Ungarn wählt - und die Geschichte stimmt mit ab
Ein Sommertag im Juni 1920 nahe Versailles: Während im Schloss Trianon Diplomaten Landkarten zerschneiden, steht draußen eine kleine ungarische Delegation wie versteinert. Einer von ihnen, Albert Apponyi, meint später, hier sei nicht verhandelt worden, Ungarn sei „verurteilt“ worden – ein Satz, der sich tief ins nationale Gedächtnis eingebrannt hat: Als der Vertrag von Trianon unterzeichnet wird, verliert das Land zwei Drittel seines Gebiets. Kroatien, Siebenbürgen, die Slowakei – all diese Landstriche werden den teils neu gegründeten Nachbarländern zugeschlagen. Etwa ein Drittel aller Ungarn lebt nach dem Ersten Weltkrieg plötzlich fern der Heimat. Aus einem Großreich wird ein Reststaat, und mit dem Schrumpfen der Landkarte wächst das Trauma.
„Die Deutschen kümmern sich nicht um den Vertrag von Versailles von 1919, der ihnen territoriale Verluste, militärische Beschränkungen und Reparationszahlungen auferlegte. Die Österreicher nicht um jenen von Saint-Germain, der die Auflösung der Habsburgermonarchie festschrieb. Aber in Ungarn ist der Vertrag von Trianon noch heute ein großes Thema“, erzählt Oliver Rathkolb. Das zeigen vergleichende Umfragen, die der Historiker 2017 in Ungarn und anderen (ost-)europäischen Ländern durchgeführt hat. „Präsident Viktor Orban hat die tragischen Komponenten der ungarischen Geschichte sehr geschickt für sich vereinnahmt. Er hat erklärt, er wolle Ungarn zu neuer Größe führen. Und er inszeniert diese Fremdbestimmtheit.“
Er inszeniert diese Fremdbestimmtheit.
über Viktor Orban
Tatsächlich war Ungarn einst eine Großmacht, die 1526 in der Schlacht bei Mohács gegen das Osmanische Reich eine militärische Katastrophe erlitt, die den Zerfall des mittelalterlichen Königreichs einleitete. Der König fiel, die Elite starb auf dem Schlachtfeld. Ungarn verschwand für Generationen als souveräner Staat. Dieses Muster – plötzlicher Zusammenbruch statt langsamer Erosion – kehrt wieder.
Als die Osmanen schließlich zurückgedrängt werden, ist Ungarn nicht frei, sondern Teil der Habsburgermonarchie. „1848 versucht die unterjochte Nation eine Revolution und wird brutal niedergeschlagen“, sagt Rathkolb. Der Ausgleich von 1867 bringt Autonomie – aber auch Spannungen in einem Vielvölkerstaat, der längst zu groß und zu fragil geworden ist.
Aufstand und Scheitern
Der nächste Einschnitt kommt 1956. Budapest, Oktober: Studenten demonstrieren, Arbeiter schließen sich an, Statuen stürzen. Für wenige Tage scheint es, als könne sich Ungarn aus dem Griff der Sowjetunion lösen. Dann rollen Panzer. Der Aufstand wird niedergeschlagen, Tausende sterben, viele fliehen. 1956 wird zum Symbol eines gescheiterten Freiheitsversuchs – und gleichzeitig zu einem moralischen Bezugspunkt: Ungarn als Opfer fremder Mächte, aber auch als Land des Widerstands.
„Alle nachfolgende Regierungen haben diese historischen Traumata geschickt gepflegt – immer um eigene politische Vorteile herauszuholen. Am besten instrumentalisiert aber Orban die ungarische Geschichte“, sagt Rathkolb. Was sich der Historiker nicht erklären kann: „Dass die Ungarn dem Präsidenten und Fidesz diese unglaubliche Russland-Nähe verzeihen – vor dem Hintergrund von 1956, Tausenden Toten und mehr als 200.000 Flüchtlingen. Das ist mir ein Rätsel.“
Vielleicht spielt da aber auch ein anderer Faktor eine Rolle. Die Ungarn erwiesen sich in Rathkolbs eingangs angesprochener Umfrage als extrem apathisch. Tenor: „Man kann nichts mehr machen, es ist alles verloren. Und apathische Menschen sehnen sich nach starken Führungspersönlichkeiten, die sie aus ihrer Verzweiflung herausführen. Orban hat den Ungarn ein Ziel gegeben. Damit hat er reüssiert.“
Orban hat den Ungarn ein Ziel gegeben.
über die Gemütslage von Orbans Landsleuten
Ob das politisch aber dauerhaft trägt? „Das kann niemand sagen“, analysiert der Historiker. Denn gleichzeitig appelliere Orbans Herausforderer Péter Magyar geschickt an „die revolutionäre Vergangenheit der Ungarn. Vor allem der Jungen.“ Und weiter: „In dieser autoritären Welle, die wir in den vergangenen Jahrzehnten verfolgen, wäre es ein globaler Hammer, wenn das System Ungarn abgewählt werden würde.“
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