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Kultur
01/29/2020

Der Burgtheater-Skandal in sieben Fragen und einem Kommentar

Ein Rückblick auf eine Affäre, für die sich letztlich kaum jemand verantworten musste.

von Georg Leyrer, Thomas Trenkler

2014 brannte das Burgtheater lichterloh – nicht physisch, sondern in Finanzfragen. An der bedeutendsten Bühne des Landes war soeben ein verborgenes System in sich zusammengebrochen. Und aus dem Chaos tauchten Millionenschulden, ungerechtfertigte Bar-Auszahlungen und ein Zettelchaos in der Verwaltung einer der größten Bühnen Europas auf.

Das Burgtheater (diese Wörter werden in Österreich gerne mit sonorem Unterton ausgesprochen), das Burgtheater also war trotz Millionensubvention beinahe zahlungsunfähig. Der Direktor musste gehen.

Missstände

Es gab, so schrieb der Rechnungshof später in einem Bericht, Tricks mit der Auslastung, Intransparenz. Gelder von hochrangigen Mitarbeitern wurden privat verwaltet – an der Steuer vorbei, wie damals der Vorwurf lautete. Das Budgetansatz für Produktionen wurde überzogen, Bühnenbilder, die nicht mehr gezeigt wurden, blieben weiter als Wert verbucht, Karten verschenkte man hausintern.

Sechs Jahre lang wurde aufgearbeitet. Staatsanwaltschaft, Rechnungshof, Wirtschaftsprüfer, die neue Leitung von Burgtheater und Holding: Sie alle versuchten, Licht in die Ursachen dieses Skandals zu bringen.

Die Burg wurde finanziell neu ausgerichtet, die Verwaltung professionalisiert. Es gab mehrere Prozesse.

Nun ist das Finale geschlagen, mit der Verurteilung der ehemaligen Vizedirektorin Silvia Stantejsky zu zwei Jahren bedingt (nicht rechtskräftig) sind die Prozesse beendet.

Es lässt sich zusammenfassen: Es war ein Skandal, der für kaum jemanden Konsequenzen hatte, obwohl der Rechnungshof Misswirtschaft und Kontrollversagen festgestellt hat.

Wie konnte es soweit kommen?

Man muss die ganze Affäre in einem bestimmten Licht sehen: Bis 1999 war das Burgtheater in Staatsverwaltung. Erst mit der Ausgliederung erlangte es finanzielle Selbstständigkeit, traditionell war der Verwaltungsapparat bürokratisch und intransparent (mit Barauszahlungen an Künstler etc.) geprägt. Stantejsky kommt aus diesem System, sie war seit 1980 am Theater, wo sie als „gute Seele“ des Hauses galt, zu der man mit Problemen – auch finanziellen – kommen konnte.

Aber was ging schief?

Über die Jahre vieles, nicht alles davon wurde bisher geprüft oder öffentlich gemacht. Als Höhepunkt gönnte sich Matthias Hartmann in seinem ersten Jahr als Burg-Direktor 2009 ein unfinanzierbares Premierenfeuerwerk. Zugleich aber war, wie Stantejsky vor Gericht sagte, der Druck groß, eine „schwarze Null“ in der Bilanz stehen zu haben. Mit Tricks – u. a. Umschichtungen von Geldern – versuchte sie, diese zu schaffen. Bis das System implodierte.

Was waren die Konsequenzen?

Ende 2013 wurde die damalige Vizedirektorin Stantejsky suspendiert, dann entlassen. Auch der damalige Direktor Matthias Hartmann wurde – unter großem medialen Aufsehen – im März 2014 gefeuert. Man warf ihm damals vor, als Direktor für den Skandal mitverantwortlich zu sein. Hartmann kündigte unmittelbar an, sich gegen die Entlassung vor Gericht wehren zu wollen. Gegen Georg Springer, den Chef der Bundestheater-Holding, gegen Hartmann und Stantejsky wurde strafrechtlich ermittelt.

Wie hängt das alles zusammen?

Die Holding ist die Muttergesellschaft des Burgtheaters, Hartmann war künstlerischer Leiter und damit Co-Geschäftsführer. Damit sind beide – Springer und Hartmann – der Theorie nach auch für finanzielle Vorgänge im Burgtheater mitverantwortlich.

Was kam bei den Ermittlungen heraus?

Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen gegen Springer und Hartmann wieder ein. Es war ihnen kein strafrechtliches Fehlverhalten nachzuweisen. Beide wiesen die Verantwortung von sich – letztlich erfolgreich. Einzig Stantejsky, in diesem Bunde die Dritte, musste sich vor Gericht verteidigen.

Tragen nicht die Holding, der Burgtheater-Aufsichtsrat und der Co-Geschäftsführer auch einen Teil der Verantwortung?

Davon gingen viele Beobachter aus. Die Staatsanwaltschaft sah es anders. Springer ging vorzeitig in Pension, Hartmann einigte sich mit dem Burgtheater: Seine Entlassung wurde in eine einvernehmliche Vertragsauflösung späteren Datums umgewandelt, woraufhin Hartmann nun eine Pension bekommt. Die Versicherungen von Hartmann und Burgtheater zahlten einander ungefähr die gleiche Summe. Auch die Versicherung der Wirtschaftsprüfer, die bis knapp vor dem Skandal die Bilanzen abgesegnet haben, zahlte. Stantejsky wurde (nicht rechtskräftig) verurteilt.

Das war’s?

Das war’s wohl.

Trenklers Tratsch: Unverantwortliche Bestellung

Ein ehernes Gesetz im Zeitungsgeschäft lautet: Die Zahl der Seiten richtet sich in einem bestimmten Verhältnis nach der Fläche der verkauften Inserate. Täglich zum Beispiel 48 Seiten ohne Werbungen zu machen: Das wird sich auf Dauer nicht ausgehen. Aber genau das ist in der Burg unter Direktor Matthias Hartmann passiert: Man produzierte auf Teufel komm raus.

Die Kosten für eine Inszenierung können aber, weil die Eintritte moderat zu sein haben, nie eingespielt werden. Daher gibt es Subventionen. Und die reichen nur für eine gewisse Zahl an Premieren.

Ein weiteres ehernes Gesetz lautet: Der kaufmännische Geschäftsführer ist der natürliche „Feind“ der Chefredakteurin oder des künstlerischen Direktors. Er hat Einhalt zu gebieten. Silvia Stantejsky aber, die gute Seele des Burgtheaters, war alles andere als das.

Sie war der große Fan. Sie stand auf der Seite der Künstler. Und sie wollte, dass die Burg glänzt. Sie tat alles, wirklich alles, um die Premieren zu ermöglichen, die aufwendigen Bühnenbilder, die teuren Gastverträge und so weiter.

Stantejsky opferte sich tatsächlich auf. Und sie wurde mit der Zeit immer kreativer, in ihren Finanztransaktionen immer gewagter. Das ging lange Zeit gut. Weil niemand hinsah oder hinsehen wollte. Wie auch wir nicht an den Klimawandel denken wollen, wenn der winterliche Langstreckenflug gebucht wird.

Stantejsky ist verantwortlich für das, was sie tat. Aber unverantwortlich war, sie in die Position gehievt zu haben. Als Stellvertreterin des ehemaligen Geschäftsführers Thomas Drozda konnte sie gern die gute Seele sein. Sie hatte ja einen Boss. Aber dann, 2008, machte man Stantejsky zur Nachfolgerin, weil Drozda zu den Vereinigten Bühnen Wien wechseln wollte. Wissend, dass sie das Zeug dazu nicht hat. Denn die beigezogene Personalberaterin hatte vor ihr gewarnt. Jene, die damals verantwortungslos gehandelt haben: Sie wurden nicht zur Verantwortung gezogen. Leider.

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