Der Kampf um Orbáns Land
"Lasst uns nicht zulassen, dass Selenskij als letzter lacht“: Die Übermacht der ungarischen Regierung spiegelt sich in der enormen Wahlpropaganda wieder.
Schlafen, scherzt Ferenc Szele, tue er während der Arbeit. "Dazu bleibt gerade einfach keine Zeit."
Der 56-Jährige verbringt jede freie Minute damit, Plakate aufzuhängen, Flyer zu verteilen und an Haustüren zu klopfen, um seinen Nachbarn die Angst vor dem Krieg zu nehmen, in den Ungarn verwickelt würde, sollte die Opposition bei der Parlamentswahl siegen. Mit diesem Narrativ zumindest versucht Ministerpräsident Viktor Orbán, seine Wähler emotional zu mobilisieren.
Ferenc Szele sitzt in einem Couchsessel in seinem Wohnzimmer, trägt ein weißes T-Shirt mit blauem Tisza-Logo – aus eigener Tasche finanziert, genau wie die Kugelschreiber, die auf dem Tisch liegen. Viel Geld für den Wahlkampf – "nämlich unser Steuergeld" –, das hat nur Orbáns Fidesz-Partei.
"Die Leute fangen an, zu glauben, dass Tisza wirklich gewinnen kann. Wir sind viele", sagt Tisza-Anhänger Ferenc Szele.
Einschüchterung und Stimmenkauf
In Ferenc’ Wohnzimmer haben sich mehrere Unterstützer der Tisza-Bewegung des ehemaligen Fidesz-Mitglieds Péter Magyar versammelt – eine Pensionistin, ein junger Journalist, ein Polizist, der namentlich nicht genannt werden will. So wie viele Sympathisanten von Magyar.
"Das erleben wir auch an den Haustüren: Dass die Leute uns gegenüber ihre Unterstützung aussprechen, sich aber öffentlich nicht äußern wollen", sagt der 28-jährige Journalist Martin Nemeth. "Weil sie Angst haben, dass sie ihren Job verlieren oder ihnen gedroht wird."
Mit Boni und Sonderzahlungen versucht Orbán bekanntlich, Stimmen zu kaufen; zuletzt haben Soldaten, Polizisten und Grenzschutzbeamte einen "Waffenbonus" bekommen in Höhe von sechs Monatsgehältern, bei manchen bis zu drei Millionen Forint, etwa 7.600 Euro. Doch er sei nicht käuflich, versichert der Polizist in Ferenc' Wohnzimmer.
Ferenc selbst ist Jurist bei der Nationalen Steuerprüfung und sagt ebenso: "Sollte Fidesz an der Macht bleiben, haben sie schon einen Nachfolger für mich."
In knapp vier Wochen wählt Ungarn ein neues Parlament. Viktor Orbán droht nach 16 Jahren die Abwahl; die Tisza-Partei vom einstigen Fidesz-Mitglied Péter Magyar liegt seit über einem Jahr in Umfragen vorne. Medián, eines der führenden, unabhängigen Umfrageinstitute, das 2018 und 2022 die Zwei-Drittel-Mehrheit von Orbáns Fidesz prognostiziert hatte, sagt nun sogar Tisza gute Chancen auf ebenfalls mindestens 133 der 199 Sitze im Parlament voraus.
Wahlkreise neugeordnet
Bük ist ein kleiner Kurort mit 3.500 Einwohnern, knapp zehn Kilometer hinter der österreichischen Grenze. Ungarn ist ähnlich ländlich geprägt wie Österreich: Ein Drittel der 9,5 Millionen Einwohner lebt in Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern.
Am Land ist Orbáns Fidesz-Partei traditionell stark, vor allem bei den Parlamentswahlen. Hier erlebte man die Deindustrialisierung und die Abwanderung stärker als in den Städten. Orbán gibt sich seit jeher als Verteidiger des ländlichen Ungarns, inszeniert sich als Kind vom Land – obwohl er in der 100.000-Einwohner-Stadt Székesfehérvár geboren ist.
Viele Regierungsprogramme wurden als Unterstützung des ländlichen Raums verkauft; dahinter steckten vorrangig Großaufträge, die Firmen erhielten, die Orbán nahestehen. Zusätzlich hat sich die Regierung mit Wahlsystemreformen geholfen: Ländlichere Gebiete wurden in mehrere Wahlkreise aufgeteilt, wodurch die Zahl der Sitze, die die Regierungspartei gewinnen kann, erhöht wurde. Was Orbán in die Karten spielt: Am Land werden hauptsächlich traditionelle Medien konsumiert, die Fidesz über die letzten Jahre Schritt für Schritt aufgekauft hat.
Doch selbst hier hat man die grassierende Korruption und die Politik der Regierung satt – dass etwa ein Lkw-Verbot im ganzen Ort gilt, nur nicht für die Firma von Orbáns Schwiegersohn. Oder dass regionale Unternehmen – jüngst eine ungarische Käserei – schließen müssen, während die Ansiedelung ausländischer Firmen von der Regierung gefördert wird.
Aufmarsch am Nationalfeiertag
Ferenc wird, wie so viele Tisza-Anhänger aus dem ganzen Land, am heutigen Nationalfeiertag in Budapest sein: Seit jeher hält Orbán an dem Gedenktag an den Unabhängigkeitskrieg 1848/49 vor dem Parlament eine große Rede, lässt Unterstützer aus dem ganzen Land ankarren, während die Opposition nicht weit entfernt, am Deák-Ferenc-Platz, mobilisiert. "Dann wird jeder sehen, wie viele wir sind", sagt Ferenc. Er hofft, damit die letzten unentschlossenen Wähler zu mobilisieren.
Für die meisten ist die Person Péter Magyar zweitrangig. Den Tisza-Unterstützern, die sich bei Ferenc versammelt haben, geht es um das Ende der 16-jährigen Orbán-Regierung.
Schmutzkampagnen
Die letzten Wahlkampfwochen werden hart, sagt Ferenc: In seinem Wohnzimmer rechnet man damit, dass die eine oder andere Schmutzkampagne gegen Magyar noch auftauchen könnte – zuletzt wurde dem Oppositionspolitiker mit der Veröffentlichung eines Sex-Videos gedroht – oder dass Orbán eine gegen sich selbst inszeniert.
Aktuell kursiert ein Video in den sozialen Medien, in dem Orbán mit seiner Familie telefoniert und Kinder und Enkelkinder vor Angriffen und "Drohungen" aus der Ukraine warnt. Jüngst hatte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij im Streit um russische Öllieferungen nach Ungarn gesagt, er könnte "die Adresse dieser Person an unsere Streitkräfte weitergeben" – und damit Orbán gemeint. Wasser auf den Mühlen von Orbáns Kampagne, in der Brüssel und die Ukraine als Feindbilder dienen. Wegen angeblich drohender Angriffe auf Energieinfrastruktur hat die ungarische Regierung Soldaten entsandt – auch bei einem Öllager in Celldömöl nahe Bük wurden Soldaten stationiert. Unter den versammelten Tisza-Unterstützern sorgt das für Gelächter und fassungsloses Kopfschütteln.
Ferenc glaubt fest daran, dass Tisza seinen Wahlkreis gewinnen kann. Jüngste Erhebungen sehen dafür nur eine 22-prozentige Chance. Genug Schlaf dürfte Ferenc erst wieder nach der Wahl bekommen.
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