Gold-Brignone: "Ich glaube nicht, dass mein Bein jemals heilt"
Als Federica Brignone nach ihrem Sieglauf im Olympia-Riesentorlauf von Cortina die Ziellinie überquerte, kamen Sara Hector und Thea Louise Stjernesund angelaufen. Die Schwedin und die Norwegerin fielen auf die Knie und verneigten sich vor ihr – stellvertretend für die gesamte Skiwelt.
Thea Louise Stjernesund und Sara Hector verneigen sich vor Federica Brignone
318 Tage sind vergangen, seit die Italienerin nach ihrem Sturz bei den italienischen Meisterschaften im April 2025 eine Diagnose erhielt, die kaum zu begreifen war. Sie hatte sich eine verschobene Mehrfachfraktur des Schienbeinkopfes und des Wadenbeinkopfes zugezogen. Dazu ein Kreuzbandriss. Nicht einmal ein Jahr später fügte sie ihren drei Olympiamedaillen in Silber und Bronze von 2018 und 2022 die beiden Goldmedaillen von Cortina hinzu.
Dabei sein war alles
Gold stand nicht auf ihrer Liste. Schon gar nicht zweimal, sagt die 35-Jährige. „Vor 10 Monaten haben mich Leute gefragt, ob ich in Cortina fahren würde – dabei konnte ich nicht einmal gehen. Ich wusste nicht, ob ich je wieder Ski fahren werde.“
Als sie beim Weltcupauftakt in Sölden ihre Kolleginnen im Rennen sah, sagte sie sich: „Ich will noch diesen Winter zurück.“ Die Chance auf Heim-Olympia war so klein – aber sie lebte. Mit einem sturen Kopf und einem klaren Ziel biss sich die „Tigerin“ durch die Therapien, startete Ende November mit dem Skitraining und verkündete der ungläubigen Skiwelt kurz vor Weihnachten, sie werde bei den Olympischen Spielen dabei sein.
Dabeisein war tatsächlich alles für Federica Brignone. „Ich hatte nicht das Training, das ich wollte, nicht den Körper, den ich wollte. Aber dafür hatte ich keinen Druck.“
Ohne Erwartung
Sie habe diese beiden Goldmedaillen gewonnen, weil es niemand von ihr erwartete, auch sie selbst nicht. „Ich habe schon Medaillen und Weltcupsiege, es ging nicht um Gold“, sagt sie. Es sei hart zu gewinnen, wenn es alle von dir erwarten, weiß die Doppelolympiasiegerin – und Julia Scheib, die diesmal Fünfte wurde, kann das wohl gut nachvollziehen.
Federica Brignone ist an ihrer Verletzung gewachsen, sie habe viel gelernt. Aber sie würde ihre beiden Goldmedaillen sofort eintauschen gegen einen heilen Körper. Denn ihrer wird nie mehr derselbe sein wie davor. „Ich habe nie wirklich öffentlich gemacht, wie schlimm es wirklich war.“ Nur so viel: „Ich glaube nicht, dass mein Bein jemals heilen wird.“ Noch immer habe sie „jeden Tag Schmerzen“. „Mein Knie ist ruiniert, mein Unterschenkel nicht mehr gerade.“
Familiensache
Federica Brignone ist mit 35 Jahren die älteste Olympiasiegerin im alpinen Skisport. Ihre Erfolge sind auch Familienarbeit. Brignones Mutter, Maria Rosa Quario war selbst Skirennläuferin und später Sportreporterin. Ihr Vater Daniele Brignone, ein Skilehrer, war es, der ihr einst den perfekten Schwung beigebracht hatte. Bruder Davide Brignone ist Federicas Trainer und war eine immense Stütze, als sie sich von der schweren Verletzung zurückkämpfte.
„Sie macht uns schneller“
Brignone ist seit Sonntag die erste Athletin der Geschichte, die sowohl den olympischen Riesentorlauf als auch den Super-G gewinnt.
Die zwei Silbermedaillengewinnerinnen Stjernesund und Hector verneigten sich synchron – wie alles, was sie an diesem Tag gemacht haben (sie gewannen ex aequo Silber). „Nicht nur wegen Gold“, sagt die Norwegerin. „Einfach, weil sie diesen beeindruckenden Weg zurück gemacht hat. Und weil sie uns – durch ihre Stärke – alle schneller macht. Sie ist so wichtig für uns Skifahrerinnen.“
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