Péter Magyar: Die Ungarn wählen ihn hauptsächlich wegen Orbán

Péter Magyar ist aus dem Nichts zum stärksten politischen Gegner geworden, den Viktor Orbán jemals fürchten musste. Seinen Aufstieg verdankt er weniger sich selbst als den Schwächen seines Gegners.
Hungary: Orban vs Magyar

"Kannst du den Spiegel drehen? Meine Frisur sieht irgendwie aus", sagt Péter Magyar, dann schlüpft er in seine Tisza-Jacke und steigt aus dem Auto. Es ist sieben Uhr morgens, es ist der erste Wahlkampfauftritt von sieben an diesem Tag.

Magyar hat dazugelernt: Auf den letzten Metern im Wahlkampf darf ihn das unabhängige Medienportal Telex einen Tag lang begleiten. Die Journalisten sitzen mit ihm im Auto, begleiten ihn zu den Terminen. Viel gibt er dennoch nicht preis. Er erzählt, wann er zuletzt trainiert hat – "vor zwei Monaten, ich bin ziemlich außer Form" –, wann er aufsteht – "um fünf, ich schlafe wenig" – und dass ihn Regierungsmitglieder auf Facebook blockiert haben, damit er ihre Beiträge nicht mehr kommentieren kann.

Nur mit ihm nach Hause um kurz vor Mitternacht kommen die Redakteure nicht mehr.

Vor Kurzem war das noch ganz anders: Selbst mit Journalisten unabhängiger Medien sprach der 45-Jährige nur ungern, internationalen Medien gab er kein Interview. Auch Tisza-Mitgliedern wurde gesagt, nicht mit der Presse zu sprechen. Böse Zungen behaupten, da wirke noch die Schule der Fidesz-Partei nach. Doch der Hauptgrund ist wohl eher Vorsicht: Schon ein unbedachtes Wort könnte den regierungsnahen Medien als willkommene Angriffsfläche dienen.

Eine Wahl gegen Orbán

Dass Magyar, dessen Name fast schon symbolisch auf Ungarisch Ungarn bedeutet, heute als ernstzunehmender Herausforderer gilt, der Ministerpräsident Viktor Orbán nach 16 Jahren an der Macht in einem eigens zugeschnittenen Wahlsystem schlagen könnte, ist vorrangig dem Versagen Orbáns selbst zu verdanken. Viele Ungarn wählen Magyar nicht seinetwegen, sondern gegen Orbán.

Magyar mit seiner damaligen Ehefrau, Justizministerin Judit Varga, bei der Stimmabgabe der Parlamentswahl 2022.

Magyar mit seiner damaligen Ehefrau, Justizministerin Judit Varga, bei der Stimmabgabe der Parlamentswahl 2022.

Er gilt nicht als besonders zugänglich; ihm werden Arroganz, Ehrgeiz, Eifersucht und Affären nachgesagt. In das von Fidesz propagierte Idealbild eines fürsorglichen Familienvaters passt er kaum. Im Wahlkampf versuchte man, ihn damit zu Fall zu bringen. Es wurde mit der Veröffentlichung eines Sex- und Drogenvideos gedroht, hinter dem eine Ex-Freundin stecken soll. Magyar kam dem mit einem Gegenangriff und einer Art Geständnis zuvor – das Video ist bis heute nicht aufgetaucht.

Und dennoch hat er es geschafft wie kein ungarischer Politiker vor ihm, eine Bewegung aus dem Nichts zu stampfen, die über eineinhalb Jahre hinweg die Umfragen anführte und trotz struktureller Nachteile im Wahlsystem laut seriösen Instituten sogar eine Zweidrittelmehrheit erreichen könnte.

Magyar profitiert vor allem von seiner Vergangenheit: Als Konservativer, ehemaliges Fidesz-Parteimitglied und Ex-Ehemann der früheren Fidesz-Justizministerin Judit Varga punktet er auch bei enttäuschten Fidesz-Wählern. Lange war der Jurist und Berufspolitiker ein Unbekannter auf dem politischen Parkett, es heißt, er kam in der Partei nicht so weit, wie er gern gewollt hätte.

Der Ex-Fidesz-Insider

In Erscheinung trat er nach der Affäre um die Begnadigung eines Kindermissbrauchsmittäters im Februar 2024. Infolge dessen traten Varga und die Präsidentin Katalin Novák zurück, was für heftige Kritik sorgte – die Begnadigung soll von weiter oben angeordnet worden sein. Magyar nutzte den Moment: Er trat als Insider auf, kritisierte die Männer, die sich "hinter Frauenröcken" versteckten, legte die Vetternwirtschaft der Regierung offen, und mobilisierte damit Hunderttausende zu Demonstrationen.

HUNGARY-POLITICS-JUSTICE-DISSENT-CORRUPTION

Magyars "Auspacker-Interview" 2024. 

Bald entstanden lose organisierte Unterstützergruppen, sogenannte "Inseln" – ohne klassischen Parteiapparat, koordiniert über eine App. Dann schloss sich die Bewegung mit der kleinen, 2021 gegründeten Mitte-rechts-Partei Tisza ("Respekt und Freiheit"), die so heißt wie ein ungarischer Nebenfluss der Donau, zusammen. Magyar wusste sofort, dass er für Erfolg vor allem die ländlichen Regionen für sich gewinnen musste, er tourte auf Traktor-Anhängern durchs ganze Land. Etwas, das die alteingesessenen Oppositionsparteien nie taten, was ihnen den Ruf einer urbanen, abgehobenen Elite in Budapest einbrachte. Auch deswegen hält Magyar bewusst Distanz zu ihnen.

Fehlzeiten im EU-Parlament

Aus dem Stand holte die Partei bei der Europawahl 2024 knapp 30 Prozent. Magyar landete im EU-Parlament, wo er aufgrund des Wahlkampfes in Ungarn allerdings die niedrigste Anwesenheitsrate aller 720 EU-Abgeordneten verzeichnet.

Noch etwas hat er sich von der frühen Fidesz-Partei abgeschaut: Die Tisza-Bewegung hält er bewusst ideologisch offen; heikle außen- und sicherheitspolitische Fragen zur EU, zu Russland oder zur Ukraine meidet er. Sie sind der wohl größte Konfliktpunkt innerhalb seiner heterogenen Wählerschaft. Dass sich die geeinte Opposition bei der letzten Wahl 2022 pro-ukrainisch positionierte, lieferte Orbán damals eine dankbare Vorlage für seine anti-ukrainische Rhetorik.

Stattdessen spricht Magyar vor den Ungarn von Themen, die alle Menschen spüren: das marode Gesundheitssystem, die niedrigen Löhne, die hohe Inflation, die Energiepreise. Bei konkreten politischen Maßnahmen bleibt er oft vage. Magyar hat keine Regierungserfahrung – ein Unsicherheitsfaktor. Dafür umgibt er sich mit erfahrenen Personen aus der Privatwirtschaft und ehemaligen Fidesz-Mitgliedern.

"Macht ihr das mit Viktor Orbán auch?“, fragt Magyar die Telex-Journalisten am Ende des Tages. Man habe ihm eine Anfrage geschickt, antworten die, doch er habe abgelehnt.

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