Wie können aus 13 offiziellen Hitzetoten plötzlich fast 1.000 werden?
Viele Österreicher suchen an heißen Sommertagen Abkühlung in heimischen Seen. Während Hitzeperioden steigen die gesundheitlichen Belastungen, insbesondere für ältere und vorerkrankte Menschen (Symbolbild).
Dass extreme Hitze gefährlich ist, steht wissenschaftlich außer Frage. Doch wie viele Menschen tatsächlich an ihr sterben, ist deutlich schwerer zu beantworten, als die veröffentlichten Zahlen vermuten lassen.
Die Debatte beginnt bereits bei einer scheinbar einfachen Frage: Wer gilt überhaupt als Hitzetoter? Tatsächlich unterscheiden Fachleute wie der Umwelt- und Sozialmediziner Hans-Peter Hutter von der MedUni Wien zwei Kategorien von Hitzetoten: „Zur ersten zählen Menschen, bei denen Hitze oder ein Hitzschlag unmittelbar als Todesursache festgestellt und auf dem Totenschein dokumentiert wurde. Diese Fälle werden in der offiziellen Todesursachenstatistik erfasst.“ Aus der Pressestelle der AGES heißt es allerdings, dass solche direkten Hitzetodesfälle vergleichsweise selten seien.
Deutlich häufiger ist die zweite Kategorie: sogenannte hitzeassoziierte Todesfälle. „Dabei handelt es sich um Menschen, die während einer Hitzeperiode sterben, deren Tod jedoch nicht unmittelbar als Hitzschlag registriert wird. Gerade ältere Menschen oder Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen reagieren empfindlich auf hohe Temperaturen. Hitze kann bestehende Erkrankungen verschlimmern und so zum Tod beitragen, ohne dass sie als Ursache aufscheint“, erklärt Hutter.
Wie schwierig die Abgrenzung ist, zeigen konkrete Fälle. Während der aktuellen Hitzewelle kamen in Österreich zwei Männer beim Baden in der Alten Donau ums Leben. Am Dürnsee starb zudem ein 82-jähriger Mann. In allen Fällen war wohl ein Kreislaufkollaps aufgrund der starken Hitze und des hohen Temperaturunterschieds im Wasser der Grund für die Schwimmunfähigkeit.
Solche Fälle werfen die Frage auf, ob sie als Folgen der Hitze gelten können oder lediglich zeitlich mit der Hitzewelle zusammenfallen. Auf den ersten Blick erscheinen solche Todesfälle als tragische Einzelereignisse.
Das Hitzetelefon 0800/880-800 ist aus ganz Österreich kostenlos erreichbar
(Montag bis Freitag von 6 bis 22 Uhr; Samstag von 8 bis 20 Uhr; Sonntag von 8 bis 18 Uhr)
Tipps gegen die Hitze:
- Genug trinken: zwei bis drei Liter pro Tag, bei körperlicher Belastung mehr.
- Sonnencreme verwenden
- Auf die Ernährung achten: Gedünstetes Gemüse, Getreidesalate aus Bulgur, Couscous oder Hirse, Tofu-Spieße oder Suppen sind ideal.
- Wohnung kühl halten: Wer ohne Klimaanlage in der Wohnung auskommen muss, sollte tagsüber die Fenster schließen und die Räume verdunkeln.
- Körper und Kleidung: Füße in kaltes Wasser halten, ein feuchtes Tuch in den Nacken legen. Bei der Kleidung sollte man auf Leinen, Baumwolle oder Seide setzen. Diese Stoffe sind atmungsaktiv, nehmen Feuchtigkeit auf und fördern die Luftzirkulation, was zu einer natürlichen Kühlung führt.
- Direkte Sonne meiden: Besonders zwischen 11 und 17 Uhr möglichst im Schatten bleiben und körperliche Aktivitäten auf die kühleren Morgen- oder Abendstunden verlegen.
- Körperliche Anstrengung reduzieren: Sport und schwere körperliche Arbeit möglichst vermeiden oder auf kühlere Tageszeiten verschieben.
- Kopf schützen: Im Freien einen Hut, eine Kappe oder ein Tuch tragen.
Doch gehören sie statistisch betrachtet zu den Folgen der Hitze? Die Einordnung ist nicht eindeutig. Auf einem Totenschein steht in solchen Fällen in der Regel nicht „Hitze“, sondern etwa „Ertrinken“ oder „Kreislaufkollaps“. Für die Statistik direkter Hitzetodesfälle wären sie damit kein Fall.
„Hitzebedingte Übersterblichkeit“
Genau an dieser Stelle verschwimmen die Grenzen: Wo endet ein Todesfall durch Hitze, und wo beginnt ein Todesfall, der lediglich während einer Hitzewelle eingetreten ist? Die Antwort auf diese Frage entscheidet letztlich darüber, wie viele Hitzetote eine Gesellschaft zählt.
Um diesen Effekt sichtbar zu machen, arbeiten Gesundheitsbehörden mit statistischen Modellen. „Wir vergleichen die tatsächliche Zahl der Sterbefälle während einer Hitzeperiode mit jener Zahl, die auf Grundlage früherer Daten statistisch zu erwarten gewesen wäre. Die Differenz wird als hitzebedingte Übersterblichkeit ausgewiesen“, erklärt ein Pressesprecher der AGES.
Das heißt: Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff „Hitzetote“ jene Todesfälle, die mit hohen Temperaturen in Zusammenhang gebracht werden. Aber: Streng genommen gilt nur jene Person als „Hitzetoter“, deren Tod unter den ICD-10-Codes T67 (Schäden durch Hitze und Sonnenlicht) oder T67.0 (Hitzschlag und Sonnenstich) erfasst wurde.
Große Anstrengung bei hohen Temperaturen kann zu einer lebensgefährlichen Erhöhung der Kerntemperatur führen (Symbolbild).
Mit dieser Herangehensweise steht Österreich nicht allein. Auch die WHO unterscheidet zwischen direkten Hitzetoten und „heat-related deaths“, die mithilfe epidemiologischer Modelle geschätzt werden. Die häufig zitierten europäischen Zahlen beruhen daher meist nicht auf Totenscheinen, sondern ebenfalls auf Berechnungen von Übersterblichkeit und Temperatur-Mortalitäts-Modellen. Kritiker bemängeln, dass solche Berechnungsarten zwangsläufig von Annahmen abhängen.
Welche Temperaturen gelten als gesundheitlich relevant? Welcher Zeitraum dient als Vergleichsmaßstab? Wie werden Alterung der Bevölkerung, Grippewellen oder andere Einflussfaktoren berücksichtigt? Befürworter, dazu zählt sich Umweltmediziner Hutter, halten dagegen, dass die tatsächlichen Auswirkungen von Hitze ohne solche Modelle systematisch unterschätzt würden. „Sie machen das Ausmaß des Problems für Politik und Bevölkerung sichtbar und sensibilisieren zugleich.“
Die Lücke zwischen Statistik und Realität
Wie groß die Lücke zwischen direkter Erfassung und statistischer Schätzung tatsächlich ist, zeigen Daten von Statistik Austria. Während die AGES für den Sommer 2024 insgesamt 989 hitzeassoziierte Todesfälle errechnete, wurden im selben Zeitraum lediglich 13 Todesfälle mit Hitze oder Hitzschlag als unmittelbarer Todesursache registriert. 2023 waren es 5 Fälle, 2022 insgesamt 4.
Für den Umwelt- und Sozialmediziner Hans-Peter Hutter ist der Unterschied wenig überraschend. „Hitze verschlechtert bestehende Erkrankungen.“ Zudem bemerkt er: „Die Zahlen veranschaulichen einmal mehr, dass die gesundheitlichen Folgen von Hitze weit über die wenigen direkt als Hitzschlag erfassten Todesfälle hinausgehen und bei der Bewertung von Hitzewellen daher sowohl medizinische als auch statistische Betrachtungen wichtig sind.“
Den Begriff „Hitzetoter“ sieht er dennoch positiv. Er mache sichtbar, welche gesundheitlichen Folgen extreme Temperaturen haben können. Wichtiger als die Debatte über Modelle sei eine bessere Dokumentation der Lebensumstände Betroffener. „Man müsste viel öfter erfassen: Wie heiß war es in der Wohnung? Gab es eine Abkühlungsmöglichkeit? Wie lange war die Person der Hitze ausgesetzt?“ Gerade solche Informationen würden aus seiner Sicht häufig fehlen.
„Wir wissen oft erstaunlich wenig über die konkreten Lebensumstände, unter denen hitzebedingte Gesundheitsprobleme entstehen“, so Hutter.
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