Warum Olympiasieger Braathen "Pinheiro" genannt werden will
Lucas Pinheiro Braathen küsst seine Goldmedaille.
Lucas Pinheiro Braathen kann so schön hin und weg sein, wie kein anderer. Er schüttelt dann unentwegt ungläubig seinen Kopf und oft bekommt er auch glasige Augen. Meist sagt er dann: „Ich weiß gerade nicht, was ich sagen soll.“
In diesem Moment würde man Lucas Pinheiro Braathen am liebsten oft zwicken. Damit der 25-Jährige weiß, dass er sich nicht gerade mitten in einem Fiebertraum befindet, sondern dass alles echt ist, was um ihn geschieht: Die Tausenden Skifans, die ihm von den Tribünen zujubeln; die Anzeigetafel, die seinen Namen zuoberst führt; das emotionale Skimärchen, das er, Lucas Pinheiro Braathen, gerade geschrieben hat.
Gold im Olympia-Riesentorlauf für Brasilien. Das Land mit dem Zuckerhut ist plötzlich auch im Wintersport wer. Und Lucas Pinheiro Braathen, diese Ausnahmeerscheinung mit einer Mama aus São Paulo und einem Vater aus Norwegen, ist dafür verantwortlich, dass erstmals bei Olympischen Winterspielen die brasilianische Hymne zu hören war.
Persönlichkeit
„Ich empfinde gerade so viele Emotionen. Ich kann gar nicht ausdrücken, was tief in mir drinnen los ist“, sagte Braathen nach seinem Triumph vor den Schweizern Marco Odermatt und Loic Meillard.
Es gibt im Skisport wohl keinen, der dem 25-Jährigen dieses Gold nicht vergönnt. Selbst den härtesten Gegnern dürfte klar sein, welche Bedeutung dieser Lucas Pinheiro Braathen hat: Als Botschafter für den Skisport, der mit seiner Art, aber nicht zuletzt auch mit seinen Statements auch Menschen anspricht, die mit Innenski und Kippstangen gemeinhin wenig anfangen können.
„Ich möchte die Menschen inspirieren“, sagte der Popstar des Skisports denn auch wieder nach dem größten Erfolg seiner Karriere. Indem er gesellschaftspolitische Themen anspricht, um die viele andere Skiläufer einen Bogen machen. Indem er sich nichts schert um die oft verzopften Gepflogenheiten im Skisport. „Ich möchte die Menschen dazu ermutigen, ihre Andersartigkeit und ihre Persönlichkeit zu zeigen“, betont Braathen. „Ich glaube, das ist meine Rolle in diesem Sport und ich freue mich, diese Aufgabe zu übernehmen.“
Lebenskünstler
Es war ein zermürbender und steiniger Weg, den der Skifahrer Lucas Braathen gehen musste, um zur Persönlichkeit Pinheiro Braathen zu werden. Ein Weg, auf dem er gegen Widerstände ankämpfen musste und auf dem auch viele Tränen geflossen sind.
Als er 2023 beim Saisonauftakt in Sölden mit 22 Jahren seine Karriere beendete, weil er sich beim norwegischen Verband nicht verwirklichen konnte. „Das Skifahren hat mich damals unglücklich gemacht“, erzählt er.
Ein Jahr später kehrte er als Ski-Brasilianer zurück und es wirkt, als hätte er allen Ballast, der ihn früher gebremst und gehemmt hatte, abgeworfen. Pinheiro Braathen kann sich nun endlich so geben, wie er will, und sieht sich nicht mehr wie früher auf den Skiläufer reduziert.
Er wandelt bei Fashion Weeks über den Laufsteg und tritt als Diskjockey auf (das nächste Mal am 3.4. beim Electric Mountain Festival in Sölden), und er präsentiert sich immer in all seinen Facetten und als Kosmopolit. Braathen ist in Norwegen geboren, lebt in Mailand, fährt für Brasilien, hat eine Wohnung im Ötztal und sein Trainer (Mike Pircher) und viele seiner Ausrüster und Sponsoren kommen aus Österreich.
Der Paradiesvogel hat ohne Zweifel auf und abseits der Piste viel Farbe in den Skisport gemacht. Und Braathen sieht sich noch lange nicht am Ende seiner Mission: „Meine Reise war eine Achterbahnfahrt. Ich glaube nicht, dass sie langsamer wird.“
Kommentare