Faule Orangen und Groß-Ungarn-Träume: Wahlkampfendspurt in Budapest

In Budapest lieferten sich Regierung und Opposition am Nationalfeiertag ein Ringen um die besseren Bilder. Es ist ein Kampf um die letzten, noch unentschlossenen Wähler.
Viktor Orbáns Rede am Kossuth Platz vor dem Parlament in Budapest.

"5.000 Forint", fast 13 Euro – der Mann am Ferenc-Deák-Platz deutet auf den weißen Schal, auf dem eine schimmelnde Orange gedruckt ist, darüber der Schriftzug: "Die Orange verfault!" Orange ist die Farbe der national-konservativen Fidesz-Partei von Ministerpräsident Viktor Orbán. Der Verkäufer lacht stolz über seinen Einfall. 

Noch mehr, nämlich 6.000 Forint (15 Euro) kostet der Schal ein paar Straßen weiter, vor dem ungarischen Parlament, wo Orbán seine Anhänger versammelt. Die eine Seite des Schals leuchtet in den Nationalfarben, die andere Seite in den Farben Blau und Gelb, jenen der ungarischen Minderheit in Rumänien. Darauf, in Runen geschrieben: Ungarn und Siebenbürgen.

Der Wahlkampf in Ungarn ist auch ein Kampf um Bilder und Symbole. Seit Orbáns Wiederwahl 2010 gab es keine Wahl, bei der die Regierung in den Umfragen so abgeschlagen lag wie diesmal. Die oppositionelle Tisza-Bewegung rangiert bei 49, Fidesz bei 39 Prozent.

Ungarn Nationalfeiertag 2026

Kampf der Schals: In den ungarischen Nationalfarben und blau-gelb, den Farben der ungarischen Minderheit in Rumänien.

Schal Magyar Tisza

.. oder mit einer faulen Orange, der Schal der Oppositionsbewegung Tisza.

Der 15. März, an dem der ungarischen Revolution von 1848/49 gegen die Habsburger gedacht wird, ist zuallererst ein Feiertag, an dem selbst der kosmopolitischste Ungar einen rot-weiß-grünen Anstecker trägt. Doch knapp vier Wochen vor der Parlamentswahl ist es noch einmal der Tag, an dem beide Lager versuchen, so viele Menschen wie möglich auf die Straße zu holen. 

Sowohl Orbán als auch Herausforderer Péter Magyar haben jeweils über 100.000 Teilnehmer angekündigt, und von den größten Märschen aller Zeiten gesprochen. Beide wollen mit Luftaufnahmen und Schätzungen der Menschenmengen die noch unentschlossenen Wähler beeindrucken. Experten sprechen von zehn bis maximal 15 Prozent der Wähler, die noch unsicher sind.

Streit um Drohnen-Verbot

Dass genau diese Bilder die Regierung gleichzeitig fürchtet, zeigte ein Streit im Vorhinein des Feiertags: Das Verteidigungsministerium hat den Einsatz von Drohnen untersagt, angeblich aus Sicherheitsgründen. Später wurde revidiert: Der Antrag der Tisza-Partei sei fehlerhaft gewesen, deswegen wurde die Erlaubnis nicht erteilt. Trotzdem flogen am Sonntag Drohnen.

Magyar, der trotzdem zum Fliegen von Drohnen aufrief, zog im Netz den Hass von Orbán-nahen Influencern auf sich: Der eitle Politiker rufe seine Anhänger zum Gesetzesbruch auf, nur weil er schöne Aufnahmen von sich wollte.

Péter Magyar zog ebenso mit hunderttausend Anhängern durch Budapest.

Péter Magyar zog ebenso mit hunderttausend Anhängern durch Budapest.

Gefühlt ganz Ungarn zog es am Sonntag nach Budapest: Richárd und Gergö, 18 und 19 Jahre alt, sind um sechs Uhr früh aufgestanden, um den Zug um 7:40 Uhr aus der südungarischen Stadt Szeged nach Budapest zu nehmen: "Jetzt oder nie", steht auf dem Schild, das sie hochhalten – wobei die letzten beiden Wörter durchgestrichen sind. "Wir glauben ans Jetzt", sagen die beiden. 

Immer wieder hört man dieselben Gründe für die Abwahl der Regierung: die Korruption, die hinterzogenen Steuern, die hohe Inflation, das marode Gesundheitssystem. "Ich habe Orbán 2010 gewählt, weil er pro-europäisch war und versprochen hat, etwas gegen die Korruption der alten Parteien zu unternehmen", sagt ein Mann, der für Tisza Fahnen und Schilder verteilt. "Doch er hat uns betrogen."

Orbáns Angstszenarien 

Ein paar Straßen weiter, bei den Fidesz-Unterstützern, herrschen andere Ängste: Kriegsgefahr, drohende Flüchtlingswelle. Ein braun gebrannter Mann trägt eine orangene Kappe mit der Aufschrift "Bleibt weg" – auf die Frage, an wen das gerichtet ist, antwortet er: "An all die, die Ungarn Böses wollen."

"Man muss nicht alles gut finden, was Orbán macht. Aber ich teile seine Familienpolitik und dass er uns vor Flüchtlingen schützt", sagt der Ungar Vilmos Lazar, er hat eine Zeit lang in Deutschland gelebt. Seine Frau trägt einen der besagten Ungarn-Schals um den Hals. Eine ältere Frau aus Pécs erzählt, es gehe bei dieser Wahl um alles, um Krieg oder Frieden. 

Ein Mann hält ein Schild hoch mit den Köpfen von Wolodimir Selenskij und Maygar, durchgestrichen und mit der Aufschrift "Stoppt den Krieg". Magyar würde nur das machen, was die EU will, nicht die Ungarn, sagt er. Auf die zurückgehaltenen EU-Gelder könne Ungarn weiterhin gerne verzichten – "wir hätten sowieso nichts davon, weil wir dann mehr Geld an die Ukraine zahlen müssen", sagt der Mann.

Schilder auf der Wahlveranstaltung Orbáns.

Schilder auf der Wahlveranstaltung Orbáns.

Es ist ein wiederkehrendes Narrativ in Orbáns Reden, auch diesmal: Eine knappe halbe Stunde lang spricht Orbán über das Geld der Ungarn, das Brüssel zurückhalte, weil es die EU für den Krieg bräuchte: "Sie wollen auch das Geld unserer Enkelkinder, sie wollen euch zu Schuldknechten machen", erklärte er. "Ich werde nicht zulassen, dass sie Ungarn ausrauben." Zudem wolle Brüssel EU-Soldaten in die Ukraine schicken.

Auch über die Migrationskrise 2015 spricht Orbán – und warnt vor einer ähnlichen Fluchtwelle aus dem Iran, die über Europa hereinzubrechen droht. Damals habe man den Mut gehabt, die Aufnahme von Flüchtlingen abzulehnen, "und ich verspreche, dass dies so bleiben wird, solange ich Ministerpräsident bin". 

Vor seinen Anhängern gibt Orbán zu, man habe schwierige Jahre hinter sich. Doch es sei ungerecht, "dass wir unser Land vor Problemen schützen mussten, die andere verursacht haben." Orbán schließt die Rede mit einer Wahlempfehlung – die Wahl am 12. April sei eine zwischen ihm – und Selenskij. Seine Empfehlung ist klar.

Nationalistische Töne

Maygar hält seine Rede nach dem Marsch durch Budapest am Heldenplatz, davor spielt eine Band ein eigens für die Partei geschriebenes Lied. Der Politiker spricht davon, was sich bei einem Sieg ändern würde, er würde ein humaneres, anständigeres Ungarn aufbauen, "in dem man nicht nur überleben, sondern in Frieden aufblühen" könne. "Dieses Land ist viel mehr, als sie daraus gemacht haben", sagte er. 

Auch Magyar gibt sich nationalistisch: "Ich schwöre, dass ich allen Ungarn dienen werde, sowohl hier als auch jenseits der Grenze", wiederholt zitiert er aus der Nationalhymne. Er verspricht: Wer nicht für ihn stimme, werde nicht benachteiligt, niemand werde als Verräter beschimpft. "Der Hass wird am 12. April enden."

Das Thema Ukraine lässt er bewusst weg, ruft aber seinem Publikum mehrmals zu: "Wir wollen keinen Krieg!" Sein Lager besteht aus linken, rechten, liberalen, konservativen Wählern; heikle Themen könnten die letzten Unentschlossenen vergraulen. 

Sonntagabend, die Reden sind geschlagen. Die ungarische Tourismusbehörde hat erste Zahlen anhand der georteten Mobiltelefone veröffentlicht: Sie spricht von 180.000 Menschen bei Orbáns Rede, und rund 150.000 auf dem Heldenplatz. Unabhängige Schätzungen gibt es noch nicht.

Eine Gruppe Studierender steht neben einem Tisza-Stand, hat sich erst Orbán, dann Magyar angehört. Ihr Fazit: "Das Land braucht nach 16 Jahren eine Veränderung." Sie wünschten, sie hätten eine andere Wahl. Doch die gäbe es nicht.

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