Games Over: Die Tops und Flops der Olympischen Winterspiele
Der norwegische Langläufer Johannes Hösflot Kläbo gewann sechs Mal Gold und war der Star der Winterspiele Mailand-Cortina
Die Arena in Verona ist heute die ehrwürdige Kulisse für die Schlusszeremonie der Olympischen Winterspiele Milano-Cortina 2026.
Den Olympiasiegern Janine Flock (Skeleton) und Alessandro Hämmerle (Snowboardcross) wird dabei die Ehre zuteil, mit der österreichischen Fahne in die Arena einzuziehen.
Vor den letzten Medaillenentscheidungen zieht die KURIER-Sportredaktion Bilanz
Benjamin Karl zeigte nach seinem zweiten Olympia-Sieg die Muskeln
TOPS
- ÖSV-Snowboarder und Schlittenfahrer
Die Sportarten, denen in der Immer-noch-Skination Österreich gerne wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, waren dafür verantwortlich, dass das rot-weiß-rote Team nun mit den geforderten 18 Medaillen dasteht.
Die Snowboarder (4 Medaillen) und die Eiskanal-Fraktion (5) sammelten mehr Medaillen als die Skifahrer (4), Kombinierer (3) und Skispringer (1) des ÖSV zusammen.
Österreichs Kunstbahnrodler räumten bei Olympia ab und holten vier Medaillen
Die Genugtuung über diese Bilanz dürfte da und dort durchaus groß sein. Gerade ein Rebell wie Doppel-Olympiasieger Benjamin Karl wurde im Skiverband oft kritisch beäugt.
Die österreichischen Kunstbahnrodler wiederum haben ihren Erfolgslauf fortgesetzt und seit 1992 immer Medaillen abgeliefert.
- Italiens Wintersport
Federica Brignone, die Rodler, die Eisschnellläufer – Gastgeber Italien bejubelte mit 29 Medaillen seine erfolgreichsten Winterspiele der Geschichte.
„Italien hat viel in den Wintersport investiert, um dem heimischen Publikum eine gute Show bieten zu können“, erklärte Doppel-Olympiasiegerin Brignone und richtete gleich noch einen Appell an die Politiker und Funktionäre.
„Hoffentlich hört das nicht nach den Olympischen Spielen auf.“
Kombinierer Jens Luras Oftebro holte drei Mal Gold
- Sportland Norwegen
Einmal mehr war das kleine Norwegen (5,6 Millionen Einwohner) die Großmacht bei Winterspielen. Die 18 Goldmedaillen bedeuten einen neuen Rekord.
Die Norweger präsentieren sich breit aufgestellt: Sie sind im Biathlon hervorragend in Schuss, machen im Ski-Freestyle genauso eine gute Figur wie auf der Skipiste und hinterlassen auch im Eisschnelllauf ihre Erfolgsspuren.
In der Nordischen Kombination (3 Mal Gold für Jens Luras Oftebro) und im Frauen-Skispringen (2 Mal Gold für Anna Odine Ström) stellen die Norweger die Dominatoren. Über allem thront freilich Langlauf-Star Johannes Hösflot Kläbo, der alle sechs Rennen gewinnen konnte und Olympische Geschichte schrieb.
Eindrücke von den Winterspielen
- Italienische Lockerheit
Die ungezwungene Lebensweise der Gastgeber hatte auch seine positiven Seiten. Mitunter wurden kurzerhand Begrenzungszäune aufgemacht, um Besucher illegal durchzulassen. Busfahrer eröffneten neue Haltestellen, um autostoppende Journalisten ans Ziel zu bringen. Dafür ein: Mille Grazie!
Die Anstecknadeln waren ein begehrtes Souvenir - und öffneten Türen
- Währung Anstecknadeln
So ein Pin ist bei Olympia Goldes wert und öffnet nahezu alle Türen. Freundlich fragen half oft, aber die größte Hilfe war dann doch die Anstecknadel, denn diese Pins gelten bei Olympischen Spielen als Währung und sind begehrtes Tauschobjekt. Lassen Sie mich hier durch? Ich hätte einen AUSTRIA Pin! Nehmen Sie mich mit? Ich kann einen Mailänder Dom anbieten.
- Christian Mitter
Der ÖSV-Alpindirektor verbrachte bei diesen Spielen mehr Zeit im Auto als an der Piste. Christian Mitter pendelte im 2-Tages-Takt zwischen Cortina (Frauen-Rennen) und Bormio (Herren-Rennen) und verpasste keinen Ski-Bewerb.
Bis zu sechs Stunden dauerte dabei mitunter eine Fahrt. Für diesen Einsatz hätten sich die österreichischen Skiläufer bei ihrem Vorgesetzten eigentlich mit mehr Medaillen bedanken können.
Julia Scheib konnte im Riesentorlauf nicht die Erwartungen erfüllen
FLOPS
- ÖSV-Skiteam
Klar, schlimmer geht immer: Es sei nur an Sarajewo 1984 (1 Bronzemedaillchen) oder Vancouver 2010 (0 für das Herren-Team) erinnert. Vier Ski-Medaillen sind trotzdem eine dürftige Ausbeute für einen Verband, der sich eine Heerschar an Trainern und Experten leistet und einen Aufwand betreibt wie keine andere Nation.
Dass mit Ausnahme von Fabio Gstrein (28) sämtliche alpinen Medaillengewinner jenseits der 30 sind, sollte der ÖSV-Führung in Hinblick auf künftige Großereignisse ebenfalls zu denken geben.
- Shuttleservices
Wer zwischen Olympiaorten auf den Straßen unterwegs war, sichtete Hunderte Busse in allen Größen, sogar das Modell Wiener Linien war dabei. Dennoch, wer bei der Busstation stand, musste mitunter minuten- oder stundenlang warten.
Der Transportplan war eine reine Empfehlung, die Abfahrtszeiten völlig unverbindlich. Selbst Stationen wurden nicht eingehalten. Dafür konnte man auch einfach mal zwischendurch ein- und aussteigen.
Wer sich auf den verwaisten Straßen in Bormio einen persönlichen Taxifahrer schnappen konnte, kam dann doch jeden Abend ans Ziel: Franco sei Dank.
- Baustellen
Bauschutt, Gerüste, unfertige Straßen, Bauzäune und Bagger. Wer ein schönes Olympiafoto machen wollte, hatte meistens einen Störfaktor im Bild. „Wird sich schon alles irgendwie ausgehen“, scheint man sich beim Veranstalter gedacht zu haben. Die Bewerbe konnten alle zeitgerecht stattfinden. Nur nach links und rechts sollte man besser nicht schauen.
Olympia oder: Hör mal, wer da hämmert
- Italienische Lockerheit
Nicht nur bei der Fertigstellung der Wettkampfstätten hatten die lokalen Verantwortlichen offenbar eine eigene Zeitrechnung.
Auch bei den Zeitplänen der Busse, die Behebung von Schäden in den Journalistenhotels und der Einhaltung von Verkehrsvorgaben nahm man es nicht so genau. Wer sich gern an Zeitplänen und Regeln orientiert, hatte es während dieser Spiele in Italien eher schwer.
- Olympia-Flair
Die Corona-Spiele 2022 in Peking hätten ihn mehr berührt als Olympia in Mailand-Cortina, befand Marco Odermatt. Das strenge Urteil des Schweizer Stars steht stellvertretend für alle Skiläufer, die in Bormio einsam ihre Spuren ziehen mussten.
Der Ansturm der Fans blieb aus, mitunter glich Bormio einem Geisterort. „In Bormio ist überhaupt kein olympischer Spirit vorhanden“, beklagte sich Marco Odermatt, der sich vorkommen musste wie bei einem schlechten Weltcup.
Olympischer Treppentanz? Nein, Skibergsteigen.
- Skibergsteigen
So sehr sich ORF-Starregisseur Michael Kögler auch ins Zeug legte, um das Skibergsteigen bei seiner Olympia-Premiere gut in Szene zu setzen, so hinterließ dieser Sport doch ein seltsames Bild.
Mitunter wirkte das Skibergsteigen fast wie ein gekünstelter Juxwettkampf, wenn die Sportler auf einmal über Stiegen hetzen, ihre Ski schultern, um dann einen Kurs hinunterrutschen.
Mit dem klassischen Skibergsteigen hat diese gewöhnungsbedürftige Variante jedenfalls nichts zu tun. Es bleibt abzuwarten, ob der Sport in vier Jahren immer noch im Olympiaprogramm aufscheint.
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