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Wissen Gesundheit
12/03/2020

Kein Kontakt, viele Sorgen: Die Jugend im Ausnahmezustand

Der Pandemie-bedingte Freiheitsverlust trifft viele Teenager hart. Corona hat auch ihr Leben auf den Kopf gestellt. Fünf junge Menschen über Probleme und Lichtblicke im Lockdown.

von Marlene Patsalidis, Ute Brühl, Daniela Davidovits, Heinz Wagner

Kein Fortgehen, keine Freunde, keine Freizeitbeschäftigung, kein normaler Schulalltag. Dafür umso mehr Sehnsucht nach Kontakt, Spaß und Ablenkung. Genau den Dingen also, bei denen Jugendliche "wichtige Erfahrungen des Sichausprobierens und Sichauslebens machen", weiß Birgit Satke, Leiterin von Rat auf Draht.

Dass ihr Leben in einer Phase des Umbruchs und der Suche nach Sinn wegen Corona auf null geschaltet wird, sei schwierig zu verkraften. Noch mehr als im ersten Lockdown werde in Beratungsgesprächen offensichtlich, "dass viel Zukunftsangst hochkommt". Das betrifft den Wiedereinstieg in die Schule, mögliche Lerndefizite und das Gelingen von aufgeschobenen Schularbeiten ebenso wie den Fortbestand von Freundschaften.

Wie viele Erwachsene plagt auch das Gros der Teenager die Sorge, Nahestehende anzustecken und in Gefahr zu bringen. Daneben greift zusehends die Überforderung um sich, sagt Satke: "Das ist ein massives Thema, sowohl in Bezug auf Distance Learning, technische Tools und Hausaufgaben als auch das Familiengefüge und die Probleme, die da auftauchen." Sie berichtet von einem Anstieg psychischer Gewalt in Familien. Vor allem in Städten, weil Wohnungen oft klein und Freiräume nur schwer zu schaffen sind.

Mit dem Social Distancing geht für die Jugend ein großes Stück Freiheit verloren: "Das Thema Freunde treffen ist omnipräsent. Der physische Kontakt wird sehr vermisst." Dennoch meistern viele die Krise kreativ. "Heranwachsende sind durchaus anpassungsfähig und nutzen die Möglichkeiten, die sie haben." Sich digital auszutauschen, lenkt von Frustgedanken und Isolationsgefühlen ab.

Ob Verliebtheitseuphorie, Herzschmerz oder Freundschaftszwist: Das emotionale Erleben kann im Teeniealter einer Achterbahnfahrt gleichen. "Wichtig ist, dass Jugendliche darüber reden, und vertraute Menschen um sich haben, bei denen sie sich öffnen können." Wie gut junge Erwachsene die Ausnahmesituation meistern, hänge stark vom Umfeld ab. Ist es stützend und der Kontakt gut organisiert, bleibt die Gefühlswelt eher in Balance.

Wird die Pandemie psychosoziale Spuren hinterlassen? "Schwierig abzuschätzen", sagt Satke. Ob sich die Einschränkungen zu einem Knick in der Biografie auswachsen, werde man erst rückblickend beurteilen können. Allerdings muss nicht jede Krise automatisch katastrophale Folgen haben: "Man kann auch an ihr wachsen."

Rat auf Draht: Kinder und Jugendliche und deren Angehörige können sich rund um die Uhr anonym und kostenlos mit jedem Anliegen an die Notrufnummer 147 wenden.

Immerhin sind wir auch während des Lockdowns ein- bis zweimal pro Woche in die Schule  gegangen – dort waren wir in Kleingruppen eingeteilt, damit sich nicht so viele treffen. Das war doch ganz gut, weil  man da  mehr lernt als zu Hause, auch wenn das mit dem Online-Unterricht  im Großen und Ganzen gut geklappt hat. Meine Aufgaben habe ich zum Beispiel immer rechtzeitig abgegeben. Dennoch ist es nett, wenn man in der Schule dann auch seine Freunde wiedertrifft.

Ein wenig Sorgen bereitet mir meine Zukunft:  Bald habe ich die Schule beendet und dann muss ich eine Lehrstelle suchen. Am liebsten würde ich eine Ausbildung zum Verwaltungsassistenten bei der Stadt Wien machen. Ich befürchte aber, dass es wegen Corona weniger Lehrstellen geben könnte.

Für mich fühlt sich gerade alles wie ein Traum an, unwirklich, als wäre die Zeit im Lockdown einfach stehen geblieben. Es kommt mir vor, als würde ich auf der Stelle treten, im Leben nicht mehr vorankommen. Dazu kommt diese ständige Langeweile. Ans Distance Learning habe ich mich inzwischen gewöhnt.

Wenn der Unterricht vorbei ist, kann ich mich aber kaum ablenken. Meistens hänge ich dann am Handy, schaue Serien oder videotelefoniere mit Freunden, um etwas von ihrem Leben mitzubekommen. Ich vermisse die Zeit mit ihnen sehr. Gemeinsam auf Partys zu gehen, neue Leute zu treffen, lustige Erinnerungen zu sammeln.

Weil meine Oma im gleichen Haus wohnt, erlebe ich auch, was es heißt, wenn man nahe Verwandte plötzlich nicht mehr sehen kann. Das ist schwierig für uns alle.

Mir geht es im Lockdown sehr gut. Ich mache alle meine Aufgaben und habe genug Freizeit. Dann zoome ich mit meinen Freunden oder mache etwas mit meinen größeren Geschwistern. Ich bin in der 2. AHS und habe deshalb weniger zu tun als sie. Meine Schwester in der 7. AHS sitzt fast den ganzen Tag beim Computer.

Im ersten Lockdown war mir langweilig und ich habe  angefangen zu backen. Am Anfang ging es nicht so gut, aber inzwischen mache ich jeden Tag Kekse oder Kuchen. Oft verteile ich sie an Freunde: Da spaziere ich hin und gebe sie ihnen auf der Straße – so sehe ich sie.  Meine Großeltern  habe ich schon besucht. Nächste Woche gehe ich wieder in die Schule. Das finde ich gar nicht so gut, weil ich mir zu Hause meine Aufgaben selbst einteilen kann und das mag ich.

Tagein, tagaus das Gleiche. Aufstehen, Zähne putzen,  an den Computer setzen. Ich finde das inzwischen ziemlich anstrengend. Als 14-jährige Schülerin in der 5. Klasse einer neuen Schule ist der Alltag wie weggeschwemmt. Keine Freunde mehr zu treffen und nicht mehr von den Lehrern genervt zu sein, sondern sich schon auf die ständigen Meetings zu freuen, empfinde ich als ziemlich komisch.
Sich nur übers Internet mit  anderen zu unterhalten, ist leider nicht das Gleiche, wie wenn man sich persönlich trifft.

Mir fällt auf, dass einige Mitschüler das Homelearning genießen, weil sie nicht so früh aufstehen müssen. Ich gehöre eher zu denen, die es nicht so gut finden, weil man immer das Gefühl hat,   dass noch Arbeit vor einem liegt – man ist nie fertig.

Auch wenn mir durch die Einschränkungen wegen Covid-19 vieles schwerfällt, versuche ich das Gute zu sehen. Ich schätze jetzt Freundschaften viel mehr, und bemühe mich stärker, sie aufrecht zu halten. Ich freue mich auch schon sehr, meine Verwandtschaft wieder zu sehen. Mit meinem Vater, der in Graz wohnt, telefoniere ich viel. Immerhin hatte ich so Zeit für neue Dinge, vor Kurzem habe ich meinen ersten Song "Christmas Time Again" herausgebracht.

Musik hören ist mir gerade jetzt sehr wichtig und nun bin ich selbst auf Spotify und YouTube zu finden. Ich spiele Bratsche, singe und komponiere, so kann ich meine Gefühle in dieser Zeit ausdrücken. Aufregend war auch, dass ich im ersten Lockdown einen kleinen Bruder bekommen habe, mit dem ich jetzt viel Zeit verbringen kann.

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