Ungarn wählt: Dieses Szenario könnte Orbán wirklich gefährlich werden

Ungarn wählt am Sonntag ein neues Parlament, Premier Viktor Orbán liegt in den Umfragen zurück. Vier Szenarien für den Wahlausgang.
Ungarn wählt: Dieses Szenario könnte Orbán wirklich gefährlich werden

Donald Trump versuchte es am Donnerstagabend abermals: "GEHT RAUS UND WÄHLT VIKTOR ORBAN", schrieb der US-Präsident auf seiner Plattform Truth Social. Dass dieser Aufruf auf den letzten Metern noch großen Einfluss haben wird, ist zu bezweifeln. Auch der Besuch von US-Vize JD Vance in Budapest hat nicht den erhofften Schub auf die Umfragen gehabt.

Dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán droht am Sonntag nach 16 Jahren an der Macht die Abwahl, die herausfordernde Tisza-Partei von Ex-Fidesz-Mann Péter Magyar könnte gewinnen. Unabhängige Institute sagen 49 Prozent für Tisza, 39 Prozent für Fidesz voraus. 

Vier Szenarien für den Wahlausgang sind realistisch, manche mehr, manche weniger wahrscheinlich. Und nur eines wäre eine ernste Bedrohung für Orbáns Einfluss auf Ungarn.

1. Orbáns Fidesz sichert sich abermals eine Zweidrittelmehrheit, also mindestens 133 Sitze im Parlament: Das Szenario ist unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. "Die Regierungspartei hat das Wahlsystem so verändert, dass sogar weniger als die Hälfte der abgegebenen Stimmen für eine Zweidrittelmehrheit reichen. 2014 war das der Fall, damals holte Fidesz "nur" 44,9 Prozent der Stimmen", sagt der ungarische Jurist Peter Techet vom Institut für den Donauraum und Mitteleuropa (IDM).

Ländliche Wahlkreise, die eher konservativ sind und bisher Fidesz wählten, sind im Parlament stärker vertreten als oppositionelle Hochburgen wie die Hauptstadt Budapest – wiewohl die Mandatsaufteilung der Verteilung der Bevölkerung im Land widerspricht. 106 Sitze im Parlament werden über die Einzelwahlkreise vergeben, 93 über die jeweiligen Parteilisten. Der Stimmen in den Wahlkreisen werden zudem bei den nationalen Parteilisten zugerechnet – das System ist komplex und birgt einen enormen Vorteil für die regierende Fidesz.

2. Trotzdem gilt es als wahrscheinlicher, dass Fidesz nur eine einfache Mehrheit holt: "Das wäre eine Blamage für Fidesz", sagt Techet. Allerdings könnte Orbán mit dem bestehenden System weiterregieren, Institutionen wie der Budgetrat oder die Justiz sind zugunsten Orbáns besetzt.

3. Gewinnt Tisza die einfache Mehrheit, was als das wahrscheinlichste Szenario gilt, "würde das bedeuten, dass die Legislative von den fortbestehenden Organisationen blockiert werden könnte", sagt Techet. Auch für die kleinsten Gesetzesänderungen braucht es im Parlament eine Zweidrittelmehrheit, für die Absetzung der auf Lebzeit ernannten Fidesz-Leute in der Medienaufsicht oder die Neubesetzung von Richtern sowieso. Orbán könnte sich bei diesem Ergebnis als demokratischer Verlierer inszenieren und trotzdem noch Einfluss üben.

4. Mittlerweile hält Medián, eines der zuverlässigsten Meinungsforschungsinstitute in Ungarn, das auch die Erdrutschsiege Orbáns in der Vergangenheit korrekt vorhergesagt hat, jedoch sogar eine Zweidrittelmehrheit für Tisza für wahrscheinlich. Es wäre ein historischer Erfolg angesichts der Manipulation des Wahlsystems für Magyar und Orbáns "worst-case"-Szenario. "Tisza könnte dann am ersten Tag die Verfassung ändern, es gibt keine weiteren Einschränkungen wie in Österreich oder Deutschland", sagt Techet.

"Polnisches Szenario"

Allerdings hätte selbst in diesem Fall die alte Regierung noch einen gewissen Spielraum: Der Parlamentspräsident, László Kövér, ein extremer Orbán-Loyalist und Fidesz-Gründungsmitglied, könnte das alte Parlament bis zu 30 Tage nach der Wahl zusammenrufen; Orbán könnte mit seiner Zweidrittelmehrheit abermals grundlegende Änderungen vollziehen, die notwendige Mehrheit für Gesetze weiter erhöhen oder die Kompetenzen des von Fidesz gestellten Staatspräsidenten weiter ausbauen, der bereits Gesetze dem Verfassungshof vorlegen und blockieren kann. Beobachter sprechen auch von einem "polnischen Szenario" in Anspielung auf die Herausforderungen der liberal-konservativen Regierung von Donald Tusk gegen den PiS-Präsidenten Karol Nawrock.

Allerdings warnt Techet: "Fidesz kann theoretisch vieles machen. Doch die Bevölkerung wird nicht schweigend zusehen." Der Jurist rechnet mit großen Demos, sollte eine Blockade von Fidesz zu groß sein.

Ausgeschlossen ist allerdings auch nicht, dass hohe Fidesz-Leute bei einem großen Vorsprung der Tisza-Partei die Seiten wechseln. Sollte Magyar "nur" eine einfache Mehrheit holen, kann er das Parlament auflösen und Neuwahlen ausrufen, bei denen er versuchen würde, eine Zweidrittelmehrheit zu gewinnen. 

Eine weitere Unsicherheit birgt die rechtsextreme Kleinpartei Mi Hazánk, die als einzige Partei abseits von Fidesz und Tisza die Fünf-Prozent-Hürde überspringen und es ins Parlament schaffen könnte. Je nachdem, ob sie das schafft oder nicht, könnte sie die Mehrheiten beeinflussen. Fix ist, dass das ungarische Parlament nach dieser Wahl noch stärker rechts-konservativ ausgerichtet sein wird als zuvor.

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Keine Hochrechnungen

8,1 Millionen Ungarn sind am Sonntag wahlberechtigt, die Wahlbeteiligung könnte heuer vergleichsweise hoch ausfallen. 10.047 Wahllokale gibt es, die bis 19 Uhr geöffnet haben. Danach wird mit der Auszählung begonnen. Hochrechnungen gibt es keine, nur Exit Polls, also Nachwahlbefragungen, die aber zum Teil wenig aussagekräftig sind. 

Medián veröffentlicht am Sonntagabend nach Schließung der Wahllokale die jüngsten kumulierten Ergebnisse der jüngsten Umfragen von Donnerstag, Freitag und Samstag. Die rund 500.000 Stimmen von Auslandsungarn werden zudem erst am Donnerstag oder Freitag ausgezählt. Nur ungarische Staatsbürger in den Nachbarländern, die von der ungarischen Regierung teils großzügig finanziell unterstützt werden, teils dürfen per Briefwahl abstimmen, alle anderen müssen ihre Stimmen in Konsulaten und Botschaften abgeben. Kritiker sehen das als enorme Benachteiligung.

Ab 20 Uhr werden am Sonntag voraussichtlich erste Ergebnisse veröffentlicht, ländliche Wahlkreise werden früher ausgezählt und können erste Ergebnisse verzerren. Bei großem Vorsprung der Sieger-Partei könnte das vorläufige Ergebnis recht bald am Sonntagabend feststehen; wird es ein knappes Rennen, kann es bis spät in die Nacht auf Montag dauern. In der Vergangenheit ist die erfolglose Opposition gegen 23 Uhr vor die Presse getreten, um ihre Niederlage einzugestehen.

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