Hitzewelle: Abgesagte Schlachten, Alkoholverbote und tote Kinder
Zusammenfassung
- Europa erlebt wegen einer Omega-Lage eine außergewöhnliche Hitzewelle mit Warnungen, Rekorden über 40 Grad und möglichen neuen Höchstwerten auch in Österreich.
- Die Extremhitze hat zahlreiche Todesfälle und Unfälle zur Folge, darunter viele Badeunfälle, tote Kinder in geparkten Autos und Belastungen für Tiere wie Mauersegler-Küken.
- Mehrere Länder reagieren mit Einschränkungen wie Alkoholverboten, abgesagten Veranstaltungen, heruntergefahrenen Atomreaktoren, Warnungen im Bahnverkehr und Stillstand im öffentlichen Leben.
Europa ist von einer noch nie dagewesenen Hitzewelle erfasst. Grund ist eine dynamische Omega-Lage. Dabei werden die atlantischen Tiefdruckgebiete in weitem Bogen um Mitteleuropa herum geführt.
Die Folge: Hitzewarnungen, neue Hitzerekorde und Temperaturen jenseits der 40-Grad-Marke. In Österreich könnte laut Vorhersage am Sonntag der österreichweite Rekord von 40,5 Grad aus dem Jahr 2013 - gemessen in Bad Deutsch-Altenburg (NÖ) - fallen.
Zahlreiche Badeunfälle
Quer über den Kontinent häufen sich tödliche Badeunfälle. Eine exemplarische Auswahl der letzten Tage: An der Neuen Donau ist ein 34-Jähriger nach einem Sprung von einer Fußgängerbrücke ums Leben gekommen. In der Alten Donau sind im Bereich des Gänsehäufels zwei Männer ertrunken, eine 76-Jährige aus Niederösterreich ist bei einem Badeunfall im Pichlinger See gestorben. In der Obersteiermark konnte ein dreijähriger Bub nach einem Badeunfall wiederbelebt werden.
In Regensburg ertrank ein 26-Jähriger. In Spanien sind drei Buben beim Baden nahe Tarragona im Nordosten des Landes ums Leben gekommen. Frankreich zählt seit Beginn der Hitzewelle mindestens 55 Menschen, die bei Badeunfällen ums Leben gekommen sind. Nahe Lyon etwa ertrank ein Zweitliga-Spieler beim Baden in der Rhone.
Hitzerekorde fallen
Der Deutsche Wetterdienst hat am Freitag nach vorläufigen Angaben mit 41,3 Grad die höchste Temperatur registriert, die bisher in Deutschland gemessen wurde. Ermittelt wurde der vorläufige Höchstwert demnach um 17.00 Uhr in Saarbrücken-Burbach im Saarland. Einen Hitzerekord gab es auch in Bayern. Mit 40,8 Grad wurde in der unterfränkischen Stadt Kitzingen die höchste Temperatur registriert, die bisher in dem an Österreich grenzenden süddeutschen Bundesland gemessen wurde.
In Paris wurde am Mittwoch ein neuer Juni-Höchstwert von 40,9 Grad gemeldet. Auch in Großbritannien fiel zur Wochenmitte ein Juni-Rekord: Im südenglischen Gosport stieg das Thermometer auf 36,1 Grad und übertraf damit die bisherige Höchstmarke von 35,6 Grad aus den Jahren 1957 und 1976.
Am Vortag hatte Frankreich mit 44,3 Grad in der südwestlichen Gemeinde Pissos den heißesten Tag seit Beginn der Aufzeichnungen vor fast 80 Jahren erlebt. In Spanien wurden bereits am Montag und Dienstag die höchsten Juni-Temperaturen seit Aufzeichnungsbeginn in den 1950er Jahren verbucht.
Alkoholverbot in Frankreich
In Frankreich hat die Pariser Polizeipräfektur vorübergehend ein weitreichendes Alkoholverbot in der französischen Hauptstadt erlassen. Von Freitag bis Sonntagfrüh ist der Verkauf von Alkohol verboten und der Konsum von Alkohol im öffentlichen Raum untersagt. Von dem Verbot ausgenommen sind allerdings Restaurants und Gaststätten.
Kinder in geparkten Autos gestorben
In Marseille ist ein, in einem geparkten Auto entdecktes Kleinkind an den Folgen eines Hitzschlags gestorben. Das 18 Monate alte Kind war am Dienstag in einem Auto auf dem Parkplatz des Universitätskrankenhauses entdeckt worden, teilte die Universität am Freitag mit. Ein Elternteil hatte das Kind im Auto vergessen, wobei unklar ist, ob es sich um Vater oder Mutter handelte.
Am Montag waren bereits zwei Kinder im Alter von zwei und vier Jahren in einem geparkten Auto im südfranzösischen Carpentras tot aufgefunden worden. Am Mittwoch starb ein drei Jahre altes Kind im Großraum Paris, das sich allein in einem Auto befand.
Schweiz nimmt Atommeiler vom Netz
Die beiden mit Aare-Wasser gekühlten Atomreaktoren Beznau im Schweizer Kanton Aargau sind vom Netz genommen worden. Eine übermäßige Erwärmung des Flusswassers soll verhindert werden. Die beiden Reaktoren seien vorübergehend heruntergefahren worden. Sie befänden sich im abgestellten Zustand. Die Aare-Temperatur habe am Donnerstag und Freitag 25 Grad erreicht. Eine ausreichende Abkühlung sei nicht in Sicht.
Die Leistung der beiden Reaktoren wurde bereits am Dienstag reduziert - zuletzt auf 50 Prozent.
Italien: Öffentliches Leben steht still
Die anhaltende Hitzewelle in Italien führt zunehmend zu Einschränkungen im öffentlichen Leben. In Palermo sind wegen der extremen Temperaturen die Gerichtstermine bis zum 29. Juni ausgesetzt worden.
Die hohen Temperaturen wirken sich auch auf den Kulturbetrieb aus. Der dritte und vierte Stock des Hauses der Julia ("Casa di Giulietta") im Stadtzentrum von Verona wurden am Freitag für Besucher geschlossen.
In zahlreichen Gebieten des Landes gilt ein Arbeitsverbot für körperlich anstrengende Tätigkeiten zwischen 12.30 und 16.00 Uhr.
Schlacht von Waterloo in Belgien abgesagt
In Belgien fällt wegen Temperaturen um die 40 Grad die Schlacht von Waterloo in diesem Jahr aus: Die belgischen Organisatoren haben die Nachstellung der Niederlage des französischen Kaisers Napoleon wegen der hohen Temperaturen abgesagt. Sicherheit gehe vor, erklärten sie am Donnerstagabend. Bei der alljährlich stattfindenden Veranstaltung treffen sich hunderte Teilnehmer in historischen Kostümen, um die berühmte Schlacht des Jahres 1815 am Ort des Geschehens nachzustellen.
Niederlande: Musikfestival abgebrochen
Im niederländischen Biddinghuizen wurde am Freitag das Defqon.1, ein Festival für elektronische Musik, vorzeitig beendet. Die rund 50.000 Besucherinnen und Besucher wurden gebeten den Campingplatz beim Festivalgelände etwa 70 Kilometer nordöstlich von Amsterdam zu verlassen. Nach der Absage des Festivals hatten nach Angaben der Polizei einige wütende Besucher in der Nacht auf dem Gelände randaliert.
Mauersegler-Küken springen in die Tiefe
Auch Wildtiere leiden unter der Hitze. So springen Mauersegler-Küken in Österreich wegen heißer Nester in die Tiefe. Unter aufgeheizten Hausdächern steigen die Temperaturen auf weit über 50 Grad. Für die noch nicht flugfähigen Jungvögel wird das Nest zur tödlichen Hitzefalle.
„Die Tiere stehen vor einer grausamen Entscheidung: Entweder sie bleiben im Nest und drohen bei der Hitze zu verenden oder sie springen in die Tiefe, obwohl sie noch gar nicht fliegen können“, erklärt Stephan Scheidel, Tierheimleiter vom Tierschutzhaus Vösendorf. Dort wurden bereits Ende Juni die ersten Küken aufgenommen.
ÖBB warnen vor Einschränkungen
Angesichts außergewöhnlich hoher Temperaturen haben die ÖBB eine Hitzewarnung ausgesprochen. Es könne zu Einschränkungen im Bahnverkehr kommen, da die hohen Temperaturen auch die Bahninfrastruktur erheblich belasten. Insbesondere könne extreme Hitze Gleisverwerfungen verursachen. Nicht unbedingt notwendige Bahnfahrten sollten nach Möglichkeit vermieden bzw. verschoben werden.
Bei Gleisverwerfungen durch Hitze dehnen sich die Schienen aus, was zu Verformungen führen kann.
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