"Zähe Winterspiele" für die ÖSV-Herren: Wo es krankt und was Hoffnung macht?
Ernüchternd: Stefan Babinsky fuhr hinterher.
Die unerwartete Silbermedaille von Fabio Gstrein im Slalom war ein versöhnliches Olympia-Ende für das österreichische Herren-Team. Mit zwei Podestplätzen gab es aber die schlechteste Ausbeute seit 2010 in Vancouver. Damals waren die ÖSV-Herren sogar leer ausgegangen.
- Fallen zwei Medaillen bei den Herren-Ski-Rennen in die Kategorie Debakel?
Aufwand und Ertrag halten sich beim ÖSV mit Sicherheit nicht die Waage. Und verglichen mit dem Schweizer Herrenteam und seinen 8 Medaillen steht Österreich mit zwei Mal Silber vergleichsweise mickrig da. „Es waren recht zähe Winterspiele für uns und es ist nicht alles nach Wunsch verlaufen“, gibt ÖSV-Alpinchef Christian Mitter zu.
Gerade im Super-G und im Riesentorlauf blieb das Team deutlich unter den hohen Erwartungen. Die Slalom-Medaille von Fabio Gstrein war wiederum eine positive Überraschung. „Wir waren aber in allen Disziplinen konkurrenzfähig. Und es kann sehr schnell gehen und dann stehst du ohne Medaille da.“ Frag nach bei den Franzosen, die das stärkste Slalomteam stellen und leer ausgingen, auch die Norweger holten nur eine Medaille.
- Steht das österreichische Herren-Team vor einem Umbruch?
Nicht unbedingt nach diesem Winter, aber Mailand-Cortina werden für viele Läufer die letzten Winterspiele gewesen sein: Vincent Kriechmayr, Daniel Hemetsberger und Stefan Brennsteiner sind alle 34, Manuel Feller (33) und Michael Matt (32) befinden sich ebenfalls im Spätherbst ihrer Karriere. Der ÖSV muss inständig hoffen, dass alle noch die eine oder andere Saison anhängen, denn alle zählen zu den Leadern und Leistungsträgern.
Alpinchef Christian Mitter sieht kein Problem darin, dass Österreich mit einem Schnitt von 30,5 Jahren in Bormio das erfahrenste Skiteam stellte. „Ich schaue nicht aufs Alter, sondern auf die Leistung. Wir rufen auch sicher nicht den Welpenschutz aus und lassen junge Leute fahren, damit sie Erfahrung sammeln. Dafür sind wir eine zu große Skination“. Nachsatz: „Aber natürlich müssen wir schauen, dass wir junge Leute an den Start bringen.“
- Ist Herren-Cheftrainer Marko Pfeifer wirklich angezählt?
Eine Schweizer Zeitung hatte das Ende des Kärntners heraufbeschworen, was prompt von einigen heimischen Medien genüsslich wiedergekäut wurde. Marko Pfeifer muss nicht um seinen Job fürchten, sein Vertrag wird im Frühjahr verlängert werden. „Es ist überhaupt nichts dran. Marko Pfeifer ist ein großartiger Fachmann und eine echte Führungspersönlichkeit“, stellte ÖSV-Alpinchef Christian Mitter in Bormio unmissverständlich klar. Auch die Läufer sprachen sich klar für Marko Pfeifer aus. „Die Läufer und anderen Trainer stehen hinter mir“, sagte der Kärntner.
- Wo liegt die Zukunft von Marco Schwarz?
Es ist verständlich, dass der Kärntner Allrounder ein Faible für den Slalom hat, immerhin gewann er in der Saison 2020/’21 den Weltcup. Seit seinem zweiten Kreuzbandriss kommt Schwarz in seiner einstigen Paradedisziplin aber nicht mehr richtig in Fahrt. Der 30-Jährige dürfte mittlerweile erkannt haben, dass es für ihn im Slalom vermutlich nicht mehr in Podiumsnähe gehen wird. Cheftrainer Marko Pfeifer sieht seinen Schützling schon länger im Riesentorlauf, Super-G und in der Abfahrt. Marco Schwarz wird nach Olympia im Weltcup daher noch die Abfahrten in Garmisch und in Courchevel bestreiten.
- Warum drängen keine jungen Läufer nach?
Mit Lukas Feurstein stand nur ein Läufer aus den 2000er-Jahrgängen im Olympia-Aufgebot – und auch er war nur als Ersatzmann dabei. Der gleichaltrige Franjo von Allmen (Jahrgang 2001) gewann derweil in Bormio drei Mal Gold. Es ist auffällig, dass österreichische Läufer deutlich länger benötigen, um sich im Weltcup zu etablieren, und mit 26 Jahren immer noch als Talente durchgehen.
Die aktuelle Trainerriege muss nun die Versäumnisse der letzten 15 Jahre ausbaden, in denen sich viele ÖSV-Verantwortliche im Glanz der Lichtgestalten Marcel Hirscher (8 Gesamtweltcupsiege) oder Matthias Mayer (3 Olympiagoldmedaillen) sonnten und auch in einem Anflug von Überheblichkeit meinten, es würde schon in dieser Tonart weitergehen. „Wir haben keinen 20-Jährigen, der alles in Grund und Boden fährt“, sagt Mitter.
- Wer sind die Hoffnungsträger für eine erfolgreiche Zukunft?
Streng genommen werden es in den nächsten Saisonen immer noch die Haudegen Manuel Feller, Vincent Kriechmayr, Stefan Brennsteiner oder Marco Schwarz richten müssen, die auch in diesem Winter für die Weltcupsiege verantwortlich waren. In den technischen Disziplinen sehnen die Trainer den finalen Durchbruch des Pitztalers Joshua Sturm (24) herbei, in der Abfahrt setzt man beim ÖSV auf den rekonvaleszenten Stefan Eichberger (25) sowie auf Felix Hacker (26). Die Auswahl ist bescheiden für einen Verband wie den ÖSV. „Wir müssen uns davon verabschieden, dass wir pro Jahrgang sechs, sieben Läufer in den Weltcup reinbringen“, sagt Christian Mitter.
- Wird Henrik Kristoffersen irgendwann für den ÖSV fahren?
Der Norweger lebt mit seiner Familie seit Jahren in Salzburg und will die österreichische Staatsbürgerschaft annehmen. „Es gibt keine Anfrage“, sagt Alpinchef Mitter und erklärt: „Wir machen unser eigenes Ding und haben unsere eigenen Leute.“ Bei allen sportlichen Erfolgen von Henrik Kristoffersen, der im Slalom Bronze gewann, stellt sich die Frage: Wäre es nicht ein Armutszeugnis für den ÖSV, wenn ein ausländischer Läufer eingebürgert werden muss, um erfolgreich zu sein? Ganz abgesehen davon, dass ein Egozentriker wie Kristoffersen wohl auch das Teamgefüge durcheinanderwirbeln würde.
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