© via REUTERS/SEAN ELIAS

Wissen Gesundheit
04/30/2020

Forscherwettlauf: Erste Coronavirus-Impfung schon im September?

Britische Gruppe hofft auf erste Ergebnisse bereits im Juni. Umstritten: US-Initiative wirbt für gezielte Infektionen im Labor.

von Ernst Mauritz

Das Jenner Institute der Universität Oxford in England will besonders schnell sein: Im ersten Schritt soll an mehr als 500 Studienteilnehmern ein Impfstoff gegen Covid-19 getestet werden, insgesamt sollen es bis Sommer an die 5.000 Testpersonen sein. Bereits im Herbst könnten mit einer Notfallszulassung größere Impfstoffmengen verfügbar sein – falls er wirksam ist. „Wir haben die Arbeit von fünf Jahren in vier Monaten geschafft“, sagte Studienleiterin Sarah Gilbert der Times.

Die Forscher aus Oxford verwenden ein nicht krankmachendes Botenvirus, das mit kleinen gentechnischen Eingriffen als neues Coronavirus „verkleidet“ wurde (siehe Factbox unten). Weil sie die Sicherheit ihres Verfahrens bereits in früheren Studien mit anderen Viren getestet haben, haben sie einen zeitlichen Vorsprung. An einem ähnlichen Impfstoffprojekt ist übrigens auch die österreichische Firma Themis beteiligt.

Sieben Forschungsgruppen in den USA, Großbritannien, China und Deutschland haben bereits die Genehmigung für klinische Studien mit Probanden – darunter auch das Mainzer Unternehmen Biontech. Zwölf Personen haben dort bereits erste Impfstoffdosen erhalten, geplant sind 510 Studienteilnehmer. Insgesamt gibt es bereits mehr als 80 Impfstoffprojekte.

Geschützte Affen

In China ließ dieser Tage die Firma Sinovac aufhorchen: Sie hatte bei Rhesusaffen Erfolg mit einem Impfstoff aus inaktivierten Viren. Die Tiere zeigten keine Nebenwirkungen und waren auch vor Infektionen im Labor mit hohen Virenmengen geschützt. Das sorgte auch deshalb für Aufsehen, weil so ein Impfstoff einfach zu produzieren wäre und weltweit Produktionsanlagen zur Verfügung stehen.

Beschleunigte administrative Abläufe, höherer Personaleinsatz, laufende Einreichung von Zwischenergebnissen: Das soll erste Impfstoffzulassungen innerhalb von 12 bis 18 Monaten ermöglichen. „Es muss aber sichergestellt werden, dass der Impfstoff anhaltend schützt und unbedenklich ist“, betont die Virologin Heidemarie Holzmann von der MedUni Wien. „Und dass es zu keinen unerwünschten, die Infektion verstärkenden Reaktionen des Immunsystems kommt.“

Heftigere Krankheitsverläufe

Antikörper können nämlich in bestimmten Fällen auch dazu beitragen, dass Infektionen heftiger verlaufen. Dafür gibt es Beispiele auch aus der jüngeren Vergangenheit, sagt Holzmann: „Der Impfstoff gegen die Tropenkrankheit Dengue kann bei Menschen, die noch nie so eine Infektion durchgemacht haben, das Risiko für einen schweren Verlauf erhöhen – und darf deshalb nur Personen verabreicht werden, die in einem Endemiegebiet leben und zuvor schon eine laborbestätigte Dengue-Infektion durchgemacht haben.“

Alexander Herzog, Generalsekretär der Pharmig (Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs), betont: „Es wird alles getan, damit es schnell geht, aber ein Medikament muss auch sicher sein.“ Klaus Cichutek vom deutschen Paul-Ehrlich-Institut: „Man kann auf manche Untersuchungen verzichten, kritische müssen in jedem Fall gemacht werden.“

Umstrittene US-Initiative

Für Diskussionen sorgt eine private US-Initiative: Mehr als 8.000 gesunde Freiwillige zwischen 20 und 45 Jahren haben sich auf der Homepage „1 Day Sooner“ gemeldet. Sie erklären sich bereit, für Monate in die Isolation zu gehen, mit einem der Testpräparate geimpft zu werden und sich dann absichtlich im Labor mit dem Virus infizieren zu lassen. Damit könnte, so die Initiatoren, die Forschung beschleunigt werden. Noch ist das reine Theorie – auch in den USA ist keine derartige Studie genehmigt. Viele Experten sind extrem kritisch: „In den USA gibt es so viele Infizierte, warum solle man das tun?“, so der Tenor. Das mache man im Tierversuch, nicht beim Menschen. Holzmann: „Das ist ethisch extrem problematisch und für mich unvorstellbar.“

Genbasierte Impfstoffe
Sie enthalten den genetischen Bauplan für Proteine (Eiweiße) des Coronavirus.  Zellen produzieren diese Eiweiße dann,  stellt also den Impfstoff (eben diese Virusbestandteile) selbst her. Das Immunsystem erkennt diese Eiweiße  als fremd – und baut einen Schutz dagegen auf.

Impfstoffe mit Transportviren
Harmlose Viren, die im Menschen keine Erkrankung auslösen, werden so verändert, dass sie charakteristische Oberflächenbestandteile des Coronavirus aufweisen. Dem Immunsystem wird so eine SARS-CoV-2-Infektion vorgegaukelt.

Totimpfstoffe
Hier werden winzige Mengen abgetöteter Viren injiziert.

Passivimpfung
Konzentrate von Antikörpern werden gespritzt, die einen sofortigen Schutz bieten, der jedoch nur für kurze Zeit– ungefähr drei Monate – anhält.