© Pressefoto Burgtheater/Matthias Horn

Kritik
01/01/2020

Burgtheater: Schrecklich komisch wie das Leben

"Der nackte Wahnsinn": Martin Kusejs großartige Silvester-Premiere im Burgtheater

von Guido Tartarotti

Michael Frayns bereits klassische Farce „Der nackte Wahnsinn“ (im Original „Noises Off“, also „Ruhe bitte“) aus dem Jahr 1982 ist ideal für alle Theater, die sich etwas trauen. Nämlich: Sich über sich selbst lustig zu machen. Über die Fragilität und manchmal auch Lächerlichkeit des eigenen Tuns nachzudenken und das Ergebnis dieses  Nachdenkens auf der Bühne zum Lachen freizugeben.

Und sage niemand, das sei eine Boulevardkomödie! Ja, wenn man sie richtig spielt – also indem man sie todernst meint – ist sie ein garantierter Brüller, schrecklich komisch wie das Leben selbst.

Aber gleichzeitig ist das, wie bei Frayn üblich, ein hoch philosophischer Text über das Leben und die Kunst. Er erzählt uns, wie gefährdet Leben und Kunst jederzeit durch den Einbruch der zerstörerischen Kraft wahnsinniger Komik sind, wenn das Schicksal wieder einmal lustige Ideen hat.

Und außerdem erzählt uns das Stück davon, wie fließend und unklar die Grenzen zwischen Mensch und Künstler verlaufen.

Theater im Theater

„Der nackte Wahnsinn“ ist klassisches Theater im Theater. Wir sehen einer Schauspielertruppe dabei zu, wie sie sich mit dem Boulevardstück „Nackte Tatsachen“ („Nothing On“) herumschlägt.

Der erste Akt  zeigt die letzte Probe, in der Nacht vor der Premiere. Geprobt wird eine typisch englische Tür-auf-Tür-zu-Komödie, wobei immer kunstvoll verklemmt nach der richtigen Türe zum Schlafzimmer gesucht wird, ab und zu jemand seiner Hosen verlustig geht und diverse Teller mit Sardinen eine Hauptrolle spielen.

All das erfordert höchste Präzision, die zum Leidwesen des Regisseurs aber ständig in Gefahr ist – durch heikle zwischenmenschliche Beziehungen, durch Alkohol, durch Schwerhörigkeit, durch Vergesslichkeit, durch Begriffsstutzigkeit.

Der zweite Akt dreht dann die Perspektive um. Wir erleben eine Tourneevorstellung, aber von der Hinterbühne aus. Beziehungskonflikte sind inzwischen eskaliert, eine Flasche Whisky wandert von Hand zu Hand, Blumensträuße werden gekauft, versteckt und von der falschen Person gefunden. Eifersucht führt dazu, dass einander die Darsteller an die Gurgeln gehen.

Während sich hinter der Bühne der Wahnsinn allmählich ausbreitet, fühlen sich die Schauspieler immer noch der Kunst verpflichtet – und versuchen irgendwie, nebenbei die Vorstellung am Leben zu halten.

Katastrophenkunst

Im dritten Akt sehen wir schließlich die allerletzte Vorstellung. Von der ursprünglichen Inszenierung ist kaum etwas übrig geblieben, Eigensinnigkeiten der Darsteller, der Requisiten und des Zufalls haben sie  überwuchert.

Was bei dieser Derniere geboten wird, ist eine strahlende Katastrophe, die in ihrem Irrsinn ein ganz neues Kunstwerk darstellt, das hell aufglüht wie eine Sternschnuppe – bevor der Schlussvorhang im wahrsten Wortsinn fällt (und beinahe alle erschlägt).

Der neue Burgtheaterdirektor Martin Kušej hat seine Inszenierung aus München mitgebracht und als Silvesterpremiere angesetzt. Eine großartige Idee – das Stück ist ideal, um zum Jahreswechsel über das Leben nachzudenken und darüber zu lachen bzw. umgekehrt.
Die Inszenierung ist perfekt, rasant und komisch, sie versucht aber nie, klüger zu sein als der Text (ein Fehler, den große Theater oft begehen, wenn sie Komödie spielen) – und bringt gerade dadurch auch seine tragischen Qualitäten zum Strahlen.

Die Slapstick-Szenen sind mit beeindruckender Präzision gespielt – oft weiß man gar nicht, wo man hinschauen soll, soviel Großartiges passiert gleichzeitig.

Dauernasenbluten

Das Ensemble agiert fantastisch.  Till Firit spielt einen hinreißenden Eifersüchtigen, Thomas Loibl ist als traurige Gestalt mit Dauernasenbluten herrlich, Norman Hacker glänzt als Regisseur zwischen amourösen und künstlerischen Neigungen. Arthur Klemt ist der Inspizient, der davon träumt, Einspringer sein zu dürfen. Genija Rykova als Bühnenschönheit und Deleila Piasko als Regieassistentin kämpfen um den Regisseur. Paul Wolff-Plotegg ist ständig auf der Suche nach Alkohol, Sophie von Kessel wird des Wahnsinns fette Beute, und Katharina Pichler ist die gute Seele der Truppe.

Zurecht großer Jubel vom Premierenpublikum.
 

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