Steiniger führt das aber dazu, dass "vieles, was als Erkenntnis präsentiert wird, tags darauf schon wieder verworfen werden muss". Dennoch sei keine dieser Publikationen vergeudet: "Dass sich viele Berichte als lückenhaft und angreifbar erwiesen haben, hat dazu geführt, dass man auf Basis dieser ersten Beobachtungen bessere Daten gesammelt hat. Das bringt uns voran."

Fakten für Außenstehende zu vereinfachen und dabei wissenschaftlich präzise zu bleiben, sei herausfordernd, betont von Laer. Es sei allerdings auch zunehmend ein Problem, dass "manche Kollegen keinen Unterschied zwischen Erwiesenem und Erfahrungswerten machen".

Aerosole einschätzen

Wie verschieden Forschungstreibende – Virologen, aber auch Epidemiologen, Modellierer und Experten aus anderen Fachrichtungen – argumentieren können, lässt sich am Beispiel der Ansteckungsgefahr über die Luft illustrieren. Die Autoren einer belgisch-niederländischen Simulationsstudie postulierten kürzlich, man müsse beim Joggen einen Mindestabstand von zehn Metern wahren. Sonst kreuze man direkt durch die potenziell infektiöse Tröpfchenwolke des Vorläufers. Unbeteiligte Experten wiesen dies als unwissenschaftlich zurück. "Die Studie ist spannend, erfüllt aber eben nicht die Kriterien, die man sich wünscht, um darauf basierend Empfehlungen auszusprechen, wie sich Jogger verhalten sollen", sagt Steininger.

Tatsache ist laut von Laer, dass "Aerosole, also kleinere Tröpfchen, die beim Atmen und Sprechen entstehen, länger und stabiler in der Luft verbleiben, während größere, die beim Husten oder Niesen verströmt werden, nach etwa einem Meter zu Boden fallen und in gewöhnlichen Masken hängen bleiben". Diese Erkenntnisse ließen sich nicht aufs Joggen an der frischen Luft, sehr wohl aber auf geschlossene Räume übertragen, in denen mehrere Personen sitzen – wie etwa Restaurants, die wegen der geplanten Öffnung hierzulande interessieren. "Daher gilt es dort gut zu lüften, einen Durchzug zu schaffen und Maske zu tragen. Das minimiert das Übertragungsrisiko."

Wie sich infektiöse SARS-CoV-2-Partikel im Speziellen in Frischluft genau verhalten und wie stark der Verdünnungseffekt durch Luftzug ist, sei laut Steininger nach wie vor nur in Ansätzen belegt. "Und es stellt sich auch die Frage, ob wir das jemals genau sagen werden können. Da bedarf es aufwendigster Experimente. Zumindest derzeit haben wir andere Sorgen, als hochtheoretische Überlegungen mit Riesenaufwand nachzuverfolgen."

KURIER Talk mit Virologen Christoph Steininger

Abstand definieren

Zurück zu den eingangs erwähnten Abstandsregeln und einem weiteren Kriterium: der Zeit. Damit etwa in der "Stopp Corona"-App des Roten Kreuzes Kontakte via Bluetooth aufgezeichnet werden, muss man mindestens 15 Minuten miteinander zu tun haben. Doch wie wird ein solcher Hochrisikokontakt eigentlich bestimmt? Steininger: "Es gibt keine Studie, wo die Ansteckungsdistanz oder -zeit im Zentimeter- bzw. Minutenbereich evaluiert wurde. Das sind also Faustregeln, die auf Basis von Erfahrungswerten mit anderen Infektionskrankheiten aufgestellt wurden." Von Laer: "Sie verhindern die allermeisten Infektionen, das bedeutet nicht, dass sie uns alle zu 100 Prozent schützen."

Dass man damit nicht so falsch liegt, zeigt eine aussagekräftige Studie aus Deutschland, die der deutsche Virologe Christian Drosten kürzlich im NDR-Podcast besprach: Bei einer Aufarbeitung einer Münchner Übertragungsgruppe in einer Autozuliefererfirma konnte man nachweisen, dass das Virus in der Kantine während des Mittagessens vom einen auf den anderen Mitarbeiter übertragen wurde. Dabei saßen beide Personen Rücken an Rücken, die eine hatte die andere nach dem Salzstreuer gefragt.

Kinder beforschen

Keine derartigen Faustregeln gibt es bei der Frage, welche Rolle Kinder bei der Verbreitung von SARS-CoV-2 spielen. In Schweden, wo Kindergärten und Grundschulen offenbleiben, beruft man sich auf die uneindeutige Studienlage. Während Steininger hier noch "viele offene Fragen" sieht, lassen sich laut von Laer einige gesicherte Daten für lösungsorientierte Empfehlungen heranziehen: "Kinder werden so gut wie allen Erhebungen zufolge genauso infiziert wie Erwachsene." Fakt sei auch: Je jünger man ist, desto eher durchläuft man die Infektion mit milden Symptomen – und verbreitet das Virus leichter unbemerkt. "Ich halte deshalb eine Öffnung der Schulen, begleitet von engmaschigen Tests und Hygienemaßnahmen persönlich für sinnvoll. Bei gutem Wetter würde ich – ganz unkonventionell – den Unterricht nach draußen verlegen."

Orientierung finden

"Vier Monate sind eigentlich nichts für die Charakterisierung eines neuartigen Virus. Und man muss sich die Interpretationsfindung in der Virologie wie einen Korridor vorstellen, der schmäler wird, je mehr Information gesammelt werden", sagt Steininger. Umso kongruenter werden infolgedessen die Expertenmeinungen. Schon jetzt gebe es unter Virologinnen und Virologen mehr Einigkeit in wesentlichen Fragen, "auch wenn wir in Details teilweise noch immer uneins sind." Die Wissenschaft fördert laufend Neues zutage, nicht alles ist eindeutig, vieles kompliziert. "In der wissenschaftlichen Welt", ist sich von Laer sicher, "rückt sich vieles aber mit der Zeit von selbst zurecht".