Alma Zadić

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Politik Inland
01/07/2020

Alma Zadić: "Ich habe es gelernt, zu kämpfen"

Für die FPÖ ist die Ministerin ein Feindbild, weil sie in Bosnien geboren wurde. Sie sieht das als Motivation.

von Ida Metzger

"Ich spreche bewusst von Migrationsvordergrund statt von Migrationshintergrund. Denn man wird sehr oft darauf reduziert." Diese Feststellung machte Alma Zadić erst vor zwei Wochen in einem KURIER-Interview.

Offenbar hatte sie damals schon eine Vorahnung, was sich in den sozialen Medien abspielen würde, wenn sie zur ersten Ministerin angelobt wird, die nicht in Österreich geboren wurde – mit bosnischen Eltern aus Tuzla.

Seit Zadić, die mit zehn Jahren als Flüchtlingskind nach Wien kam, von den Grünen zur Justizministerin gemacht wurde, steht die 35-jährige Juristin unter Beschuss. Bewusst werden Fakten von den Blauen verdreht.

Wiens FPÖ-Chef Dominik Nepp behauptete, dass Zadić eine Muslima sei – tatsächlich ist sie ohne Glaubensbekenntnis – und dass die neue Justizministerin in erster Instanz strafrechtlich verurteilt sei. Was so auch nicht stimmt. Dabei hat Zadić alle Integrationsziele, die die FPÖ von Flüchtlingen verlangt, längst übererfüllt.

Dienstagabend stellte Bundespräsident Alexander Van der Bellen jedenfalls klar: Sie habe Jus an der Uni wien studiert, in New York weitere Studienabschlüsse gemacht und anschließend in einer internationalen Anwaltsfirma gearbeitet. "Also wenn Alma Zadić nicht qualifiziert ist als Justizminister, wer dann?", sagte der Bundespräsident.

Möchte Vorbild sein

Gleichzeitig mit Sebastian Kurz startete sie ihr Jus-Studium. Zadić schloss mit einem Doktorat ab, Kurz hingegen brach das Studium ab. Als sich Zadić und Kurz im Parlament vor zwei Jahren wieder über den Weg liefen – sie als Liste Jetzt-Abgeordnete, er als neuer Bundeskanzler – meinte Kurz damals ebenso scherzhaft wie anerkennend zu ihr: "Du bist erfolgreicher als ich. Denn du hast das Studium abgeschlossen, ich nicht."

Trotzdem ließen die Hasspostings gegen die 35-Jährige wegen ihres Migrationshintergrundes nicht lange auf sich warten. Zadićs Vorgänger Clemens Jabloner sprach bei der Amtsübergabe von einer Beschimpfungsorgie, die einen besonderen Tiefpunkt darstelle. Jenen, die dafür verantwortlich seien, attestierte Jabloner "Niedertracht".

Aber Zadić lässt sich von Attacken wie diesen nicht beirren – es ist vielmehr so, dass sie den Ehrgeiz besitzt, die fremdenfeindliche Stimmung im Land zu drehen. Ihre Vita als Flüchtlingskind habe sie "gelehrt zu kämpfen".

"Es macht einen Unterschied"

Deswegen war Zadić auch eine Befürworterin der Regierungsbeteiligung der Grünen. "Es macht einen Unterschied, wer regiert." Denn ein Motto von Zadić ist: "Wenn du es siehst, kannst du es sein."

Gemeinsam mit den grünen Abgeordneten Faika El-Nagashi und Meri Disoski möchte Zadić jungen Menschen mit Migrationshintergrund die Hoffnung geben, dass man durch Bildung den sozialen Aufstieg schaffen kann. "Meine Eltern haben mir immer gesagt, dass ich doppelt so viel leisten muss, wenn ich es schaffen will", erzählt Zadić .

Als sie 1994 nach Österreich kam, sprach sie kein Wort Deutsch. "Die Lehrer wussten nicht, was sie mit mir machen sollten. Die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, waren alles andere als angenehm für ein junges ehrgeiziges Mädchen." Erst ein Schulwechsel, wo es mehr Kinder mit Migrationshintergrund gab, erleichterte Zadić die Integration. Die Lehrer gaben ihr sofort Deutschunterricht.

Die 1990er-Dekade waren die Aufstiegsjahre des damaligen FPÖ-Chefs Jörg Haider. Zadićs Eltern hatten Angst, dass sie Österreich wieder verlassen müssen, wenn Schwarz-Blau kommt. "Aber es kam anders. Wir sind immer noch da. Auch heute gibt es Menschen, die Angst haben. Es wird einen Unterschied machen, dass es eine Ministerin gibt, die nicht in Österreich geboren ist." Jetzt wacht Zadić über die juristische Auslegung der Gesetze und möchte den Zuwanderern zumindest in Asylfragen Rechtssicherheit geben.

In Österreich Premiere

Eine Ministerin mit Migrationshintergrund – was in Österreich noch eine Premiere ist, sorgt in anderen EU-Staaten nicht mehr für politische Debatten. Londons Bürgermeister Sadiq Aman Khan ist zwar in London geboren, ist aber praktizierender Muslim. In Deutschland war Philipp Rösler Vizekanzler. Er wurde in Südvietnam geboren und stieg zum FDP-Chef auf.

Auch in Frankreich, wo der "Rassemblement National" von Marine Le Pen eine große Wählerschaft hat, konnte Mounir Mahjoubi Staatssekretär für digitale Angelegenheiten werden. Er ist Sohn marokkanischer Einwanderer. Und in Schweden schaffte es Alice Bah Kuhnke, deren Vater aus Gambia stammt, immerhin Kultur- und Demokratieministerin zu werden.

Die neuen und alten Ministerinnen und Minister im Überblick