"Dieser Hass wird im Kinderzimmer geboren – und wir sehen zu"
Der Jugendliche, der vor knapp zwei Jahren am Wiener Hauptbahnhof Menschen mit einem Kampfmesser erstechen wollte, betätigte sich erneut für den IS. Er wurde zu zu zwei Jahren unbedingter Haft verurteilt.
Laut dem letzten EU-Terrorismusbericht 2025 meldeten im Jahr 2024 14 Mitgliedstaaten insgesamt 58 Anschläge: 34 vollendet, 5 gescheitert und 19 vereitelt. Die Hintergründe waren verschiedener Natur, eine Gemeinsamkeit besteht jedoch: Terror-Anschläge werden nahezu ausschließlich von (jungen) Männern verübt.
Aber warum – und wo und wie radikalisieren sie sich? Der deutsche Autor, Filmemacher und Investigativ-Journalist Dirk Laabs beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit der Frage, wieso Menschen zu Terroristen werden. Seine Recherchen für Bücher und Dokus (darunter etwa "World White Hate") führten ihn nach Afghanistan, in den Jemen, nach Guantanamo und quer durch die USA. Er befasste sich mit der RAF, mit linksextremistischen Revolutionären Zellen und immer wieder mit Islamisten.
In seinem neuen Buch "Armee der Einzeltäter" (Heyne Verlag, 16. April) geht Laabs der Frage nach, weshalb es so viele sogenannte Einzeltäter gibt und welche Motive sie antreiben. Eine seiner Erkenntnisse: Die meisten Terroristen radikalisieren sich schnell und sehr früh im Leben – elfjährige Extremisten seien keine Seltenheit mehr. Noch vor der Pubertät werden sie vor allem online in eine Welt gezogen, die junge Menschen als Waffen nutzen will – und die Gesellschaft würde dabei zusehen, wie Laabs im KURIER-Interview erklärt.
KURIER: Sie berichten in Ihrem Buch von einem "neuen Typ Terrorismus, der regelmäßig missverstanden wird." Was meinen Sie damit?
Dirk Laabs: Als Beobachter erwarten wir hinter Terrorgewalt noch immer eine Planung oder Logik: Dass es einen Anführer gibt, Gruppen mit Namen und eindeutigen Agenden, wie es bei Anschlägen früher war. Doch das fällt mittlerweile alles weg – und das ist das große Missverständnis. Die Täter inspirieren sich heutzutage online, ohne dass es wirkliche Strukturen gibt. Und das ist für Außenstehende extrem schwer zu durchschauen, auch für Nachrichtendienste und Polizei. Dabei kann man den Behörden nicht so wie früher vorwerfen, dass sie zu wenig tun würden, wirklich nicht.
Aber es gibt dabei auch eine positive Nachricht.
Nämlich?
Diese neue Form der Radikalisierung führt dazu, dass man es nicht mit Profis zu tun hat. Man kann als aktuelles Beispiel das mutmaßlich geplante Attentat auf die Taylor Swift-Konzerte in Wien heranziehen: Die Täter agieren meist amateurhaft, das ist das große Glück im Unglück. Das war bei anderen Attentaten, wie 2015 in Paris, noch ganz anders.
Sie schreiben auch, dass die Täter immer jünger werden.
Richtig. Und dadurch, dass sie so jung sind, kommen natürlich mehr chaotische Elemente hinzu. Um auf den Fall in Wien zurückzukommen: Es gibt einen bereits verurteilten Helfer der Gruppe oder des mutmaßlichen Haupttäters, der zum Zeitpunkt der Pläne erst 14 Jahre alt war. Und ich kenne auch einige Fälle aus dem rechtsextremen Bereich, bei denen Elfjährige verhaftet wurden. Wenn man von Anschlagsplänen liest, glaubt man zunächst, da geht es um Erwachsene. Dabei hat man es da teilweise mit Kindern zu tun, die gefährlich werden – das muss man leider so hart sagen.
Sie sagen, dass die Gefahr durch Attentäter "außer Kontrolle" geraten sei, gerade weil die Täter immer jünger geworden sind.
Der frühere Nachrichtendienst-Leiter aus Österreich hat mir einmal im Interview beschrieben, wie schwer das Herausfiltern ist, wenn man so viele junge Täter hat, die ja nicht isoliert handeln, sondern in einer digitalen Bewegung mitschwimmen. Das ist auch juristisch sehr schwierig, zumal die oft nicht strafmündig sind. Hinzu kommt, dass es keine Hilfe von den digitalen Groß-Konzernen gibt. Null, nada, nichts. Telegram hat erst nach großem Druck angefangen, zu kooperieren.
Und Radikalisierung passiert nicht nur auf Telegram.
Genau, es ist nicht nur eine Plattform wie Telegram oder WhatsApp, die man im Auge behalten muss. Man findet radikale Gruppen überall, auf allen Plattformen. Aber von denen kommt keine Hilfe. Das sehen wir auch bei anderen Themen, etwa sexuelle Gewalt gegen Frauen im Netz, Stichwort Incel-Szene. Man ist quasi machtlos – und das ist ein Riesenproblem, das zurecht frustriert.
Wie kann man sich diesen Prozess der Online-Radikalisierung vorstellen?
Man sieht das beispielsweise schön in der Netflix-Serie 'Adolescence': Buben geraten noch vor der Pubertät in Diskussionen im Internet hinein, die einfach nicht für Kinder bestimmt sind. Sie finden online Inhalte voller Brutalität und extremer Sexualität, und bevor sie überhaupt in der Lage sind, diese zu verarbeiten, werden sie davon kaputt gemacht, ohne dass irgendjemand etwas dagegen tut. Dieser Hass in ihnen wird in Kinderzimmern geboren – und wir sehen dabei zu.
Warum sind es fast immer Männer und Buben? Warum keine oder fast keine Frauen?
Es gibt auch Frauen, aber das sind tatsächlich die Ausnahmen. Die Geschichte des Terrorismus' ist stark männlich geprägt. Dabei spielt auch die extreme verbale Gewalt online eine große Rolle. Es ist unfassbar, wie verroht die Sitten in den ganzen Chatrooms sind. Es geht nur darum, den anderen zu beleidigen und so in einen Handlungsdruck zu zwingen. Und damit kommen viele jungen Männer nicht klar. Die wissen nicht, wer sie sind, sind komplett lost. Sie kriegen online nicht jene Grenzen aufgezeigt, die es im wahren Leben gibt. Online ist alles möglich – und das ist sehr gefährlich. Ich würde das sogar als eine Krise der Maskulinität bezeichnen: Als Terrorist oder Gewalttäter kann ich der Welt zeigen, dass ich doch ein "harter Mann" bin.
"Viele Täter sind Teil der Incel-Szene, in der Frauenhass, rechtsextreme Ideologien und ungezügelte Wut kultiviert werden," sagt Autor Dirk Laabs.
Sie argumentieren, dass die Gewalt, die von Terroristen ausgeht, nicht rein psychologisch oder pathologisch erklärt werden kann.
Das ist ein wichtiger Punkt, der wohl auch bei dem Swift-Prozess in Wiener Neustadt eine Rolle spielen wird: Dass der mutmaßliche Haupttäter straffähig ist. Sprich, er ist wohl nicht psychotisch schuldunfähig, auch wenn man von psychischen Problemen und Isolation im Vorfeld bei ihm weiß. Psychische Probleme bedeuten jedoch nicht, dass man generell schuldunfähig ist.
Es heißt im Zusammenhang mit Terror-Akten aber oft, dass die Täter psychisch beeinträchtigt waren.
Das ist keine 'zwingende Bedingung'. Natürlich haben viele von ihnen psychische Probleme, das sieht man immer wieder. Wir müssen aber lernen, mit Grauzonen umzugehen. In Deutschland hatten wir zum Beispiel den Fall am Weihnachtsmarkt in Magdeburg, wo der Täter selbst Muslim war, aber antimuslimisch eingestellt. Als Öffentlichkeit sagt man da vielleicht schnell: "Der ist wahrscheinlich verrückt." Aber das war er forensisch gesehen eben nicht. Das heißt nicht, dass wir es nicht auch mit einer Krise der geistigen Gesundheit zu tun haben. Aber man muss unterscheiden: Sind Täter noch schuldfähig oder nicht? Das wird wie gesagt bei den Angeklagten zu dem Wiener Fall sehr interessant werden.
"Der 'neue Extremismus' bildet ein geschlossenes System, das nur schwer zu bekämpfen ist," schreibt Dirk Laabs.
Für Ihr Buch haben Sie sich auch mit Angehörigen ausgetauscht, die Kinder, Geschwister oder Eltern bei einem Terroranschlag verloren haben. Wie ist deren Zugang?
Das ist oft sehr unterschiedlich. Aber es gibt viele unter ihnen, die verstehen, dass man die großen Tech-Konzerne zur Verantwortung ziehen muss, es sind ja auch schon Klagen eingereicht worden. Es ist kaum zu begreifen, wie eindeutig diese Plattformen belastet sind, aber weiterhin passiert nichts. Das ist das Hauptproblem: Wir reden darüber, was man gegen den einzelnen Täter tun kann – und nicht gegen die Systeme dahinter. Man würde meinen, wenn Kinder Opfer und auch Täter werden, dass man als Gesellschaft aufschreit und sagt: Das geht so nicht weiter. Aber selbst das ändert nichts. Das ist irre. Und das frustriert auch viele Hinterbliebenen.
Ist das Social Media-Verbot für Unter-14-Jährige, das unlängst in Österreich beschlossen wurde, eine sinnvolle Maßnahme, um gegen die Online-Radikalisierung von Kindern vorzugehen?
Das ist eine sehr komplexe Frage. Man versucht, den Zugang der Kinder zu minimieren, anstatt hart mit Meta und Co. ins Gericht zu gehen und zu sagen: Wie kann es sein, dass sie solche Inhalte überhaupt verbreiten? Sprich, man arbeitet sich quasi an den Opfern ab und nicht an den Schuldträgern. Das stört mich daran. Man muss wohl abwarten, in Australien sind die ersten Ergebnisse des Verbots scheinbar recht positiv. Ich persönlich bin aber skeptisch, ob das der richtige Weg ist. Zumal, was ist mit den Videoplattformen? Was ist mit 4chan, mit Steam, Roblox? Die fehlen alle in der Liste.
Was können Eltern tun, worauf bei Kindern und Jugendlichen achten?
Man muss Eltern klarmachen, dass das alles viel früher losgeht, als sie sich vorstellen können – und dass diese Welten online noch viel schlimmer sind, als sie sich in ihren schlimmsten Träumen ausmalen. Es reicht nicht, ein Kind, wenn es 14 ist, zum ersten Mal zu fragen, was es Im Netz eigentlich so anklickt. Das fängt schon mit 7, 8 Jahren an: Sobald Leute ihren Kindern Handys in die Hand drücken, sollten sie sie auch dazu erziehen, online zu überleben.
Auch müssen Eltern bereit sein, die Konflikte durchzustehen. Wenn man Kinder jahrelang so sozialisiert, dass sie Handy, Playstation, Computer hatten, ihnen dann aber mit 13 Jahren sagt, sie müssen das nun reduzieren, wird es unschön. Aber diese Konflikte müssen einfach ausgestanden werden.
Sie haben in Ihren Recherchen auch mit Terror-Aussteigern gesprochen. Wie haben diese es geschafft, sich aus dem radikalen Gedankenkonstrukt zu befreien, sich - wie Sie es im Buch formulieren - "umzuprogrammieren"?
Wenn du einmal drinhängst, kommst du da geistig nicht so schnell wieder heraus. Es braucht nicht nur die Selbsterkenntnis, sondern auch Hilfe von außen, ähnlich wie bei jemandem, der in einer Sekte war. Wenn man aber mit Aussteigern redet, merkt man oft, dass diese Aufarbeitungsarbeit noch nicht gemacht wurde. Da braucht es viel mehr Förderung – aber solche Programme kosten Geld. Eine "Quick-and-dirty"-Lösung aus der Politik ist es, Straftäter abzuschieben, nach dem Motto: Sie sind nicht mehr da, Problem gelöst. Aber was, wenn es Kinder sind? Die kann man nicht einfach so abschieben. Und selbst wenn man Straftäter abschiebt: Was ist dann mit der Strafe? Was passiert mit ihnen vor Ort? Werden sie dort umgebracht? Oder kommen Sie frei, machen sie sich dann wieder auf den Weg zurück zu uns?
Natürlich hat man mit "Straftäter abschieben" eine gute Schlagzeile. Aber wenn man eine Sekunde darüber nachdenkt, ändert das ja nichts. Wenn man sich hingegen mit den Tätern beschäftigt und ihnen zuhört, erfährt man, was sie motiviert. So lernt man viel über Terror-Prävention, um künftige Anschläge zu verhindern.
Dirk Laabs, geboren 1973 in Hamburg, ist Autor und Filmemacher. Er beschäftigt sich mit der Welt des Terrors, hat die Motive und Biografien der Attentäter des 11. Septembers recherchiert, eine preisgekrönte Dokumentation über islamistische Terroristen gedreht, viele Jahre zum linken Terrorismus und lange in der rechten Terrorszene recherchiert. Laabs war für mehrere Terrorismus-Studien als Berater tätig und hat als Sachverständiger im Bundestag und in diversen Landesparlamenten ausgesagt.
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