Ungarns Jugend tanzte für die "Revolution"
Zwei Frauen drängen sich vor die abgeschirmte Fidesz-Parteizentrale am Heldenplatz – die Wände der Absperrung sind mit Graffitis überzogen. Das größte zeigt einen grünen Viktor Orbán mit Krone und in Sträflingsanzug, auf der Brust statt einer Häftlingsnummer das Datum 12. Mai 2026, wenn sich das neue Parlament spätestens konstituieren muss. "Fideath" statt "Fidesz", steht daneben. Im Hintergrund grölen Zehntausende Menschen "Dreckige Fidesz!" und "Russen raus!"
Wo Orbán einst selbst als 27-Jähriger für die jungen Ungarn 1989 den Abzug der Sowjets und Freiheit forderte, tat es ihm 37 Jahre später die heutige Jugend Ungarns gleich – und forderte in teils wüster Sprache ein Ende der Ära Orbán.
Bilder vom Konzert in Budapest
Mehr als 50 Künstler traten am Freitagabend am Heldenplatz in Budapest bei einem Protestkonzert, einem "Systemsprenger"-Konzert, wie es genannt wurde, auf. Organisiert hatte es der ungarische Moderator und Orbán-Kritiker Róbert Puzsér. Die Menschen drängten bis auf die Andrássy-Allee, die berühmteste Prachtstraße Budapests, zurück – eine Masse, die enorme Bilder produzierte.
Graffitis vor der Fidesz-Parteizentrale in Budapest.
"Wir werden die Geschichte umschreiben. Das können sie nicht von uns wegnehmen", wettert Puzsér über den Platz. Jugendliche in Zebrakostümen – eine Anspielung auf die Tiere, die die Familie von Orbán auf ihrem Luxusanwesen in Hatvanpuszta halten soll – tanzen zu bekannten, ungarischen Künstlern wie Azahriah, Krúbi, Beton. Hofi und Tamás Molnár, abgerissene Plakate des Fidesz-Bezirkskandidaten werden grölend herumgereicht. Die Positionierung der Künstler zeigt: Auch die Kultur hat Fidesz satt – die Einmischung bei Besetzungen und Inhalten, die politische Einmischung bei der Förderung bestimmter Künstler, Spielstätten und Produktionen.
Insider packen aus
Dann treten zwei groß gewachsene Männer auf die Bühne, und die Menge jubelt. Es sind zwei Insider, die in den vergangenen Wochen gegenüber unabhängigen Medien über das System Orbán ausgepackt haben – ein Militär, der den Zustand der ungarischen Streitkräfte heftig kritisiert und die Unzufriedenheit der Armee preisgibt, und ein Polizeibeamter, der eine angeblich vom Geheimdienst gesteuerte Operation gegen die oppositionelle Tisza-Partei anklagt.
Als danach die populäre Rock-Band Quimby in ihrem Lied "Forradalom" über Revolution sing, ist die Stimmung am Höhepunkt.
Es sind die Stimmen der jungen Bevölkerung, die bei den vergangenen Wahlen oft gefehlt haben. Heuer dürfte das anders sein, Umfrageinstitute rechnen mit einer Rekordwahlbeteiligung. Die lag bislang bei rund 70,5 Prozent und wurde 2002 erreicht – als Orbán nach seiner ersten Amtszeit abgewählt wurde.
Auslandsungarn pendeln für Stimmabgabe nach Hause
Gergő Puskás bekommt das Spektakel in Budapest höchstens über einen Livestream auf YouTube mit. Er sitzt am Freitagnachmittag im Zug von St. Pölten über Budapest Richtung Südungarn, mit ihm ein Freund aus Deutschland. Vor vier Jahren hat er auf seine Stimme verzichtet, "weil klar war, dass Fidesz gewinnt." Diesmal ist er einer von Tausenden Ungarn, die für die Wahl extra nach Hause fahren.
Über 100.000 Menschen waren beim Protestkonzert in Budapest.
Denn das ungarische Wahlsystem ist besonders unfair gegenüber Auslandsungarn, die nicht in einem Nachbarland Ungarns wohnen, die möglicherweise auch wegen besserer Jobaussichten im Ausland, der grassierenden Korruption und schlechten Wirtschaftslage verlassen haben, und eher für die Opposition stimmen als für Fidesz. Im Ausland können ungarische Staatsbürger mit Hauptwohnsitz in Ungarn nur bei einer Botschaft oder einem Konsulat abstimmen, und nur eine Partei und keinen Direktkandidaten wählen. Doch mehr als die Hälfte der Parlamentssitze (106 der 199) werden an die Direktkandidaten vergeben.
Er habe Ungarn vor allem wegen der Vetternwirtschaft verlassen, sagt Gergő: Er war in Ungarn selbstständig, hat eine Autowerkstatt betrieben. "Wenn du ein Freund von Fidesz bist, dann hast du es gut. Bist du gegen sie, hat dich plötzlich das Finanzamt im Visier, oder das Leben wird dir anders schwer gemacht." So sei es etwa einem Freund ergangen. Geschichten wie diese hört man häufig.
Und dann ist da das Gesundheitssystem, das in den vergangenen Jahren kaum Investitionen erlebt hat. Für Operationstermine müssen Patienten teils jahrelang warten. Berichten zufolge fehlt es in vielen Spitälern an grundlegenden Dingen wie Seife oder Toilettenpapier. Im Internet kursieren Vergleiche zwischen Fotos ungarischer Krankenhäuser und den Ruinen von Tschernobyl.
Seine Familie wähle unbeirrt Fidesz, erzählt Gergő auf der Zugfahrt, Gespräche über Politik meide er. Der 38-jährige Ingenieur leitet einen eSport-Verein. "Diesmal haben alle, von 18 bis 40 Jahre gesagt, sie wollen wählen gehen." Wen, das sei klar.
Unsicherheit
Doch der Ungar weiß auch um die Unsicherheit, die nach dem Sonntag droht: Die Fidesz-Regierung hat ihren Einfluss auf Institutionen abgesichert, die neue Oppositionsbewegung Tisza von Péter Magyar hat keine Regierungserfahrung, gibt sich in vielen Fragen bewusst offen und breit wählbar. "Vielleicht werden wir uns in vier Jahren fragen, was wir da gewählt haben. Aber so wie jetzt, kann es nicht weitergehen."
Kurz vor Mitternacht am Heldenplatz in Budapest: Am Ende des Konzerts tritt der Organisator Puzsér nochmal auf die Bühne. "Sie schwelgen in ihrem Luxus, sitzen beim Feuer, während ihr es seid, die kämpfen, um Miete und Lebensmitteln bezahlen zu können. Es reicht – geht wählen!", ruft er, bevor das Licht ausgeht.
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