Die große ÖSV-Bilanz: Zwischen Julia Scheib und dem Niemandsland

Eine Heldin im Riesentorlauf, eine Krise im Frauen-Super-G, ein Alleinunterhalter in der Abfahrt und fehlende Jungstars - Die Tops und Flops der Ski-Saison.
Gesichter des ÖSV: Vincent Kriechmayr beendete die Durststrecke in der Abfahrt, Julia Scheib gewann die Riesentorlauf-Kugel, Otmar Striedinger holte null Weltcuppunkte

12 Siege, 32 Podestplätze, 1 Kristallkugel – so liest sich die Bilanz des österreichischen Skiteams für die abgelaufene Weltcupsaison. 

Das ist eine deutliche Steigerung gegenüber 2024/’25, aber der besagte Winter war mit fünf Siegen auch ein historischer Tiefpunkt. Der KURIER lässt die Saison 2025/’26 noch einmal aus rot-weiß-roter Sicht Revue passieren.

Die Tops

  • Julia Scheib

Fünf Siege, zwei zweite Plätze und ein dritter Rang – die 27-Jährige hat sich den Titel Miss Riesentorlauf gebührend verdient. Der erste Weltcupsieg beim Saisonauftakt in Sölden war für die ehrgeizige Steirerin wie ein Befreiungsschlag.

Julia Scheib war die beste Riesentorläuferin in diesem Winter

Julia Scheib war die beste Riesentorläuferin in diesem Winter

Julia Scheib verkörpert eine eher untypische Österreicherin, weil sie sich nicht so schnell zufriedengibt und ihre hohen Ziele auch öffentlich klar definiert. Läuferinnen, die den Worten dann auch Taten folgen lassen, sind selten.

  • Die Routiniers

Der österreichische Skisport würde ziemlich alt aussehen ohne seine erfahrenen Läufer. Vor allem im Männer-Team halten die Routiniers wie Vincent Kriechmayr (34), Stefan Brennsteiner (34) oder Manuel Feller (33) die Fahnen hoch.

Manuel Feller erfüllte sich heuer mit dem Sieg in Kitzbühel einen Lebenstraum

Manuel Feller erfüllte sich heuer mit dem Sieg in Kitzbühel einen Lebenstraum

Alle sechs Saisonsiege wurden von Athleten eingefahren, die schon jenseits der 30 sind. Nur zum Vergleich: Die 13 Schweizer Siege bei den Männern holten ausschließlich Läufer, die noch keine 30 Jahre auf dem Buckel haben. Das lässt für die nächsten Saisonen Übles erahnen.

  • Vincent Kriechmayr

Der Oberösterreicher hat sichtlich wieder Spaß am Rennsport gefunden und präsentierte sich in dieser Saison lockerer und gelassener als in der Vergangenheit. 

Das mag auch ein Verdienst des neuen Speedtrainers Andi Evers sein, der Kriechmayr bei der Abfahrerehre gepackt hat. Mit seinem Sieg in Courchevel beendete der Routinier nach 1.094 Tagen die Durststrecke in der Abfahrt.

Christian Mitter ist seit einem Jahr Alpinchef beim ÖSV

Christian Mitter ist seit einem Jahr Alpinchef beim ÖSV

  • Christian Mitter

Der neue Alpinchef hat in seiner ersten Saison schon Akzente gesetzt und wird sich als echter Segen erweisen – allerdings erst mittelfristig. Die Effekte all der Initiativen, die das Arbeitstier Christian Mitter eingeleitet hat, wird man erst in einigen Jahren feststellen können.

Die Flops

  • Super-G Frauen

Ein mickriger 5. Platz in acht Saisonrennen – das ist die erschreckende Weltcupbilanz des ÖSV-Frauenteams im Super-G. In dieser Disziplin, in der vor allem Instinkt, Technik und Mut gefragt sind, gibt’s akuten Aufholbedarf – darüber kann auch Cornelia Hütters Bronzemedaille im Olympia-Super-G nicht hinwegtäuschen.

Im Super-G ist Stefan Babinsky an der Weltspitze angekommen und stand zwei Mal auf dem Podest. In der Abfahrt kommt der Steirer hingegen nicht in Schwung

Im Super-G ist Stefan Babinsky an der Weltspitze angekommen und stand zwei Mal auf dem Podest. In der Abfahrt kommt der Steirer hingegen nicht in Schwung

  • Herren-Abfahrtsteam

Der Begriff Team ist irreführend, denn in Wahrheit muss Vincent Kriechmayr immer noch den Alleinunterhalter spielen. Auch unter dem neuen Speedcoach Andreas Evers kam in der Abfahrt nicht wirklich Fahrt ins ÖSV-Speedteam. 

Vieles wirkt dabei rätselhaft: Wie etwa kann Stefan Babinsky in den Super-G-Rennen von Wengen und Kitzbühel aufs Podium fahren und zugleich in der gesamten Abfahrtssaison nie über einen 14. Platz hinauskommen?

Verglichen mit der Schweiz ist Österreich ein Niemandsland: Die Abfahrer der Eidgenossen sammelten im Laufe der Saison 2.188 Weltcuppunkte, die Österreicher 807.

  • Vincent Kriechmayr

Der Routinier ging beim Weltcupfinale in die Offensive und forderte im ORF-Interview die Rückkehr von Konditionstrainer Peter Meliessnig. Sonst stünde ein Karriereende im Raum. Das ist jetzt nicht gerade die feine oberösterreichische Art.

Vincent Kriechmayr ist die

Vincent Kriechmayr ist die Nummer 1 im österreichischen Abfahrtsteam

Einmal abgesehen davon, dass Kriechmayr mit seinem öffentlichen Aufschrei die eigene ÖSV-Trainerriege desavouiert und regelrecht zum Handeln zwingt: 

Was hindert den Doppelweltmeister eigentlich daran, sich den überlebenswichtigen Konditrainer als Privatcoach zu engagieren? Auf eigene Kosten, so wie es viele andere Sportstars handhaben.

Übrigens: Vincent Kriechmayr war als einziger Läufer in den letzten drei Speedrennen dieser Saison immer am Podium und hat gerade die beste Saison seit Langem hinter sich. So schlecht dürfte es um seine Kondition also nicht bestellt sein.

Magdalena Egger (25) fuhr in St.Moritz erstmals aufs Podium

Magdalena Egger (25) fuhr in St.Moritz erstmals aufs Podium

  • Der Altersschnitt

Die österreichischen Skiteams sind bei Frauen wie Männern heillos überaltert. Die Leistungsträger sind mit wenigen Ausnahmen (Julia Scheib, Raphael Haaser, Fabio Gstrein) allesamt 30 Jahre oder noch älter. 

Im Herren-Team schafften es in dieser Saison nur drei Läufer in die Top Ten, die Jahrgang 1998 oder jünger sind (Stefan Eichberger, Lukas Feurstein, Joshua Sturm) Bei den Frauen waren es gar nur zwei (Julia Scheib, Magdalena Egger).

  • Europacup

Die zweite Garde präsentierte sich in dieser Saison alles andere als erstklassig. 2024/’25 hatte der ÖSV über den Europacup noch neun zusätzliche Weltcup-Startplätze ergattert. 

In diesem Winter schafften es nur  Anna Schilcher (Abfahrt), Lisa Grill, Emily Schöpf (jeweils Super-G) und Manuel Traninger (Super-G) in die Top 3 und sicherten sich damit einen Startplatz für den Weltcup. Alle vier sind übrigens schon 25 oder älter.

Lukas Feurstein konnte mit dieser Saison nicht zufrieden sein

Lukas Feurstein konnte mit dieser Saison nicht zufrieden sein

  • Lukas Feurstein

Der Vorarlberger rettete im letzten Winter beim Weltcupfinale die Ehre der Skination und sorgte für den einzigen Sieg des Herren-Teams. Die Karriere nahm damit aber nicht Fahrt auf, eher entwickelte sich Feurstein in dieser Saison sogar zurück.

Der 24-Jährige kam nur zwei Mal in die Top Ten (6., 10.), erschreckend ist die Performance im Riesentorlauf, in dem der Junioren-Weltmeister von 2021 völlig von der Rolle ist. Beim Finale im Europacup, der zweiten Leistungsstufe, kam Feurstein diese Woche über Rang 22 nicht hinaus.

  • Mittelmaß

Das ÖSV-Skiteam hat sich in den letzten Jahren zu einem Hort der Platzfahrer und Mitläufer entwickelt. Der ÖSV war im Skisport einmal das Maß aller Dinge, mittlerweile regiert vielerorts das Mittelmaß. 

Alpinchef Christian Mitter hat immerhin die Kaderkriterien verschärft, damit pragmatisierte Athleten wie etwa die Abfahrer Otmar Striedinger oder Daniel Danklmaier jüngeren Läufern Platz machen müssen. 

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