Gewebeprobe: Viren (Pfeil) docken an Zellen an.

© EPA/UNIVERSITY OF MILAN/SCIBIS HANDOUT

Wissen Gesundheit
04/28/2020

Sterben am Coronavirus: Was die ersten Obduktionen zeigen

Pathologen betonen: "Die meisten sterben direkt an Covid-19." Die Diskussion "sterben an" oder "sterben mit" sei dabei irrelevant.

von Ernst Mauritz

Die Sicherheitsauflagen sind hoch: Ganzkörperanzug, FFP3-Masken, Unterdruck, damit keine Erreger entweichen können: Am Diagnostik- und Forschungsinstitut für Pathologie der MedUni Graz werden alle Patienten des Uniklinikums Graz obduziert, "bei denen eine SARS-CoV-2-Infektion diagnostiziert wurde und die bei uns verstorben sind", sagt Institutsvorstand Gerald Höfler. 18 waren es bisher, von 14 gibt es jetzt erste Ergebnisse.

"Zwölf davon sind eindeutig an den Folgen ihrer Covid-19-Erkrankung gestorben. Sie hatte alle schwere Lungenveränderungen – etwa die typische Schädigung der Lungenbläschen –, die letztlich zum Tod geführt haben." Auch in den meisten anderen Organen sei das Virus nachweisbar gewesen: "Aber hier sind noch genauere Untersuchungen notwendig, um mögliche Schädigungen festzustellen."

Nur bei zwei der Infizierten waren Grunderkrankungen die Todesursache. "Aus der bisherigen Erfahrung heraus muss ich aber eindeutig sagen: Die meisten sterben direkt an Covid-19, also der Erkrankung, die durch das Virus hervorgerufen wird. Und nicht mit Covid, wie das manchmal diskutiert wird."

"60 plus ist doch nichts"

Und er betont: "Der einzige gemeinsame Risikofaktor bei den zwölf Verstorbenen war ihr Alter 60 plus – aber das ist ja nichts. Ein etwas vorgeschädigtes Herz oder eine etwas beeinträchtigte Lunge hat man bald in dem Alter." Er bringt ein Beispiel: "Wenn jemand Herzschwäche hat, gut damit lebt und dann verstirbt er mit einer schweren Covid-Erkrankung, ist eindeutig das die Todesursache. Dieser Patient hätte noch viele Jahre leben können. Zu sagen, die Alten oder Kranken wären sowieso gestorben, ist menschenverachtend. Denn die Covid-Erkrankung war eindeutig lebensverkürzend. Deshalb sind Schutzmaßnahmen so wichtig."

"Irrelevant"

Zuletzt wurde in Deutschland mehrfach die Frage aufgeworfen, ob jemand "an oder mit dem Virus verstorben ist". Christa Freibauer, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Klinische Pathologie und Molekularpathologie, hält diese Frage für "müßig und irrelevant".

Zwar werde vom Sozialministerium jeder Fall mit nachgewiesener SARS-CoV-2-Infektion als Covid-Toter gezählt (543 Stand Dienstagabend). Aber in der Todesursachenstatistik sei das anders:

Infektion ohne Erkrankung:

"Der alleinige Nachweis einer Infektion ohne Zeichen einer Erkrankung führt nicht dazu, dass als Todesursache Covid-19 erfasst wird", betont Freibauer.

Infektion mit Erkrankung:

Ist aber eine Covid-Erkrankung nachgewiesen, "ist sie auch dann als unmittelbare zugrunde liegende Todesursache anzusehen, die direkt zum Tode geführt hat, selbst wenn Begleit- und Vorerkrankungen bestehen."

Krankheit verstehen

Freibauer betont, wie wichtig Obduktionen "für das Verständnis einer neu aufgetretenen Krankheit wie Covid-19 sind". Zwar gebe es immer mehr wissenschaftliche Arbeiten über den Verlauf der Erkrankung im Spital. Aber Untersuchungen zu Gewebeveränderungen und Schädigungen von Organen auf Basis klassischer Obduktionen liegen nur wenige vor. "Deshalb gibt es jetzt eine bisher beispiellose internationale Initiative, Schnitte von Gewebeproben – neben der Lunge etwa auch Leber, Niere oder Herz – zu sammeln und zu digitalisieren. Wir Pathologen sind aufgerufen, Obduktionen durchzuführen, um solche Fragestellungen zu beantworten – das ist wichtig für künftige Therapien."