Höchstens 11.000 Covid-19-Infizierte zusätzlich zu den Erkrankten in Spitälern gab es Ende April in Österreich.

© EPA/DAI KUROKAWA

Wissen Gesundheit
05/05/2020

Streitpunkt Corona-Infektion: Eine Dunkelziffer, viele Fragen

Die niedrige Infektionsrate mit dem Coronavirus lässt eine Debatte aufflammen: Waren die strengen Maßnahmen wirklich gerechtfertigt?

von Ernst Mauritz, Josef Gebhard, Marlene Patsalidis

Es ist eine Dunkelziffer, die diesen Namen fast gar nicht verdient: Maximal 11.000 Österreicher waren Ende April mit dem Coronavirus infiziert. Das ergab eine neue Studie auf Basis von Tests, die Wissenschaftsminister Heinz Faßmann (ÖVP) am Montag präsentierte. Damit ist eines klar: Die Strategie, das Coronavirus mithilfe einer Herdenimmunität in der Bevölkerung zu bekämpfen, bleibt Illusion.

Davon abgesehen, wirft die aktuelle Studie aber wesentlich mehr Fragen auf, als sie beantwortet: Bestätigt die niedrige Durchseuchung, dass Österreich im Kampf gegen die Pandemie auf dem richtigen Weg war? Oder waren die Maßnahmen sogar zu viel des Guten? Und was ist von der Studie selbst überhaupt zu halten?

Der KURIER versucht, Antworten zu geben.

  • Anlässlich der am Montag präsentierten Dunkelzifferstudie: Ist die Zahl statistisch aussagekräftig?

"Wir können mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit sagen, dass zwischen 21. und 24. 4. maximal 0,15 Prozent der Bevölkerung mit SARS-CoV-2 infiziert waren", sagt Matea Paskvan von der Statistik Austria. "Das ist der Maximalwert für ganz Österreich." Die Studie passe in das Gesamtbild des derzeit rückläufigen Trends an Neuinfektionen: "Das gibt uns mehr Sicherheit."

Der Infektiologe Herwig Kollaritsch sieht in ihr "ein weiteres Mosaiksteinchen. Wichtig sind jetzt aber die geplanten weiteren Studien, um zu erkennen, wie viele Personen tatsächlich bereits eine Infektion durchgemacht haben." Extrem kritisch ist der Wiener Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer: "Wie man von einem Infizierten, den man unter 1.432 Personen gefunden hat, auf österreichweit  hochgerechnet exakt maximal 10.823 Infizierte kommt, muss man mir erst vorhüpfen. Ich gehe davon aus, dass man nicht ganz unbeabsichtigt solche Studien macht, weil man willkürlich hineininterpretieren kann, was man will."

  • Warum sieht die Dunkelziffer in Deutschland ganz anders aus?

In Deutschland ergab die Studie aus der Gemeinde Gangelt, dass sich dort Anfang April bereits 15,5 Prozent der Bevölkerung infiziert hatten (Ausgangspunkt war eine Karnevalssitzung). Die Statistik Austria hat 27 Gemeinden mit relativ vielen bekannten Coronavirus-Infizierten untersucht (allerdings ohne Ischgl), dort hatten 4,71 Prozent Antikörper und damit eine Infektion hinter sich. "Heinsberg ist der absolute Corona-Hotspot Deutschlands, das kann man nicht vergleichen", sagt Paskvan. In Gangelt wurden außerdem ganze Haushalte getestet (mit höherer Ansteckungswahrscheinlichkeit), von der Statistik Austria hingegen Einzelpersonen. Für Pichlbauer sind die  Antikörper-Tests wegen ihrer Ungenauigkeit umstritten.

  • Haben wir aus statistischer Sicht zu schnell "zugemacht"?

"Entweder man macht einen Shutdown so früh als möglich oder gar nicht", sagt die Epidemiologin Eva Schernhammer von der MedUni Wien. "Je früher, umso kürzer ist er – das sieht man jetzt im internationalen Vergleich sehr gut." Ähnlich Herwig Kollaritsch: "Wir hätten für eine höhere Durchseuchung einen hohen Preis bezahlt." Laut Pichlbauer lässt die Statistik-Austria-Studie keinen Rückschluss auf diese Frage zu. Es gebe auch keine anderen Anhaltspunkte: Man habe zwar viele Maßnahmen gesetzt, aber nicht genau untersucht, wo und wie tatsächlich die meisten Infektionen erfolgen, beispielsweise, ob Schulen wirklich Virenschleudern seien.

Laut Andreas Sönnichsen, Leiter der Abteilung Allgemeinmedizin an der MedUni Wien, lassen sich die Zahlen sehr wohl so deuten, "dass die Lockdown-Maßnahmen erfolgreich waren. Darüber, ob die Beschränkungen in ihrer vollen Intensität gerechtfertigt waren, "kann man streiten". Die Gefährlichkeit des Virus sei anfangs "sicher überschätzt" worden: "Und man hätte schneller auf weniger einschneidende Maßnahmen übergehen können."

"Auch mit der neuen Studie bleibt die Situation für uns unverändert: Es besteht kein Grund zur Panik, aber auch keiner, die Pandemie auf die leichte Schulter zu nehmen", sagt ein Sprecher von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ).  Nach wie vor bestehe die Sorge, die Bevölkerung werde nicht genug Ausdauer haben, erneut Einschränkungen hinzunehmen, sollten die mit Corona verbundenen sozialen Probleme nicht rasch gelöst werden.

  • Ist eine zweite Welle zu erwarten – und wenn ja: wann?

"Wenn es uns nicht gelingt, die Epidemie komplett zum Stillstand zu bringen, gehe ich davon aus", sagt Schernhammer. Begünstigt werde eine zweite Welle durch die geringe Zahl der Menschen, die bereits eine Erkrankung durchgemacht haben, die fehlende Impfung und die möglicherweise nicht lang anhaltende Immunität: "Da wissen wir noch zu wenig." Viele Experten halten den Herbst für einen möglichen Zeitpunkt, wenn der Sommereffekt wegfällt. "Durch konsequentes Testen, Auffinden und Isolieren von Kontaktpersonen sollte es aber gelingen, eine mögliche zweite Welle in Griff zu kriegen."

  • Wie hoch sind die Kollateralschäden einzuordnen?

"Der Lockdown wird Effekte auf die Wirtschaft, vor allem aber auf  Lebensqualität und Lebenserwartung der Menschen haben", betont Sönnichsen. Finanzielle Belastungen, Existenzängste und Armut würden die Lebenserwartung stark beeinträchtigen: "Bei einer etwaigen zweiten Welle kann die Strategie nicht sein, alles erneut zuzumachen." Hacker verweist darauf, dass die massiven wirtschaftlichen Auswirkungen, die letztlich auch dem Gesundheitssystem schaden, bis jetzt noch zu wenig berücksichtigt wurden. Kritik übt er daran, dass sich die Regierung nicht schon in der Phase des Lockdowns klare Regelungen für das Wiederhochfahren des Landes überlegt hatte.  

  • War es übertrieben, so viele Betten freizuräumen?

Es sei zu hinterfragen, ob so harte Maßnahmen in einem Land wie Österreich gerechtfertigt sind, das über eine ungleich bessere medizinische Infrastruktur verfüge wie etwa Italien, sagt Pichlbauer. Im Büro Hacker verteidigt man das: "Wir wurden für das Betreuungszentrum in der Messe Wien kritisiert, das lange nicht belegt war. Ohne dieses hätten wir jetzt aber nicht so rasch auf den Covid-Ausbruch in einem Flüchtlingsheim reagieren können." Sönnichsen kritisiert lediglich, dass man zu langsam auf die Entspannung der Lage reagiert hätte: " Ich glaube, dass es in Anbetracht der Verhältnisse in Italien Anfang März gerechtfertigt war, dass man auch hierzulande die Kapazitäten gesperrt hat. Spätestens Anfang April hätte man erkennen müssen, dass keine Überlastung des Gesundheitssystems droht."

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