Thomas Hitzlsperger über Homophobie: "Genervt von Plattitüden"

Sein Coming-out hat dem Thema Homosexualität im europäischen Spitzenfußball ein Gesicht gegeben. Der 41-Jährige wird nicht müde, für mehr Toleranz zu werben.

Thomas Hitzlsperger hat in der Premier League gespielt und in der deutschen Bundesliga. Er ist mit dem VfB Stuttgart 2007 deutscher Meister geworden und mit der Nationalmannschaft 2008 Vize-Europameister. Und: Thomas Hitzlsperger ist einer der wenigen Fußballer, die ihre Homosexualität öffentlich bekannt gemacht haben. Schwul sein in der Welt des Fußballs ist auch zehn Jahre nach seinem Coming-out 2014 noch immer ein Tabu. 

In einem Buch erzählt Hitzlsperger von seiner Karriere als Fußballer, aber auch über den Weg zu seinem Outing:

Thomas Hitzlsperger über Homophobie: "Genervt von Plattitüden"

Ex-Fußballprofi Thomas Hitzlsperger

Eigentlich hätte der 9. Januar 2014 der Tag der Tage sein sollen, ein Donnerstag. Donnerstags erscheint die "Zeit".

Aber wenn etwas Weltbewegendes drinsteht, was nicht länger zurückgehalten werden kann oder soll, bringen sie schon am Tag vorher eine Meldung. Und wenn die Meldung erst mal draußen ist, ist die Geschichte auch draußen, wenigstens das Thema der Geschichte ist dann in der Welt. Und das Thema dieser Geschichte war ich. So wurde der Tag der Tage um einen Tag vorgezogen, auf Mittwoch, den 8. Januar 2014.

Ich saß in meiner Wohnung in München-Haidhausen, Wörthstraße, und wenn ich heute noch mal das Gefühl von damals in mir wecke, fällt mir die Spannung des Augenblicks ein, die Neugier auf das, was passieren würde. Da war Unterschiedliches, auch Gegensätzliches - so ist es, wenn man sich auf einen point of no return zubewegt. Ein Moment der Extreme: Maximale Anspannung einerseits, aber andererseits auch maximale Erleichterung, dass ich so weit gekommen war. Es war ein langer Weg bis hierhin gewesen, ich war zwischendurch gestrauchelt, ich hatte mich verlaufen. Ich war verletzt gewesen, angeschlagen, nicht nur körperlich. Ich war manchmal nicht richtig weitergekommen.

Ich hätte aufgeben können. Ich hätte mich verirren können, auch die Gefahr hatte immer wieder bestanden, in den Jahren davor.

Ein Tag im Leben. So lange hatte ich ihn gedanklich umkreist, zeitweise hatte ich ihn gefürchtet, irgendwann hatte ich ihn dann herbeigesehnt, um mich endlich vom Druck der Erwartung zu befreien. Ich musste sprechen.

Keine Ahnung, ob die Leute da draußen mich überhaupt hören wollten - die standen noch komplett unter dem Eindruck des Unfalls von Michael Schumacher, der eine Woche zuvor beim Skifahren so schwer verunglückt war, seitdem lag er im Koma. Keine Ahnung, ob meine Geschichte wirklich so weltbewegend sein und die Vorabmeldung in der Zeit rechtfertigen würde.

Aber ich wollte jetzt sprechen. Und ich konnte jetzt sprechen.

Thomas Hitzlsperger spricht im KURIER-Fußball-Podcast Nachspielzeit mit Karoline Krause-Sandner über die Ängste vor dem Coming-Out, über homophobe Fangesänge und darüber, dass sich nach ihm noch kein aktiver Spitzenfußballer als homosexuell geoutet hat. 

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