Mütter gegen Orbáns Batterien "made in Hungary"
"Worker’s Home" steht auf dem blauen Schild in weißen Buchstaben, darüber chinesische Schriftzeichen. Ein Schranken hindert an der Einfahrt, ein Wächter in Warnweste dreht sich bewusst weg. Dahinter eingezäunt: vielleicht ein Dutzend weißer, doppelgeschossiger Wohnbauten für Arbeiter. "Sklaven", nennt sie Éva Kozma.
Die Ungarin düst mit ihrem knallroten Fiat 500 X durch den Industriepark von Debrecen – nicht gerade ein unauffälliges Auto. Sie winkt ab. Man kenne sie hier sowieso schon, sagt sie. Nicht nur hier, auch in den Zeitungen, im Internet und im Parlament in Budapest: Der für den Wahlkreis im Parlament sitzende Fidesz-Abgeordnete László Pósán nennt sie eine Verräterin; ein rechter Influencer postete eine Foto-Montage von ihr auf einem Bett liegend, während ihr der US-Philanthrop George Soros und der ukrainische Präsident Wolodmir Selenskij, die üblichen Feindbilder von Viktor Orbáns Fidesz-Partei, Geld zustecken.
Das "Worker’s Home" für chinesische Arbeiter in Debrecen.
"Ausverkauf" an den Osten
Éva Kozma ist eine der Mütter von Mikepércs, eine Protestgruppe, die sich vor Jahren geformt hat, als hier nahe Debrecen die chinesische Batteriefabrik CATL, weltweit größter Hersteller von Akkus für E-Autos, gebaut werden sollte. Die chinesische Firma Halms war als erste hier, sie baut Getriebegehäuse; es folgte die koreanische Firma Eco Pro, die erste koreanische Produktionsstätte für Kathoden in Europa, eine andere, die Anoden baut, wieder eine weitere für Separatoren – die gesamte Bandbreite von Batteriekomponenten findet sich hier, CATL baut dann den Akku zusammen. Die Fabrik soll die größte weltweit werden, CATL hat hier die größte, ausländische Direktinvestition (7,3 Milliarden Euro) in der ungarischen Geschichte vorgenommen.
Das ist die Industrie der Zukunft, der Wirtschaftsmotor des Ungarns von morgen, der die junge, ausgebildete Bevölkerung in der Region halten werde, so das Versprechen der Regierung von Orbán. Erfüllt hat es sich bisher noch nicht.
Die Mütter von Mikepércs sind nur eine Protestgruppe von vielen; insgesamt zählt man in Ungarn 46 Firmen, die im Batteriesektor tätig sind, darunter Rohstoff- und Zulieferer, Zellhersteller sowie Lagerstätten für Schadstoffe. Orbán fördert die Ansiedelung großzügig – "im Durchschnitt 12 Prozent ihres Investitionswertes", sagt die ungarische Ökonomin Andrea Éltető. Dazu kämen indirekte Beihilfen für den Bau von Infrastruktur, Wasser- und Stromleitungen, von denen vorrangig jene ungarischen Riesenunternehmen profitieren, denen persönliche Nähe zu Orbán und anderen Regierungsmitgliedern vorgeworfen wird. "Insgesamt belaufen sich die staatlichen Beihilfen für den Batteriesektor auf 1.700 Milliarden Forint (rund 4,2 Milliarden Euro), was zwei Prozent des ungarischen BIP eines Jahres entspricht", so Éltető.
CATL will in Debrecen das größte Werk weltweit bauen.
Explosionen und Brände
Mindestens genauso häufig, wie Ankündigungen neuer Investitionssummen und Standorteröffnungen in den regierungsnahen Blättern zu finden sind, berichten unabhängige Medien über Sicherheitsvorfälle und Brände in einem der Werke. Im Februar machten Aufnahmen von Feuer und Explosionen in einem Batteriewerk in Komárom die Runde, Anfang März kam es zu Feuerwehreinsätzen bei einer großen Samsung-Fabrik in Göd. Für die Herstellung von Batterien braucht man Rohstoffe wie Kobalt, Nickel, Lithium und Schwermetalle, in der Verarbeitung können sie gesundheitsgefährdende Chemikalien freisetzen. Das Investigativportal Telex deckte auf, dass in besagter Samsung-Fabrik in Göd Arbeiter dem mehr als 500-Fachen zulässigen Grenzwert krebserregender Stoffe ausgesetzt gewesen sein sollen. Die Regierung soll davon gewusst – und geschwiegen haben.
Auch Éva Kozma fürchtet die gesundheitlichen Auswirkungen auf Mikepércs durch in die Luft gelangende Schadstoffe – Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Atemwegsprobleme, die Förderung von Krebserkrankungen. Die Mütter haben begonnen, Schadstoffmessungen der Luft anzustellen. Messstationen wurden in den lokalen Kindergärten aufgestellt, die Werte können online eingesehen werden. Éva zeigt die Werte vom gestrigen Tag: Dreimal ist der Balken in den Bereich "ungesund" gestiegen. Ganz schlecht sei, sagt Éva, sei die Luft während der Wintermonate, wenn zusätzlich viel geheizt würde.
Éva Kozma, eine Mutter von Mikepércs, vor dem CATL-Werk in Debrecen.
Auf einer Autobahnbrücke wird kurz Halt gemacht. Von hier aus überblickt man den gesamten Industriepark, dahinter der Flughafen, die zweitgrößte Stadt Ungarns, Debrecen, rundherum sind Felder und ungarische Tiefebene. In knapp 40 Kilometern ist man an der rumänischen Grenze. Hier ist viel Landwirtschaft, viel Viehzucht, die Region ist nicht besonders reich an Wasser. Debrecen bezieht Wasser über einen Kanal aus der Theiß, der Flusspegel ist laut Éva in den letzten Jahren stark gesunken.
Wasser brauchen auch die Firmen zur Kühlung, genauso wie Strom. "Der ganze Park hier braucht so viel Energie wie das Atomkraftwerk in Pécs täglich produziert", sagt Éva – jenes Kraftwerk, dessen geplante Erweiterung in Österreich für Sorgefalten und sogar Klagen sorgt.
Der Batterieriese CATL äußert sich kaum öffentlich zu den Vorwürfen. Presseanfragen bleiben lange unbeantwortet, bis es heißt: Ein Hintergrundgespräch via Zoom sei möglich.
Die ungarische Wirtschaft setzt seit 2010, der Wiederwahl Orbáns, extrem auf ausländische, vor allem asiatische Direktinvestitionen. 30 Prozent der chinesischen Direktinvestitionen in die EU gehen nach Ungarn. Andere wichtige Sektoren wie Gesundheitswesen oder Bildung haben vergleichsweise wenig Finanzierung erhalten. Die Regierung will Ungarn bis 2030 zur zweitgrößten EV-Batteriemacht in Europa machen. Experten warnen vor einem "wirtschaftlichen Klumpenrisiko".
Neben CATL ist der chinesische Autobauer BYD ein Zugpferd. Allerdings hat dieser angekündigt, seinen Fokus auf die Türkei legen zu wollen, wo BYD ähnliche Zollerleichterungen für den Export in die EU genießt, wie wenn das Werk im EU-Raum stehen würde. Das Werk in Szeged dürfte weitaus kleiner und mit weniger Kapazitäten ausfallen als geplant. Ursprünglich sollten hier 200.000 Fahrzeuge pro Jahr gebaut werden.
Der große Wirtschaftsschub ist Orbán bisher nicht gelungen: Für heuer wird ein Wirtschaftswachstum von 2,2 Prozent prognostiziert (zum Vergleich: Polen 3,2 Prozent). Das Haushaltsdefizit betrug 2024 rund fünf Prozent des BIP.
Auf der Suche nach ungarischen "Talenten"
CATL investiere 7,3 Milliarden Euro in den Standort. Seit Beginn der Produktion, im September 2024, habe man 240.000 Batteriemodule gebaut, für rund 60.000 E-Autos in Europa. Die Nachfrage sei enorm, die Kapazitäten voll ausgelastet; die Namen der Kunden könne man auf Wunsch der Autobauer aber nicht nennen. Ist aber nicht notwendig: Die deutschen Marken Audi, Mercedes-Benz und BMW haben seit Jahrzehnten Werke in Ungarn, mittlerweile baut auch der Chinese BYD.
Die Umwelt- und gesundheitlichen Bedenken der Bevölkerung nehme man zur Kenntnis, heißt es: CATL verweist auf die Nutzung und Aufbereitung von Schmutzwasser zur Kühlung; auf den Werken seien Solaranlagen geplant, das langfristige Ziel sei es, klimaneutral zu werden. Man halte sich an alle Regelungen der ungarischen Regierung und der Europäischen Union, und könne natürlich nur für CATL sprechen und nicht die anderen Fabriken im Industriepark.
Vorfälle wie in anderen Batteriefabriken, etwa in Göd, habe es bei CATL in Debrecen nicht gegeben. Solche Berichte, gibt CATL zu, schadeten aber der gesamten Branche.
Auf die Frage, warum ausgerechnet Debrecen als Standort für das Werk ausgewählt wurde, fällt bald der Verweis auf die lokale Universität und das Potenzial junger "Talente". Doch auch dieses Bild ist umstritten: Nicht nur für den Bau der Produktionsstätten, auch chinesische Ingenieure würden hier arbeiten. "Wir haben mit ungarischen Ingenieuren gesprochen, die berichten, dass sie nach kurzer Zeit gekündigt wurden, und durch asiatische Fachkräfte ersetzt wurden", sagt Éva Kozma; ähnliche Erzählungen findet man in Foren online. "Wir Ungarn tratschen ihnen zu viel, sind in ihren Augen faul." Die ungarische Regierung hat 2023 ein Arbeitskräftegesetz erlassen, das Gastarbeitern aus Nicht-EU-Ländern erlaubt, sich bis zu drei Jahre lang in Ungarn aufzuhalten.
Im Februar 2023: Protest gegen den angekündigten Bau des CATL-Werks.
Ungarns Fachkräftemangel
"Der Batteriesektor ist für ungarische Verhältnisse zu hoch entwickelt", sagt Ökonomin Éltető, "sowohl was natürliche Ressourcen als auch Fachkräfte angeht." Die ungarische Wirtschaft leidet unter einem Fachkräftemangel, viele Hochqualifizierte zieht es aufgrund besserer Jobaussichten und höherer Gehälter nach Westeuropa oder in die USA. Ungarn verzeichnet in hoch qualifizierten Sektoren praktisch null Arbeitslosigkeit. "Diese Unternehmen konkurrieren um denselben kleinen Arbeitskräftepool", sagt Éltető. Infolge würden auch qualifizierte asiatische Fachkräfte angeworben und eingestellt.
CATL widerspricht: Man zähle in Debrecen 1.600 Beschäftigte, darunter chinesische Expats und Leiharbeitskräfte; zwei Drittel seien "Locals", ein Drittel aus dem Ausland. Jene chinesischen Bauarbeiter, die in dem "Worker’s Home" lebten, arbeiten für eine externe Firma, die das Werk errichtet.
"Mein Mann sagt, ich verbringe mittlerweile mehr Zeit hier im Park als im Garten", erzählt Éva auf dem Rückweg aus dem Industriepark. Natürlich hätten ihr anfangs die Postings und die Schikane zugesetzt. Vor allem, als ihre Eltern die Zeitung aufschlugen und die Diffamierung der Regierung gegen sie darin lasen. Doch heute unterstützten sie Éva, genauso wie ihr Mann und ihre Kinder, bedingungslos.
Lange habe man Fidesz gewählt, sagt die 50-Jährige, ihre Familie entstammt der ungarischen Minderheit in Rumänien, eine traditionell loyale Wählerbasis von Orbáns Fidesz. Auch die oppositionelle Tisza-Bewegung hätte lange nicht auf die Bedenken der Protestgruppen gehört. Erst als der Vertuschungsskandal um die Samsung-Fabrik in Göd aufgedeckt wurde, habe Tisza reagiert.
"Wir sind nicht gegen den Industriepark an sich. Es geht darum, dass hier unser Land verschmutzt und verkauft wird an ausländische Firmen", sagt Éva. Sie legt einen letzten Stopp neben alten Gleisen ein. Jüngst wurde hier eine alte Zugstrecke stillgelegt, auf Wunsch von CATL, weil sie durch das Industriegebiet fuhr. Die Linie hat Debrecen mit den Ungarn in Rumänien verbunden.
Die Entscheidung wurde von einer Regierung getroffen, die sich nicht nur im Wahlkampf, auf dessen Zielgeraden sich Ungarn befindet (die Wahl ist am 12. April) als Beschützerin der Ungarn inner- und außerhalb der Grenzen des Staates inszeniert, die verspricht, Ungarn vor ausländischer Einflussnahme zu beschützen und die nationalen Interessen zu verteidigen. Das ärgert die Mütter von Mikepércs besonders.
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