Wissen und Gesundheit
01.02.2018

Schmerzen: Diese Stellen tun am häufigsten weh

Neue Studie zeigt: Wer gut informiert ist, kommt damit deutlich besser zurecht. Experten beklagen große Defizite in der Patientenversorgung.

Ein bis eineinhalb Stunden dauern bei chronischen Schmerzpatienten Erstgespräch und Erstuntersuchung: "Viele Patienten sagen mir nachher, dass es ihnen jetzt – alleine durch Zuhören und das Gefühl des Angenommenseins – besser geht", erzählt die Schmerzspezialistin Gabriele Grögl-Aringer. Die Anästhesistin ist Präsidentin der Österr. Schmerzgesellschaft und leitet das Schmerzteam in der Wiener Rudolfstiftung. Doch im niedergelassenen Bereich werden solche zeitaufwendigen Untersuchungen nicht ausreichend honoriert: "Und in den Spitälern gibt es zu wenige Schmerzambulanzen."

Großer Bedarf

Dabei ist der Bedarf für Schmerztherapie enorm: Fast jeder vierte Österreicher leidet laut einer Studie des Zentrums für Public Health der MedUni Wien unter chronischem Schmerz – der Rücken ist der häufigste Schmerzauslöser (siehe nachstehende Grafik). Zumindest jeder Fünfte ist innerhalb eines Jahres von Rückenschmerzen betroffen – bei rund zwei Drittel davon sind diese Schmerzen chronisch, dauern also über das eine Jahr hinaus an. Insgesamt haben knapp 40 Prozent der Bevölkerung innerhalb eines Jahres zumindest einmal stärkere Schmerzen.

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Intensität sinkt

Eine weitere Studie des Zentrums (beide erschienen im Fachmagazin Wiener klinische Wochenschrift) zeigt jetzt, welchen Effekt eine umfassende Betreuung und gute Information haben: "Menschen mit einer höheren Gesundheitskompetenz – einem guten Wissen, einer guten sozialen Einbindung – haben eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie die Intensität ihres Schmerzes als geringer empfinden und mit dem Schmerz besser umgehen können", sagt Studienleiter Thomas Dorner. "Chronischer Schmerz ist komplex und umfasst biologische, psychologische und soziale Aspekte. Es ist wichtig, Menschen mit ihren Schmerzen ernst zu nehmen, auch wenn keine klare biologische Ursache gefunden werden kann. Sie müssen gleichberechtigt in Therapie-Entscheidungen eingebunden werden."

Dorner betont, dass es genauso falsch ist einem chronischen Schmerzpatienten zu sagen, ,Ihr Schmerz ist nur psychisch bedingt‘: "Es sind immer viele Faktoren."

Eine Odyssee

Die Realität ist aber oft eine andere: "Schmerzpatienten müssen im Schnitt eine eineinhalb- bis zweijährige Odyssee in Kauf nehmen, bis sie eine aussagekräftige Diagnose haben", sagt Grögl-Aringer. "In den vergangenen Jahren sind österreichweit rund zehn Schmerzambulanzen geschlossen worden." Dort sollte es als Basis immer ein schmerz- und physiotherapeutische sowie eine psychologische Versorgung geben – "aber dafür ist in den meisten Fällen nicht das notwendige Personal vorhanden".

Die wichtigsten Faktoren

"Komplette Schmerzfreiheit ist oft nicht realistisch", sagt Dorner. "Aber die zwei wichtigsten Faktoren, die stark die gesundheitliche Zufriedenheit beim chronischen Rückenschmerz bestimmen, sind die Verbesserung bzw. Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit – und mehr Zufriedenheit mit dem Sexualleben. Beides kann mit höherer Gesundheitskompetenz erreicht werden: "Das ist Aufgabe der Schule ebenso wie des Gesundheitssystems."

Ein ausführliches ärztliches Gespräch könne schon viel beitragen: "Dieses hat eine enorme Bedeutung." Für ein Gesundheitssystem hier zu investieren, zahle sich aus, betont Dorner: "Medikamentenkosten gehen ebenso zurück wie Krankenstände, verminderte Arbeitsleistung oder Frühpensionierungen."

Neue Daten aus Finnland

Starke chronische Schmerzen schmälern nicht nur die Lebensqualität: Sie verkürzen offenbar auch die Lebensdauer. Darauf verwies am Mittwoch die Schmerzgesellschaft anlässlich der „Österreichischen Schmerzwochen“. Untersucht wurden die Todesursachen von mehr als 1500 Patienten in Finnland, die an schweren, nicht durch Krebs bedingten Schmerzen litten. Sie erreichten ein Alter, das im Schnitt 14 Jahre unter der Lebenserwartung von Männern und Frauen in der Durchschnittsbevölkerung lag. „Immer mehr Daten belegen, dass chronische Schmerzen ein wesentliche Rolle für eine erhöhte Sterblichkeit spielen“, so Grögl-Aringer.

Diskussion um Paracetamol

Neue Daten gibt es auch zu Paracetamol: Hier hatten Untersuchungen die Sicherheit in Frage gestellt – etwa für Schwangere, Personen mit Herzproblemen oder Lebererkrankungen. Eine kritische Literaturanalyse von Wiener Experten gibt jetzt aber Entwarnung: „Wenn es darum geht, schwache bis mäßige Schmerzen bei Erwachsenen zu lindern, zählt Paracetamol aufgrund seiner Sicherheit und Verträglichkeit nach wie vor zu den Mitteln erster Wahl“, so Hans-Georg Kress, Leiter der Klinischen Abteilung für Spezielle Anästhesie und Schmerztherapie der MedUni Wien. Vorausgesetzt allerdings, dass die empfohlenen Dosierungen eingehalten werden.