Burgtheaterdi­rek­tor Hartmann fristlos entlassen

PK BURGTHEATER "SPIELPLAN 2012/13": HARTMANN
Foto: APA/ROLAND SCHLAGER Burgchef Matthias Hartmann muss seinen Posten nach der Finanzaffäre räumen

Der Burgtheaterdirektor wurde am Dienstag von Kulturminister Josef Ostermayer fristlos entlassen - Hartmann will gegen die Entlassung klagen.


Kulturminister Josef Ostermayer hat die Konsequenzen aus der aktuellen Finanzaffäre des Wiener Burgtheaters gezogen und Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann seines Amtes als künstlerischer Leiter der Burg enthoben. Zugleich wurde Hartmann von der Bundestheater-Holding als Geschäftsführer fristlos entlassen.

Laut einem Gutachten "habe Hartmann pflichtwidrig gehandelt", führte Ostermayer aus. Ein Rechtsgutachten sehe eine "erhebliche Verletzung der Sorgfaltspflicht". Es habe im Burgtheater über Jahre hinweg kein funktionierendes Rechnungswesen und kein funktionierendes internes Kontrollsystem gegeben. Und es sei rechtlich "einerlei", ob Hartmann das nicht gewusst habe oder ob er, sollte er es gewusst haben, nichts dagegen unternommen hat: Hartmann habe dadurch seine Pflichten als Geschäftsführer verletzt.

Deshalb wurde der seit 2009 amtierende Direktor auch fristlos entlassen. Dies habe "sofort zu geschehen" gehabt, auch, um "weiteren Schaden von der Republik und dem Burgtheater abzuhalten". So musste Hartmann am Dienstagvormittag sein Büro räumen und sich vom Ensemble verabschieden. Der Aufsichtsrat des Burgtheaters hat der Entlassung einstimmig zugestimmt.

Bilder der Pressekonferenz

Die Mienen von Georg Springer und Kulturminister Josef Ostermayer blieben während der Pressekonferenz zur Burgtheater-Affäre am Dienstag dunkel. "Ich musste heute den Direktor des Burgtheaters, Matthias Hartmann, abberufen, Georg Springer hat den Vertrag aufgelöst und die Entlassung ausgesprochen", sagte Ostermayer. "Aufgrund der Fakten und den vorliegenden Rechtsgutachten gab es keine andere Möglichkeit. Hartmann hat seine Sorgfaltspflicht als Geschäftsführer erheblich verletzt. Er hat weder Mängel des Rechnungswesens noch bei der internen Kontrolle behoben. Um weiteren Schaden für die Republik und das Burgtheater abzuwenden, musste dieser Schritt unmittelbar erfolgen." Bundestheater-Holding-Geschäftsführer Georg Springer bekannte seine Mitverantwortung und gab seinen Rückzug aus dem Burgtheater-Aufsichtsrat bekannt. "Ich werde Holding-Prokurist Othmar Stoss in die Kontrollgremien der Bundestheatertöchter entsenden", so Springer. Ostermayer skizzierte den Stand der Dinge und die weiteren Schritte: "Ich habe bereits an meinem ersten Arbeitstag als zuständiger Minister ein Rechtsgutachten beauftragt, das sowohl gesellschaftsrechtliche als auch strafrechtliche Konsequenzen, inklusive der Möglichkeit, Schadenersatz zu fordern, untersuchen sollte. Am 3. März wurde der Rechnungshof eingeschaltet." Ebenso werde die Rolle der Wirtschaftsprüfer durchleuchtet, Anzeige gegen die KPMG wurde bereits erstattet. "Am 19. März wird bei der nächsten Aufsichtsratssitzung interimistisch ein Geschäftsführer bestellt, ebenso ist die Ausschreibung für die neue künstlerische Leitung unverzüglich einzuleiten", so Minister Ostermayer weiter. Die Interims-Leitung werde große Herausforderungen zu bewältigen haben, gab Ostermayer zu bedenken. Es müsse die entstandene Kluft im Burgtheater-Ensemble geschlossen und die Weichen für die Zukunft des Theaters gestellt werden: "Ziel ist es, dass wir wieder über Stücke auf der Bühne und nicht über die Geschehnisse dahinter reden können. Denn das Burgtheater ist eine ungemein wichtige Kulturinstitution in Österreich und im gesamten deutschsprachigen Raum."

Hartmann bringt Klage ein

Hartmann selbst wehrt sich gegen die Entlassung: Er betonte in einer Aussendung, dass er die Entlassung durch die Holding bzw. die Abberufung als Burgtheaterchef durch den Kunstminister nicht akzeptiert. Er habe unmittelbar nach dem Gespräch mit Minister Ostermayer seine Rechtsanwälte beauftragt, Klage gegen die Entlassung einzubringen.

"Man möchte meinen, dass sich der künstlerische Geschäftsführer auf die kaufmännische Direktion, die Kontrollfunktion der Holding und die Wirtschaftsprüfer verlassen könnte. Da wurde ich offensichtlich völlig im Stich gelassen und muss dafür jetzt büßen. Nun verlangt man, dass ich mehr weiß als die Controller und die Kaufleute. Das ist für jeden deutschsprachigen Theaterbetrieb absurd", so Hartmann in einer Aussendung.

Die Entscheidung fiel nur wenige Stunden, nachdem der künstlerische Geschäftsführer selbst angeboten hatte, sein Amt bis zur Klärung der Vorwürfe ruhend zu stellen.

Dieser Vorschlag hätte laut Ostermayer zu "seltsamen Konstruktionen" geführt, wie der Kulturminister am Dienstag sagte. Die Chancen Hartmanns auf erfolgreiche Berufung bezeichnete Ostermayer mit Hinweis auf zwei Rechtsgutachten als "nicht sehr groß".

Neue Leitung gesucht

PK ZUR AKTUELLEN LAGE DES BURGTHEATERS WIEN:  OSTE Foto: APA/HERBERT NEUBAUER Georg Springer und Josef Ostermayer bei der Pressekonferenz am Dienstag Bei der Pressekonferenz meinte der Minister: "Wir suchen eine interimistische Leitung für die Vergangenheitsbewältigung", und auch, um die Weichen in Richtung Zukunft zu stellen. Wer dafür in Frage kommt, soll bereits bei der nächsten Aufsichtsratssitzung am 19. März bekannt sein. Es werde "nicht leicht sein, aber wir werden das schaffen", so Ostermayer.

"Unverzüglich" soll es auch eine Neuausschreibung für die künstlerische Leitung geben. Hier wollte sich Ostermayer nicht auf eine zeitliche Perspektive festlegen.

Springer bleibt Holding-Geschäftsführer

PK ZUR AKTUELLEN LAGE DES BURGTHEATERS WIEN:  SPRI Foto: APA/HERBERT NEUBAUER Bestätigt wurde auch, dass sich Georg Springer aus den Aufsichtsräten der Bühnen, die der Bundestheaterholding unterstehen, zurückziehen wird. "Ich glaube, dass es dadurch eine wesentliche Verbesserung für die Zukunft geben kann", zeigte sich Springer optimistisch: "Die Vorgänge haben mich ebenso überrascht, vielleicht sogar so entsetzt wie Sie." Springer bleibt aber weiterhin Geschäftsführer der Holding.

Holding-Prokurist Othmar Stoss wird Springer in den Aufsichtsräten nachfolgen.

"Extrem unerfreulich"

Ostermayer bezeichnete die Entlassung Hartmanns als "extrem unerfreulichen Moment". Er hätte sich seinen Start als Kulturminister (offiziell ist Ostermayer seit 1. März im Amt) "ganz anders vorgestellt. Ich habe aber leider keine andere Möglichkeit gehabt."

Chronologie

So lief der Burgtheater-Skandal ab

Längst warnten Manager vor der Finanzmisere.

THEMENBILDER: BURGTHEATER
Foto: APA/GEORG HOCHMUTH

Seit Langem warnen Manager vor einer finanziellen Unterdotierung des Burgtheaters. Eine von Wirtschaftsprüfern geforderte Veränderung bei den Abschreibungen für Produktionen hat die Lage seit der Saison 2011/’12 zugespitzt. Die Entwicklung im Rückblick:

April 2008: Silvia Stantejsky, seit 1980 Leiterin des Betriebsbüros, seit 1999 Prokuristin und Stellv. des kaufmännischen Geschäftsführers (GF) Drozda, wird kaufmännische GF des Burgtheaters. Den zusätzlichen Finanzbedarf beziffert sie mit 3 bis 3,5 Mio Euro.

April 2009: Bei seiner ersten Spielplan-PK erzählt Hartmann, in Zürich habe man ihn zuletzt vorwiegend nach Auslastung- und Budgetzahlen gefragt, was ihm "zum Hals raushängt". Die Beantwortung nach der finanziellen Lage des Hauses überlässt er Stantejsky.

Juni 2011: Aus der Effizienzanalyse der Bundestheater errechnet sich die Holding bis zu 14 Mio. Euro "Optimierungspotenzial".

Februar 2013: Stantejsky verzichtet auf neuerliche Bewerbung bei der Ausschreibung ihres Postens. Gleichzeitig wird bekannt, dass sie Stellvertreterin des künstlerischen Direktors wird.

März 2013: Bei der Bekanntgabe des Geschäftsberichts 2011/’12 sagt Holding-Chef Springer: "Der Tank ist leer."

April 2013: Hartmann befürchtet "Erstickungstod".

Mai 2013: Hartmann: "Der Tag, an dem es nicht mehr geht, ist bereits verstrichen."

November 2013: Eine Gebarungsprüfung der von Stantejsky verantworteten Geschäftsjahre deckt Ungereimtheiten auf, sie wird suspendiert, später fristlos entlassen.

Jänner 2014: Das Ensemble stellt sich auf Stantejskys Seite. Der Rechnungshof stellt "erhöhte Risikorelevanz" im Burgtheater fest und überlegt eine Prüfung.

Februar 2014: Wirtschaftsprüfer sehen "deutliche Indizien für gefälschte Belege und die Vorspiegelung falscher Tatsachen" durch Stantejsky. Laut Aufsichtsrat sei für 2012/’13 mit einem Bilanzverlust von "voraussichtlich" 8,3 Mio. Euro zu rechnen. Dazu könnten 5 Mio. Euro Steuernachzahlungen kommen.

10. März 2014: Matthias Hartmann gibt überraschend dem Ensemble und auch den Medien bekannt, seine Tätigkeit als Geschäftsführer bis zur vollständigen Klärung der Bilanzungereimtheiten ruhen lassen zu wollen.  

11. März 2014: Hartmann wird von Kulturminister Josef Ostermayer unter anderem wegen "pflichtwidrigem Handeln" fristlos entlassen. Dagegen will der Ex-Burgtheaterdirektor klagen. Georg Springer bleibt weiterhin Geschäftsführer der Holding, zieht sich allerdings aus dem Aufsichtsrat zurück.

Politische Reaktionen

Opposition stellt Bundestheater-Holding infrage

Die Oppositionsparteien im Parlament stellen nach der Entscheidung von Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ), Burgtheater-Chef Matthias Hartmann abzuberufen, den Bestand der Bundestheater-Holding infrage. So erntete Ostermayer zwar Lob für sein "rasches und umsichtiges" Handeln, die Holding habe jedoch "die ihr zugedachten Aufgaben nicht erfüllt", so Grünen-Kultursprecher Wolfgang Zinggl.

Auch Beate Meinl-Reisinger, NEOS-Kultursprecherin und Kulturausschussvorsitzende, bezeichnete die Abberufung Hartmanns durch den Kulturminister "als konsequenten und notwendigen Schritt". Nun solle man die Situation für einen "Neustart" der Holding verwenden: "Wir müssen diese Gelegenheit nutzen, um die offensichtlichen Mängel in der Struktur und Organisation der Holding zu beheben. Die Trennung der Funktionen des Holding-Chefs und des Aufsichtsrats sind ein erster Schritt in einer Reihe notwendiger und längst überfälliger Maßnahmen." Meinl-Reisingers Schlussfolgerung fällt deshalb klar aus: "Eine Holding, die nichts sieht, nichts hört und nichts weiß, ist nur ein Kostenfaktor."

FPÖ-Kultursprecher Walter Rosenkranz zeigte sich "wenig überrascht", Ostermayer habe die Reißleine gezogen. Der Rückzug von Holding-Chef Georg Springer aus den Aufsichtsräten der Töchter kann Rosenkranz allerdings nicht überzeugen: "Als Aufsichtsrat, wo er nichts verdient, zieht sich Springer überall zurück - als Geschäftsführer der Bundestheater-Holding will er aber bleiben!?" Seine Schlussfolgerung geht deshalb in eine ähnliche Richtung wie die der Oppositionskollegen: "Die Bundestheater-Holding gehört aufgelöst und dem Kunst- und Kultur-Ministerium unterstellt."

Der Kultursprecher des Team Stronach, Marcus Franz, setzt auf die objektive Prüfung des Rechnungshofs: "Die Köpfe der Verdächtigen abzuschlagen ist eine wirkungsvolle Methode. Aber ob sie vor einer endgültigen Klärung auch die beste Methode ist, kann bezweifelt werden."

Internationale Pressestimmen

"Egomane" der "Generation Gier"

Auch in Matthias Hartmanns Heimat Deutschland sowie in der Schweiz, wo man den nun fristlos entlassenen Burgtheaterdirektor in Zürich als Chef des Schauspielhauses erlebte, analysieren die Kommentaren die Causa - teils in scharfem Tonfall. Im Folgenden ein Überblick:

Süddeutsche Zeitung: "Ans Burgtheater geholt worden war Hartmann einst vom damaligen Staatssekretär Franz Morak, einem ehemaligen Burgschauspieler. Morak präsentierte ihn damals als Vertreter einer 'neuen Generation von Theaterleitern'. Tatsächlich steht Hartmann für die Generation Gier, der die eigene Karriere im Zweifelsfall wichtiger ist als das Wohl ihrer Mitarbeiter. Zugleich ist Matthias Hartmann die Raubkopie eines Theaterfürsten vom alten Schlag. Er gab sich egozentrisch und großmäulig wie Peymann oder Zadek, konnte diesen Vorbildern aber inhaltlich nicht das Wasser reichen. Wenig Größe zeigte Hartmann dann auch, als es eng wurde: Es ging ihm nur noch darum, seinen Kopf zu retten. Mein Königreich für ein Pferd."
(Wolfgang Kralicek)

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Dabei ist dem Egomanen Hartmann, der jetzt so tief fällt, dass man sich fragen mag, wer von ihm überhaupt noch ein Gebrauchttheater kaufen würde, der Hauptfehler aller Ego-Künstler widerfahren: auch dann noch aus dem Vollen zu schöpfen, wenn die Leere bereits gähnt. Das Haus schleppt einen Schuldenberg von 8,5 Millionen Euro mit und schuldet dem Finanzamt rund fünf Millionen aus einbehaltener Abgeltungsteuer, die beim Engagement auswärtiger Gäste fällig wird. Belege wurden gefälscht, zum Teil, wie mehrfach berichtet, mit den Unterschriften von Toten (Schlingensief) versehen; Beträge scheingebucht, Etatlöcher mit Luftbuchungen gestopft."
(Gerhard Stadelmaier)

Münchner Abendzeitung: "Das 1776 gegründete Wiener Burgtheater gilt als eine der wichtigsten Bühnen im deutschsprachigen Raum. Sollte Hartmanns Kündigung einer Rechtsprüfung standhalten, könnte das Folgen für München haben: Residenztheater-Chef Martin Kusej, der schon eine Reihe von Burgschauspielern abgeworben hat, ist als gebürtiger Kärntner und Professor des Wiener Reinhardt-Seminars ein sehr heißer Kandidat für die Nachfolge."
(Robert Braunmüller)

Tagesspiegel: "Die Entlassung Hartmanns ist der vorläufige Höhepunkt eines Finanzskandals, der seit Ende Februar die österreichische Kulturszene erschüttert und in seinen Folgen inzwischen ein zumindest mitteleuropäisches Theaterbeben auslösen dürfte. (...) Die stolze Burg eine Titanic des Theaters?"
(Peter von Becker)

Frankfurter Rundschau: "Ja, richtig gelesen! Der Burgtheaterdirektor ist entlassen worden! Zu solch einer Schlagzeile hat es einst nicht einmal der 1999 in Ehren verabschiedete Skandalsucher Claus Peymann gebracht. Jetzt muss der ungleich bravere Matthias Hartmann wegen eines Millionendefizits gehen. (...) Ostermayer hatte die Pferde ruhig gehalten und sich hinter Hartmann gestellt, so lange sich externe Buchprüfer durch die unübersichtlichen, lückenreichen und wohl auch gezinkten Bilanzen wühlten. Nun ist das Gutachten erstellt und der Schleudersitz entsichert."
(Ulrich Seidler)

Stuttgarter Zeitung: "Wie unverhältnismäßig teuer Hartmanns Theater tatsächlich war, schien der Intendant, dem Großherrlichkeit wenn nicht Größenwahn stete Begleiter gewesen sind, erst im letzten Jahr vage erkannt zu haben, als er bei Burgtheaterfeierlichkeiten darauf aufmerksam machte, dass Österreich sich seine Vorzeigebühne wohl bald nicht mehr leisten könne. (...) Hartmann jedenfalls igelte sich sofort ein wie Richard III., dessen Leben in der Fassung von Hans Henny Jahnn heute Premiere hat (Regie: Frank Castorf, auch kein Billig-Import)."
(Mirko Weber)

Die Welt: Dass Hartmann allein Kraft seines Amtes eine Mitverantwortung an der Finanzmisere des Burgtheaters zu tragen habe, wollte er partout nicht einsehen. Sein bisheriges Lebensmotto hatte doch immer bestens funktioniert: Die Leute wollten ein Großmaul, Hartmann gab den Intendanten, der sich niemals selbst in Frage stellt. Aber beim fehlenden Geld hört schließlich sogar im heurigenseligen Wien die Musi auf. Ostermayer begann seine Amtszeit nämlich erstaunlich schnörkellos und unösterreichisch: Er teilte der versammelten Presse mit, dass Hartmann entlassen worden wäre."
(Karin Cerny)

Neue Zürcher Zeitung: "Die Amtsenthebung des Direktors ist ein Novum in der Geschichte des Burgtheaters und nach der wüsten Eskalation um die liederliche Buchführung - der KPMG-Bericht darüber lässt sich online studieren - ein drastischer Showdown. Demnächst dürfte es nun um Schadensbegrenzung gehen, damit die Kunst nicht unter die Räder gerät."
(Barbara Villiger Heilig)

Tagesanzeiger (Zürich): "Lief in Zürich alles korrekt? Sollte Hartmann nun tatsächlich vor Gericht gehen, wird dort auch seine Zeit in Zürich aufgerollt werden. In den vergangenen Tagen wurde bekannt, dass er bereits von 2006 bis 2009 Geld aus Wien bekommen hatte: als Vorbereitungshonorar und für eigene Inszenierungen, die er aus Zürich ans Burgtheater mitnahm. Das Geld wurde ihm bar ausgezahlt und in Wien von Stantejsky aufbewahrt. Er habe damals noch kein Konto in Österreich gehabt, rechtfertigte sich Hartmann: Es sei jedoch alles ordentlich versteuert worden. Hartmann war damals noch in Zürich steuerpflichtig."

Zitate in Bildern

Das Finanzdrama im Burgtheater

"Dolose" Geschäfte, Entlassung, Misstrauen – eine Nacherzählung in Zitaten.

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Foto: APA(4), KURIER MONTAGE

Der KURIER lässt die Burgtheater-Finanzaffäre um die entlassene Vizedirektorin Silvia Stantejsky Revue passieren – anhand ausgewählter Zitate:

"Wo Sumpf ist, kann man lange bleiben, ohne dass etwas geschieht. Es ist aber auch eine große Freude, im Sumpf zu arbeiten. Man hat mich immer vor diesem Österreich gewarnt. Aber ich frage mich nach zwei Jahren in diesem Land: Wann kommt dieses Österreich, vor dem mich alle gewarnt haben? Wann fängt das Fürchterliche denn an?"
(Burgdirektor Matthias Hartmann, 2011. Die Antwort kam wohl schneller, als ihm lieb war) "Bevor man uns Schindluder vorwirft, müsste einiges passieren."
(Auch das geht manchmal schneller, als man denkt) "Das ist schon ein Signal für die Zukunft des Burgtheaters."
(Bundestheater-Holdingchef Georg Springer gibt im März 2013 bekannt, dass die Burg 3,65 Mio. Euro aus dem Stammkapital nehmen muss, um ein Minus abzuwehren) "Silvia Stantejsky hat sich entschlossen, für diese Entwicklung auf der kaufmännischen Seite ab 1. September 2013 nicht weiter zur Verfügung zu stehen."
(Die Geschäftsführerin wird wegen der schwierigen Finanzlage zur Vizedirektorin) "Die Vizedirektorin des Burgtheaters, Silvia Stantejsky, ist im Dezember wegen Unregelmäßigkeiten bei der finanziellen Gebarung entlassen worden."
(Jänner 2014: Die Finanz-Affäre wird durch einen "News"-Bericht öffentlich) "Dem Haus ist sicher kein Schaden entstanden."
(Hartmann irrt) "Der Aufsichtsrat wurde darüber unterrichtet, dass im Jahresabschluss für das Jahr 2012/2013 mit einem Bilanzverlust von voraussichtlich TEUR 8.300 zu rechnen ist. Darüber hinaus stünden Steuernachzahlungen in der Höhe von bis zu TEUR 5.000 im Raum."
(Da war er dann, der Schaden) Stantejsky habe "eine sehr intelligente Schattenorganisation aufgebaut" und "dolose Handlungen" gesetzt.
(Springer weist die Verantwortung von sich) "Dr. Springer als auch der Aufsichtsrat wird von sämtlichen buchhalterischen Entscheidungen informiert. Parallel kann gar nichts geschehen."
(Stantejsky wehrt sich) "Die Maßregeln zur Prüfung und Überwachung der Geschäftsführung"
(Aufgabe der Holding, aus dem Bundestheatergesetz) "So etwas können nur Wirtschaftsprüfer sehen. Ich bin ja nicht in der Buchhaltung des Hauses unterwegs."
(Der künstlerische Geschäftsführer Hartmann weist trotz des Vieraugenprinzips die Verantwortung von sich) "Das Vieraugenprinzip bedeutet eben nicht zwei getrennte Augenpaare – ein Gröscherlzähler und ein Künstler – sondern ein beidseitiges Bewusstsein."
(Zur Erinnerung: Springer im Jahr 2010 zur Rollenverteilung der Geschäftsführer) "Sie olle ham was g’wusst und des lasst mir ka Ruah."
(Titus Feuerfuchs im Akademietheater) "Unwürdige und unproduktive Angstpolitik."
(Burg-­Ensemble spricht Hartmann und Springer das Misstrauen aus) "Tief betroffen von den öffentlichen Anfeindungen und Kampagnen möchte ich den Weg für die Versachlichung der Diskussion ermöglichen."
(Hartmann in seiner Aussendung zu seinem vorübergehenden Rücktritt) "Ich bin sehr zuversichtlich, dass es in den nächsten Wochen in einem versachlichten Klima gelingen wird, der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen."
(Ob das noch was wird?)
Twitter

Häme und Spekulationen

"Alle deutschsprachigen Theaterintendanten starren derzeit übrigens ihr Telefon an, und hoffen auf einen Anruf aus Wien", schreibt Literaturwissenschafter Christian Köllerer auf Twitter, wo die Entlassung von Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann am Dienstag Top-Thema ist. Beim Kurznachrichtendienst reiht sich in den Stunden nach Verlautbarung Nachfolger-Spekulation an Häme und Fassungslosigkeit.

"Wieder ein Deutscher, der in Österreich scheitert", heißt es etwa vom stellvertretenden Handesblatt Online-Chefredakteur Stefan Henzel aus Düsseldorf. "Als freier, immer irgendwie kämpfender Theatermacher schaut man fassungslos und kopfschüttelnd nach Wien", schreibt Michael Stacheder, Leiter des Jungen Schauspiel Ensembles München.

Der Politologe Hubert Sickinger erinnert in Tweets an den ehemaligen Intendanten Claus Peymann, unter dem das Burgtheater in den 80er Jahren "auch jenseits der Vorstellungen großes Theater" geboten habe. "Daran kann das aktuelle Schaustück leider nicht anknüpfen." Während Georg Springer als Protagonist weitgehend außen vor gelassen wird, haben einige Nachrichten Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) zum Thema. "Ortstafeln, Beamte, Burgtheater: Immer wenn's mühsam ist, übernimmt des Kanzlers Geheimwaffe Josef Ostermayer", schreibt Journalistin Julia Ortner. "Fehlt nur noch die Hypo."

Namen potenzieller Nachfolger lassen sich auf der Online-Plattform nur vereinzelt finden. Der Wiener Autor Christian David etwa tippt auf Martin Kusej. "Er hätte bald Zeit. Und wäre eine exzellente Wahl." Stellenweise wird auch der Ruf nach einer Frau an der "Burg" laut. Wiener Zeitung-Kulturjournalistin Christina Böck bringt Barbara Frey, jetzige Intendantin am Schauspielhaus Zürich, ins Spiel. "Die kennt sich aus mit Hartmann-Nachfolgen." Abgesänge auf Hartmann und Spekulationen über Nachfolger werden am Folgetag wohl auch in den traditionellen Medien folgen. "Das Triumphgeheule seiner vielen Feinde wird grenzenlos sein", schreibt Die Welt schon jetzt.

Der letzte Tweet des offiziellen "Burgtheater"-Accounts liegt übrigens über ein Monat zurück.

Hintergrund

Hartmann versuchte noch am Montag Befreiungsschlag

PK BURGTHEATER-DIREKTOR HARTMANN "BURG-SPIELZEIT 2
Foto: APA/ROBERT JAEGER

Am Montag gab Direktor Matthias Hartmann überraschend dem Ensemble und auch den Medien bekannt, seine Tätigkeit als Geschäftsführer bis zur vollständigen Klärung der Bilanzungereimtheiten ruhen lassen zu wollen.  

Er habe Bundestheater-Holdingchef Georg Springer und Kulturminister Josef Ostermayer ein dementsprechendes Angebot unterbreitet, ließ Hartmann wissen.

Überrascht

Doch dieses Angebot wurde am Montag vorerst nicht angenommen. Der temporäre Rücktritt blieb ein Vorschlag, der noch dazu auch seine Adressaten überraschte: Kulturminister Josef Ostermayer als auch die Holding gaben an, entgegen Hartmanns Angaben über den Vorschlag nicht informiert gewesen zu sein. Ostermayer „hat vorab nichts von diesem Brief gewusst“, sagte ein Ministeriumssprecher gegenüber dem KURIER über jenes  Schreiben, das Hartmann verschickte.  

Hartmanns überraschender Schritt kam nur wenige Stunden vor einem Treffen, das für seine Zukunft an der Burg entscheidend ist: Es sei für Dienstagvormittag bereits ein Gesprächstermin mit Ostermayer, Hartmann und dem Burgtheater-Aufsichtsrat vereinbart gewesen, so der Ministeriumssprecher.  

Dabei werde es um ein Rechtsgutachten gehen, das Ostermayer zur Klärung der Affäre in Auftrag gegeben hat. Dieses sollte auch die Frage beantworten, inwieweit Hartmann Mitschuld an der Finanzaffäre rund um die entlassene Vizedirektorin Silvia Stantejsky trage. Ostermayer wolle dann „auf Grund der Fakten“ über die weiteren Schritte und Hartmanns Zukunft an der Burg entscheiden, sagte der Ministeriumssprecher.

Lügen und Intrigen

Hartmann beklagte in der Aussendung, dass die Diskussion um das Burgtheater „in einem aufgeheizten Klima, belastet von Halbwahrheiten, sogar Lügen und Intrigen, sowie gefälschten Belegen“ stattfinde.  Er bezeichnete sich als „tief betroffen von den öffentlichen Anfeindungen und Kampagnen“ und will mit dem Schritt „den Weg für die Versachlichung der Diskussion ermöglichen“.

Er habe den Vorschlag unterbreitet, seine Tätigkeit als Geschäftsführer niederzulegen, um „Schaden durch die Verlängerung der medialen Schlammschlacht vom Haus abzuhalten, aber auch um Schaden für meine Familie  – meine Kinder werden bereits angepöbelt – abzuwenden“. Er sei „sehr zuversichtlich, dass es in den nächsten Wochen in einem versachlichten Klima gelingen wird, der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen“, so Hartmann.

Fragen

Sollte das  Angebot heute angenommen werden, stellen sich jedoch viele Fragen: Das für das Burgtheater geltende  Bundestheaterorganisationsgesetz sieht weder eine vorübergehende Amtsniederlegung noch eine Trennung von künstlerischem Leiter und Geschäftsführer  vor.  

Die Niederlegung seiner Tätigkeit als künstlerischer Leiter hat Hartmann aber explizit ausgeklammert: Er wolle künstlerischer Leiter bleiben, sagte Hartmann laut ORF.  Ob das überhaupt eine denkmögliche Variante ist, fragte der KURIER beim Kulturministerium nach. Um diese Frage gehe es derzeit nicht, hieß es dort.

Fraglich bleibt auch, ob das Haus dann nur einen Geschäftsführer (den kaufmännischen Leiter Thomas Königstorfer) hätte,  ob Hartmanns Geschäftsführer-Bezüge ruhend gestellt werden und ob er seine Verpflichtungen als Regisseur weiter wahrnehmen werde. „Das entscheiden alles der Minister, Springer, der Aufsichtsrat und ich“, antwortete Hartmann auf dementsprechende KURIER-Anfragen.

Auch die Bundestheater-Holding zeigte sich vorerst im Unklaren darüber, was der Schritt Hartmanns für Konsequenzen hätte. „Wir sind zeitgleich wie Sie informiert worden“, hieß es von einer Sprecherin zur APA: „Wir sind jetzt am Sondieren und schauen, was das in der Praxis bedeutet.“

Der Schritt kam insbesondere deshalb überraschend, da sich Hartmann bisher konsequent dagegen verwahrt hatte, Mitschuld an der Affäre zu haben. Noch am Freitag hatte er in einem Befreiungsschlag vor Journalisten vorzurechnen versucht, dass sich die finanzielle Lage der Burg unter seiner Direktion sogar verbessert hat.

Dies wies Hartmanns Vorgänger Nikolaus Bachler wenig später empört und mit scharfen Worten zurück. Auch kam Hartmann mit seinen Berechnungen auf Nachfragen hin in Schwierigkeiten.

Ungereimtheiten

Übers Wochenende sind dann in diversen Medienberichten weitere Ungereimtheiten über das Vorgehen Hartmanns aufgetaucht. So hieß es in mehreren Berichten, dass die gefeuerte kaufmännische Direktorin Silvia Stantejsky auch für Hartmann Barbeträge verwahrte.

Hartmann seien in dessen Vorbereitungszeit auf seine Direktion Honorare bar ausgezahlt worden. Dies sei geschehen, weil er in dieser Zeit noch kein Konto in Österreich hatte, so Hartmann. Die Vorgänge seien aber rechtens gewesen, die Honorare versteuert und nicht doppelt ausbezahlt worden.

Hartmann will laut den Medienberichten bereits vor einigen Jahren die damalige Abschreibungspraxis des Burgtheaters, deren spätere Nicht-Akzeptanz zu den heutigen Budgetproblemen beiträgt, kritisiert haben.

Dies habe er unter anderem auch dem Chef der Bundestheater-Holding, Georg Spinger, mitgeteilt – was dieser wiederum in der Presse dementierte.

Entscheidung

Am Dienstag wird sich in der Sitzung mit Ostermayer nun die Zukunft Hartmanns im Burgtheater entscheiden.  Das Kulturministerium will dabei nach einem Stufenplan vorgehen: Die fünf Stufen sehen zuerst das Gutachten und dann Gespräche mit dem Aufsichtsrat, der Geschäftsführung und dem Ensemble vor.

Zu guter Letzt werde schließlich die Öffentlichkeit informiert.

Kommentar

Tragödiendramafarce

Dieses Stück würde jedem Autor zurückgeworfen: Was an der Burg derzeit stattfindet, würde kein Theaterbesucher jemals glauben.

Und sei es noch so überzeugend inszeniert.

Aber das ist die Mischung aus Tragödie, Drama und Farce, die sich überall außer auf der Burgtheater-Bühne entspinnt, keineswegs: Hier läuft alles schief, was nur irgendwie schief laufen kann.

Es wurde alles versucht: schönreden, kleinreden, Schuld hin und her schieben, klagen, entlassen, untersuchen lassen, nachrechnen, neurechnen, schönrechnen.

Doch die Finanzaffäre an der Burg ist wie das sprichwörtliche Spinnennetz: Je heftiger sich die Beteiligten daraus zu entwinden versuchten, desto mehr schienen sie sich zu verstricken. Die Krisen-Kommunikation mutete an wie jene „Loch auf, Loch zu“-Bilanzierung, die man der gefeuerten Vizedirektorin vorwirft:  Auf jeden versuchten Befreiungsschlag folgten neue Details. Die Vorgänger Matthias Hartmanns in Zürich, Bochum und Wien schossen auf Kritik Hartmanns scharf zurück; auch hier gab es keine Entlastung. Die Ex-Vizedirektorin wehrt sich vor Gericht. Die ihr vorgeworfenen Malversationen klingen so absurd und handgestrickt, dass man fassungslos bleibt, wie die Kontrollorgane das alles übersehen konnten.

Es wird höchste Zeit, dass für dieses Stück der letzte Vorhang fällt.

Vorgänger

Burgtheater-Direktoren seit 1945

Eine Aufstellung der Burgtheater-Direktoren seit 1945 mit ihrer jeweiligen Amtszeit

Direktor                      Antritt Abgang
Matthias Hartmann 2009 Vertrag bis 2019. Entlassung am 11.3.2014
Klaus Bachler 1999 2009
Claus Peymann 1986 1999
Achim Benning 1976 1986
Gerhard Klingenberg 1971 1976
Paul Hoffmann 1968 1971
Ernst Haeusserman  1959 1968
Adolf Rott   1954 1959
Josef Gielen 1948 1954
Erhard Buschbeck (prov. Leiter) 1948 1948
Raoul Aslan 1945 1948
(KURIER, APA | moe, tem, ley) Erstellt am
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