Atmen bedeutet leben: Bei Erwachsenen bewegt sich die Lunge täglich etwa 20.000 Mal – das entspricht zwölf bis 18 Atemzügen pro Minute.

© nerthuz/Fotolia

Wissen Gesundheit
03/21/2020

Kein Sauerstoff: Was das Coronavirus in der Lunge anrichtet

Ein Experte erklärt, wie der Corona-Erreger das lebenswichtige Atemorgan schwächen kann.

von Marlene Patsalidis

Ende Dezember des vergangenen Jahres tauchten die ersten Schlagzeilen auf: "Mysteriöse Lungenkrankheit breitet sich in China aus", titelten internationale Medien damals. Die Erkrankung trägt mittlerweile den Namen Covid-19; mysteriös ist sie längst nicht mehr. Covid-19 wird durch das neuartige Coronavirus ausgelöst.

"Coronaviren sind eine Virenfamilie mit bestimmten Eigenschaften, die im Tierreich vorkommen, Artengrenzen überwinden können und so auf den Menschen übertragen werden", sagt Horst Olschewski, Leiter der Abteilung für Pulmonologie am LKH-Universitätsklinikum Graz. "So nahm wohl auch die Pandemie in Wuhan ihren Anfang."

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Coronaviren in der Bevölkerung ausbreiten: Schon bei der SARS-Pandemie in den Jahren 2002 und 2003 war dies der Fall. Wie auch beim MERS-Virus, das 2012 erstmals beim Menschen identifiziert wurde. "Anders als die früheren Vertreter seiner Virenart ist SARS-CoV-2 leicht von Mensch zu Mensch übertragbar – also sehr ansteckend", sagt Olschewski.

Schwere Verläufe

Für ältere und chronisch kranke Menschen kann der Erreger lebensgefährlich sein. Rund fünf Prozent der schwerstkranken Patienten brauchen intensivmedizinische Betreuung. "Lebensbedrohlich wird Covid-19, wenn die Lunge am Entzündungsprozess im Körper beteiligt ist", sagt Olschewski. Im Unterschied zur bakteriellen Lungenentzündung, die oft auf einen oder zwei Lungenlappen begrenzt ist. "Dann entsteht eine diffuse Lungenentzündung, die das gesamte Atmungsorgan betrifft."

Verläuft diese Entzündung schwer, spricht man im Fachjargon vom Acute Respiratory Distress Syndrome (ARDS) – und meint damit eine massive Reaktion der Lunge auf schädigende Faktoren, die mit einer schweren Einschränkung der Sauerstoffzufuhr einhergeht. "Der eingeatmete Sauerstoff kann nicht mehr gut ins Blut übertreten und wird wieder ausgeatmet", präzisiert der Experte.

Doch was passiert dabei in der Lunge? "Im Lungengewebe entstehen eine Vielzahl von entzündlichen Mediatoren. Also entzündliche Eiweißkörper, die von Entzündungszellen abgesondert werden, aber auch von den Zellen, die in der Lunge selbst vorhanden sind. Daraus entsteht eine entzündliche Reaktion im Lungengewebe, bis hin zu den empfindlichen Lungenbläschen. Es sind dann vermehrt Entzündungszellen und Flüssigkeit dort vorhanden."

Infolge klappt der lebensnotwendige Gasaustausch nicht mehr einwandfrei. Der Körper kann nicht mehr ausreichend Sauerstoff in den Blutkreislauf zuführen und Kohlendioxid ausscheiden. "Wenn man nicht mehr die zum Leben erforderliche Menge Sauerstoff in den Körper aufnehmen kann, stirbt man nach kurzer Zeit", beschreibt Olschewski.

Problemfaktor Herz

Nicht immer ist ein solches Lungenversagen ausschlaggebend für das Ableben von Covid-19-Patienten. "Oft sind kardiale, also vom Herz ausgehende, Komplikationen die Ursache. Das lässt sich dadurch erklären, dass bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung immer das schwächste Organ im Körper ausschlaggebend für den Tod ist. Wenn etwa ein Patient eine schwere chronische Herzkrankheit und plötzlich weniger Sauerstoff zur Verfügung hat, wird das kranke Herz der lebenslimitierende Faktor werden."

Mit Sauerstoff stabilisieren

Derzeit gibt es keinen Impf- oder Wirkstoff gegen das Virus. Männer und Frauen mit schweren Covid-19-Verläufen werden in den Spitälern mit Sauerstoff versorgt: "Das sind ähnliche Maßnahmen, die auch bei der saisonalen Grippe ergriffen werden, die ebenfalls Lungenversagen auslösen kann. Man sorgt dafür, dass ausreichend Sauerstoff in den Körper kommt, indem man Sauerstoff über eine Nasenbrille oder eine Maske anbietet."

Hat der Patient nicht mehr genügend Energie, selbst zu atmen, wird ein Beatmungsgerät eingesetzt – er kommt auf die Intensivstation. "Parallel versucht man sicherzustellen, dass sich nicht obendrein eine bakterielle Lungenentzündung breitmacht. Eine zweite verkomplizierende Erkrankung muss vermieden werden."

Seitdem sich das Coronavirus in Österreich stark ausbreitet, machen vermehrt Ratschläge die Runde, ältere Menschen sollten sich jetzt noch gegen Pneumokokken impfen lassen. Die Impfung schützt (wie auch die Grippe-Impfung) nicht vor einer Coronavirus-Ansteckung: "Prinzipiell ist die Pneumokokken-Impfung natürlich sehr empfehlenswert. Die beste Zeit dafür sind aber grundsätzlich die Sommermonate, weil man Zeiten mit vielen Virusinfekten vermeiden möchte."

Derzeit empfiehlt das Nationale Impfgremium Österreichs außerdem, jegliche Immunisierungen wegen der Coronavirus-Pandemie aufzuschieben. Sie sollten in absehbarer Zeit zügig nachgeholt werden.

Bronchitis
Die Bronchitis beschränkt sich auf einen Teil der Lunge: die größeren Atemwege. Man kann schwer erkranken, wenn eine Vorerkrankung der Atemwege vorliegt.

Bakterielle Lungenentzündung
Die häufigsten Erreger sind die Pneumokokken. Es besteht das Risiko, dass die bakteriellen Gifte
in den ganzen Körper gelangen und eine Sepsis verursachen. Mit Antibiotika stehen wirksame Medikamente zu Verfügung.

Atypische Lungenentzündung
Sie wird durch atypische Erreger wie Viren hervorgerufen und beginnt schleichend. Fieber, Husten und Kurzatmigkeit sind milder als bei einer typischen Lungenentzündung.