© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Österreich
03/13/2021

Ein Jahr Lockdown: Der Tag, an dem die Leere nach Österreich kam

Seit dem 13. März 2020 ist nichts mehr, wie es war. Die größten Veränderungen durch diesen Einschnitt im Überblick.

von Julia Schrenk, Simone Hoepke, Matthias Nagl, Stefanie Rachbauer, Patrick Wammerl, Kevin Kada, Robert Kleedorfer, Markus Foschum

Es war ein Freitag, 13., der seinem Namen alle Ehre machte. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) verkündete an diesem Tag des März 2020, flankiert von Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) und Innenminister Karl Nehammer (ÖVP): Österreich geht ab dem 16. März in den Lockdown.

Alle Geschäfte – außer Supermärkte, Apotheken, Banken, Post, Drogerien, Trafiken, Bäckereien, Fleischereien und Handyshops – mussten ab dem darauffolgenden Montag geschlossen sein.

Die komplette Gastronomie – Cafés, Restaurants, Beisln, Bars, Clubs – durfte vorerst noch bis 15 Uhr geöffnet halten. Das Paznauntal und St. Anton am Arlberg wurden abgeriegelt.

Eineinhalb Millionen Menschen verfolgten  diese Pressekonferenz damals im TV.  Und nahmen erstmals jenes neue Vokabular wahr, das  Österreich bis heute begleitet:  „Reduktion der sozialen Kontakte auf ein Minimum“, „Schutz der Älteren“,  „Teleworking“. Später kamen „Ausgangssperre“, „neue Normalität“ und „Homeoffice“ dazu.

Nach dem ersten Lockdown verhängte Österreich zwei weitere, sie galten ab 2.  November und 26. Dezember. Aber wie sieht es ein Jahr, dutzende Verordnungen und tausende Streitigkeiten später aus?  

Der KURIER hat sich angesehen, in welchen Bereichen die Auswirkungen der Lockdowns  am größten waren.

Klopapier

Klopapier-Hamstern – dieses gesellschaftliche Phänomen der Corona-Krise ist mittlerweile legendär. „Die Verkaufszahlen sind im ersten Lockdown um 400 Prozent in die Höhe geschnellt“, erinnert sich Markus Kaser, Spar-Vorstand für Marketing und Einkauf.

In den sechs Wochen verkaufte die Supermarktkette um 11,8 Millionen mehr Klopapierrollen als im Vergleichzeitraum des Vorjahres. Es ging um 10.000 Paletten oder mehr als 300 Lkw-Züge, die zusätzlich in Geschäfte gekarrt werden mussten. Ein länderübergreifendes Phänomen.

Produzenten mussten Sonderschichten am Wochenende und in der Nacht fahren. Niederlands Ministerpräsident Mark Rutte machte bei einem Rundgang in einem Supermarkt in Den Haag mit einem Klopapier-Sager Schlagzeilen: „Wir haben soviel, wir können zehn Jahre kacken.“ 

Bewegungsprofile

Die Bewegungsdaten der Mobilfunkunternehmen lieferten den Beleg, wie stark sich die Bevölkerung an den ersten Lockdown hielt. Und die Daten ließen nichts an Klarheit zu wünschen übrig: Die Mobilität ging deutlich zurück.

Laut anonymisierten Standortdaten der App Google Maps ging die Frequenz in Freizeiteinrichtungen um mehr als 80 Prozent  zurück, auf Bahnhöfen um mehr als 60 Prozent, in Büros und Geschäften um 45 Prozent. Im teilweise noch geöffneten Einzelhandel betrug der Rückgang immer noch 27 Prozent.

Also nichts als Rückgänge? Nein, die berüchtigten  Hamsterkäufe ließen sich in den Daten auch ablesen. Und zwar mit einem Ausreißer nach oben um 40 Prozent kurz vor dem Lockdown. Und zu Hause wurde es eng: In Wohngebieten und Siedlungen gab es um 15 Prozent mehr Frequenz.

Verkehrsmittelwahl

Sie kamen schneller zurück als gedacht: die Autos. Nachdem die Hauptverkehrsrouten infolge der Ausgangsbeschränkungen zu Beginn zeitweise fast gespenstisch leer wirkten, spürte man etwa in Wien nach wenigen Wochen deutlich den Unterschied:  Am Gürtel gab es mitunter schon wieder Stoßverkehr.

Die Zahlen bestätigten das Gefühl: In den ersten beiden Wochen des  Lockdown war der Kfz-Verkehr um satte 52 Prozent zurückgegangen. Bereits im April lag er nur noch rund 30 Prozent unter dem Normalwert. Anders bei den Öffis:  Die Wiener Linien verzeichneten Mitte März einen Fahrgast-Rückgang von 80 Prozent. Das Minus wurde bis April nur unmerklich kleiner.

In der Corona-Krise feierte das Auto also ein unerwartetes Revival: Vor allem für Ballungsräume, wo Kfz durch moderne Verkehrsplanung zurückgedrängt werden und Platz für Radler und Fußgänger geschaffen wird, war das eine Trendwende.

Insgesamt betrachtet ist das Verkehrsaufkommen auf Österreichs Straßen 2020 um 20 Prozent zurückgegangen. Vergangenen März betrug das Minus  57 Prozent. Seit November ist dieser Effekt laut Verkehrsanalysen deutlich weniger zu spüren. Das bisschen Mobilität, das bleibt, kostet man eben offenbar am liebsten im Auto aus. 

Bezahlen

Geld abheben, als gebe es kein Morgen  – viele dachten, Cash sei das sicherste Zahlungsmittel in der Krise. 48 Prozent gaben das  bei einer Umfrage von Paypal kurz nach Beginn des Lockdowns an.

Doch es kam anders: Plötzlich war an der Supermarkt-Kasse zu lesen: „Bitte zahlen Sie kontaktlos  mit Karte“. Diese kam auch online  zum Einsatz. 10 Prozent  wagten sich in diesen Wochen zum ersten Mal  auf den digitalen Marktplatz.

Lieferservice

Eine Woche durften die Cafés und Restaurants, die Bars und die Tschocherln nach der Verkündung des ersten Lockdowns in Österreich noch bis 15 Uhr geöffnet halten. Dann war auch das vorbei. Erlaubt war nur noch, Speisen abzuholen.

Nicht nur für viele Gastronomen bedeutete das eine enorme Umstellung, auch für all jene, die gerne Essen abgeholt hätten. Zunächst war der sogenannte Fensterverkauf – also die Ausgabe von Speisen übers Fenster etwa –  erlaubt, dann wieder nicht.

Eis durfte man zunächst nur in Boxen abholen, wenig später auch wieder im Stanitzel oder Becher. Essen abzuholen, das verlief lange in einem rechtlichen Graubereich – für die Wirte und die Kunden. Und stellte sich nicht selten als echte Enttäuschung heraus: kalte Pizzen, platt gedrückte Burger.

Zwölf Monate dauert die  Corona-Pandemie nun an, sieben davon waren die Lokale geschlossen. Das rief nicht nur skurrile Gastro-Trends hervor (Stichwort: Buchteln zum Mitnehmen), sondern hat auch gezeigt: Lieferservice will gelernt sein. Viele Wirte haben das mittlerweile verstanden.  

Müllaufkommen

Die Abfallmengen und die Zusammensetzung des Mülls haben im Vorjahr stark geschwankt. Bei Hausmüll gab es einen leichten Anstieg um bis zu 5 Prozent. Bei Gewerbe- und Industriemüll berichten die Abfallbetriebe von einem Rückgang um bis zu 20 Prozent, wobei die Unterschiede je nach Branche sehr groß sind – bei der Gastronomie gab es auch Totalausfälle.

Bei Speiseabfällen gab es je nach Region und Einfluss von Tourismus, Hotellerie und Gastronomie Rückgänge um bis zu 90 Prozent.
Bei Altpapier und Kartons gab es  deutlich mehr Volumen bei gleichbleibendem Gewicht.

Denn durch die Zunahme des Onlinehandels fielen auch deutlich mehr Kartonagen an. Gewichtsmäßig sind diese jedoch viel leichter als Zeitungen und Magazine, heißt es seitens der Entsorger.

Den ersten Lockdown haben auch viele Leute zum Entrümpeln genützt. Nachdem die Altstoff-Sammelzentren  wieder geöffnet hatten, kam es vorübergehend zu einem regelrechten Ansturm auf die Mistplätze.

Masken

Menschen mit Mund-Nasen-Schutz, die kannte man bis April nur  aus Asien. Das Coronavirus brachte sie, nach anfangs riesigen Debatten um ihren Nutzen, auch nach Österreich: Das Land nähte kollektiv Masken (damals eine fast willkommene  Abwechslung).
Denn zunächst reichte eine Maske  aus Stoff oder in der dünnen Wegwerf-Variante noch aus.

Tragen musste man sie  nur an ausgewählten Orten. Doch das blieb nicht lange so: Es folgten die Öffis und mit der Öffnung der gesamte Handel und die Gastronomie.

In Letzterer verbreitete sich eine Variante des Mund-Nasen-Schutzes besonders rasant aus: die vielleicht angenehmeren, aber weniger wirksamen Gesichtsvisiere aus Plastik. Im Herbst machte ihnen die Regierung den Garaus.

Und seit Ende Jänner gilt für alle und überall: FFP2-Maske.  

Zahlenspiele

Ein Virus aus China – was anfangs weit weg schien, tauchte am 25. Februar 2020 mit den ersten beiden Krankheitsfällen in Innsbruck auch hierzulande auf. Und das Virus war leider gekommen, um zu bleiben. Denn  zu den beiden  24-jährigen Italienern aus Tirol gesellten sich bald weitere Positive.

Zwei Tage später gibt es schon drei bestätigte Corona-Fälle in Wien. Und in dieser Tonart geht es weiter: Am 6. März  melden  alle Bundesländer positive Corona-Fälle, insgesamt sind es 63. Am 9. März sind es  schon 140, Italien wird am selben Tag zur „Sperrzone“ erklärt.

Wiederum zwei Tage später  wird angekündigt, dass Ober- und Unterstufen von Schulen geschlossen werden, Kindergartenkinder zu Hause bleiben sollen und alle Bundesmuseen zusperren.

Das erste Todesopfer durch das Coronavirus in Österreich gibt es am 12. März zu beklagen. Einen Tag später verkündet die Regierung den Lockdown. Mittlerweile sind  410 Menschen positiv getestet, bei 6.500 Tests insgesamt. 

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